Bratschisten der Berliner Philharmoniker : Lob der Viola

Raus aus dem Dienerleben: Zwölf Bratschisten der Berliner Philharmoniker spielen im Kammermusiksaal die Trümpfe ihres Instruments aus.

Klangliche Wärme: die Viola im Fokus
Klangliche Wärme: die Viola im FokusFoto: picture alliance / Oliver Berg/dpa

Tausend Liebhaber der Viola füllen den Kammermusiksaal fast bis auf den letzten Platz. Und sie sind nicht gekommen, um den Wahrheitsgehalt jener Witze zu überprüfen, mit denen die Spieler des vollschlanken Geigenbruders traditionell verspottet werden. Sie wollen fantastische Musiker hören, wie sie bei den Berliner Philharmonikern in jeder Stimmgruppe zu finden sind. Überhaupt gelten Bratschisten zu Unrecht als die Ostfriesen des Orchesters. Klaus Wallendorf, ehemaliger Hornist und auch noch im Ruhestand für den philharmonischen Humor zuständig, fasst die Qualitäten der im sinfonischen Repertoire zumeist für die Füllstimmen eingesetzten Violen in folgende Verse: „Sie führen gern ihr Dienerleben,/ um nicht mit Trümpfen anzugeben,/ die sie zwar hätten, doch erst zeigen,/ wenn and’re Tonangeber schweigen.“

Besagte Trümpfe auszuspielen, dazu haben zwölf der 16 Philharmoniker-Bratschisten bei ihrem Debüt im Dutzend reichlich Gelegenheit: Da wäre zunächst jene klangliche Wärme der Instrumente, die gerade bei den aktuellen Außentemperaturen wirklich wohltut. In prächtiger Fülle entfaltet sie sich, wenn alle zwölfe zum Bogen greifen, bei frühbarocken Tänzen von Michael Praetorius oder auch für Verdis „Quattro pezzi sacri“. Letzteres ist eigentlich ein Chorstück, erweist sich mit seinem dichten Tonsatz aber als absolut bratschentauglich. Getragene Stücke von introvertierter Innigkeit, bei denen ein Hauch Melancholie mitschwingt, scheinen der Seele des Violaspielers besonders nahe zu sein.

Ernsthafter, erdiger Klang

Weil sie – im Gegensatz zu den berühmten zwölf Cellisten – erst wenige extra für sie geschaffene Stücke anbieten können, finden sich die philharmonischen Bratschen am Sonntag auch in kleineren Formationen zusammen. Eine echte Entdeckung ist hier Benjamin Dales „Introduktion und Andante“ von 1911, ein besonders fein gearbeitetes, jugendstilhaft-melodieseliges Sextett. Martin Stegner wiederum, der den Abend auch angenehm lakonisch moderiert, hat Stücke von Astor Piazzolla für vier Spieler arrangiert. Auch hier passt der ernsthafte, erdige Klang der Instrumente erstaunlich gut zum Gestus der Musik. Ganz im Sinne der Tangolehrer, die ja immer mahnen: Jeder Schritt muss aus dem Boden geboren werden!

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