Brexit-Theater im HAU : Politik geht durch den Magen

„I Love You, Goodbye“: Gob Squad verhandeln in ihrer neuen Performance im HAU Großbritanniens politische Verwerfungen am Esstisch.

English Breakfast. Schon beim Kochen treten kulturelle Wertvorstellungen zu Tage.
English Breakfast. Schon beim Kochen treten kulturelle Wertvorstellungen zu Tage.Foto: Gob Squad/HAU

Was Horizonterweiterung bedeuten kann, das hat die Performerin Johanna Freiburg von ihrer Mutter vermittelt bekommen. Die war in den 50ern als Schülerin zum Austausch nach England geschickt worden. Ohne jegliches Wissen über die jüngste deutschen Vergangenheit, ein Tabuthema daheim. In der jüdischen englischen Familie, die sie aufnahm, wurde die fällige Aufklärung dann nachgeholt. Aber nicht nur deshalb war es eine prägende Reise. Eindruck hinterließ zum Beispiel auch, wie die Mutter in dieser Familie Lippenstift trug, oder im Morgenmantel das Frühstück zubereitete. Alles undenkbar im preußischen deutschen Zuhause.

Freiburg, Mitglied des deutsch-britischen Performance-Kollektivs Gob Squad, ist mit anderen Selbstverständlichkeiten aufgewachsen. Ebenso Simon Will, der leicht jetlagged vor seiner Teetasse im Büro der Gruppe in Kreuzberg sitzt. Beide sind erst kurz zuvor von einem Gob-Squad-Gastspiel in Tasmanien zurückgekehrt. Die Welt ist kleiner geworden seit den 50ern, auch seit den 90ern, als Will erstmals nach Deutschland kam. Genauer gesagt nach Gießen, das sich in der Prä-Easy-Jet-Ära „wie ein weit entfernter, exotischer Ort anfühlte“. Hier, im Studiengang für angewandte Theaterwissenschaften, wo jährlich das „Diskurs Festival“ europäische Studierende mit ihren Arbeiten zusammenführt, hat das Kollektiv seine Wurzeln, wie an der Universität von Nottingham, wo Johanna Freiburg und ihre Kollegin Berit Stumpf sehr unbürokratisch, nur mit einem Empfehlungsschreiben ihrer Professorin im Gepäck, ein Gastsemester absolvieren durften.

Gefangen zwischen Narrativen

Es ist also keine pathetische Überhöhung, wenn man Gob Squad als Kind des europäischen Gedankens bezeichnet. Die Gruppe ist ungefähr so alt wie die Verträge von Maastricht, sie tourt seit vielen Jahren international, unterhält Büros in Berlin und England. Schon deshalb rückt ihr der bevorstehende Brexit besonders nahe, den die meisten ja bloß noch als Polit-Posse und Hanswurstiade mit bizarrem Unterhaltungswert wahrnehmen, als chaotisches Spektakel, das sogar die Populisten schreckt.

Simon Will, der in der Gegend zwischen Manchester und Liverpool aufgewachsen ist, kann über vieles auch nur den Kopf schütteln. Wie selbst in Mainstream-Medien vom „ungewählten EU-Ratspräsidenten“ Donald Tusk geredet werde. Wie man in den wirtschaftlich gebeutelten Gegenden Großbritanniens, wo nach der Kohle nichts mehr kam, alle Schuld auf Brüssel schiebe, nicht London. Wie es schließlich der Leaver-Kampagne gelungen sei, das Narrativ zu etablieren, man wolle „die Kontrolle zurückgewinnen“, wogegen sich ja schwerlich etwas einwenden ließe – wer will schon ohnmächtig sein? –, das alles verdüstert doch sehr seinen Blick in die nähere Zukunft. Freunde in England, allesamt Remainer, versteht sich, seien momentan deprimierter, als man sich vorstellen könne.

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Wenn der Brexit krank macht
Wenn der Brexit krank macht

In deutschen Medien, gibt Johanna Freiburg zu bedenken, werde ja angesichts knapper Brexiteer-Mehrheiten und anhaltender Verwerfungen gern suggeriert: „Die meinen das eigentlich nicht so“. Man müsse den irregeleiteten Briten nur die Chance geben, ihr Gesicht zu wahren, schon könne ein zweites Referendum den Fehler korrigieren. Wunschdenken, glaubt sie. Fakt sei nun mal, dass ungefähr die Hälfte der Bevölkerung es sehr wohl ernst meine mit dem EU-Ausstieg. Aufschub und  Deadline-Geschacher hin oder her.

Am 29. März, so viel ist sicher, wird der Brexit nicht stattfinden. Dafür geht an diesem Abend die Gob-Squad-Performance „I Love You, Goodbye (The Brexit Edition)“ im HAU über die Bühne, bis über nach Mitternacht hinaus, was auch mit der diffusen Heilserwartung spielt, man könne ab Punkt 0.01 Uhr in eine Welt schreiten, in der andere Regeln gelten, eine neue Ordnung, befreit vom Brüsseler Joch. Allerdings, das betonen Freiburg und Will, ist „I Love You, Goodbye“ kein Abend, der sich mit den konkreten Widrigkeiten des Ausstiegsprozesses auseinander setzt. Die Zuschauer sind auch nicht zu „indicative votes“ oder dergleichen aufgerufen. Es ist eine Performance inspired by Brexit. Schließlich stehe das britische Streben nach Inselhoheit ja nur stellvertretend für nationalistische Strömungen, die sich europa-, ja weltweit zeigen.

Auf den inneren Hardliner horchen

Was auf der Bühne stattfindet? Es wird gekocht, zum Beispiel. Weil Liebe durch den Magen geht. Und weil die Küche ein ideologisch aufgeheizter Ort ist. Jede Kultur, jede Region, jede Familie hat ihre tradierten Wertesysteme, wenn’s ums Essen geht. Und die sind nicht weniger von Starrsinn geleitet als Fragen nach nationaler Souveränität. Schon beim Zwiebelschneiden gibt’s für die meisten ein richtig oder falsch. Eine gute Gelegenheit, mal auf den eigenen inneren Hardliner zu horchen, statt auf vermeintlich vom Populismus verführte Andere zu zeigen. Entsprechend stellen Gob Squad – mit typischem Improvisationstalent innerhalb eines festen Gerüstes – immer wieder auch Glaubensfragen im apodiktischen Entweder-Oder-Duktus der politischen Gegenwart zur Debatte: „Sahnesteif – Ja oder Nein?“

Nach Mitternacht wird die Welt keine andere sein. Weder im HAU noch in London. Aber bei allem Gob-Squad-Humor wohnt dieser Performance ein echter Goodbye-Schmerz inne. Europa wird neue Grenzen haben. Johanna Freiburg weiß, dass ihr Kind vermutlich nicht mit der Selbstverständlichkeit aufwachsen wird, mal eben nach Nottingham zum Studieren zu gehen. Und der Brite Simon Will besitzt seit kurzem einen deutschen Pass. 

Vorstellung am 29. März, 19 - 1 Uhr, HAU1

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