Kultur : Briten-Debatte:War Churchill Antisemit?

Markus Hesselmann

Britische Historiker streiten um Kriegsheld Winston Churchill. Hat der „Größte Brite aller Zeiten“ – so der Titel, den ihm die BBC-Zuschauer 2002 verliehen – einst antisemitische Ansichten vertreten? Richard Toye von der Universität Cambridge hat im Churchill-Archiv einen Artikel gefunden, den der spätere Kriegspremier 1937 dem amerikanischen Magazin „Liberty“ angeboten hatte. Die Juden seien „teilweise selbst verantwortlich für die Feindschaft, unter der sie leiden“, heißt es darin. Die „Bösartigkeit ihrer Verfolger“ sei nicht der einzige Grund für die schlechte Behandlung der Juden über die Jahrhunderte. Unter der Überschrift „Wie sich die Juden gegen Verfolgung wehren können“ werden jüdische Bürger dafür kritisiert, dass sie sich selbst außerhalb der Gesellschaft stellten. Stattdessen müssten sie sich stärker integrieren.

„Churchill kann deshalb jetzt sicher nicht grundsätzlich als Antisemit gelten“, sagte Richard Toye gestern dem Tagesspiegel. Der Artikel werfe aber ein Licht auf seine widersprüchliche Haltung. Und auch darauf, wie damals viele Leute über dieses Thema dachten. Churchill-Biograf Martin Gilbert hielt Toye in der Sonntagszeitung „Observer“ vor, der Text sei nicht von Churchill selbst verfasst, sondern von einem Ghostwriter, der den englischen Faschisten nahestand. Churchill habe eine andere Vorstellung von dem Thema gehabt und die Veröffentlichung gestoppt.

„Churchill hat den Text selbst angeboten“, sagte Toye gestern dazu. „Er hatte kein Problem damit, seinen Namen darüberzuschreiben. Viele Politiker beschäftigen Ghostwriter, und die Texte gelten trotzdem als ihre eigenen.“ Toye zufolge durfte „Liberty“ den Beitrag nicht drucken, weil das Magazin „Collier’s“ exklusive Rechte an Churchills Texten geltend machte. Churchill bot ihn daraufhin dem britischen Blatt „Strand“ an, das den Text nicht wollte, weil kurz zuvor Ex-Premier David Lloyd George dort einen ähnlichen Beitrag veröffentlicht hatte.

Anfang 1940 plante der „Sunday Dispatch“, den Text im Rahmen einer Churchill-Serie zu drucken, nachdem er dazu eine Reihe von Manuskripten durchforstet hatte. Richard Toye zufolge lehnte Churchill diesmal ab. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen, das politische Klima hatte sich verändert. Bald darauf wurde Winston Churchill Premierminister und ging als Kriegsheld in die Geschichte ein.

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