Bruno Latour zum Klimawandel : Wir brauchen keine Hoffnung, sondern Politik

Die Klimakatastrophe begreifen: Der französische Anthropologe und Philosoph Bruno Latour fordert in „Kampf um Gaia“ eine Repolitisierung der Ökologie.

Der Wissenschaftssoziologe und Philosoph Bruno Latour..
Der Wissenschaftssoziologe und Philosoph Bruno Latour..Foto: Uli Deck/dpa

Oh doch, es gibt ihn noch, den Typus des maître-penseur, des Meisterdenkers aus Frankreich! Während die Kultur aufs Ganze gesehen mit ihrem internationalen Bedeutungsschwund hadert, strahlt einer über alle Grenzen: Bruno Latour. Ohne ihn, den Pariser Wissenschafts- und Techniksoziologen, den Anthropologen und Philosophen, geht gar nichts, wenn die Probleme des 21. Jahrhunderts debattiert werden. Latour stellt in Frage, was unser westliches Selbstverständnis und unsere Beziehung zur Welt ausmacht: die Modernität. Dass der Mensch mit seiner Wissenschaft und Technik die Natur analysiert und gefügig macht, hält er für eine Fiktion.

„Wir sind nie modern gewesen“, lautet der klassische Buchtitel, mit dem Latour 1991 diese Trennung anzweifelte. Alles, was die Begründung der Moderne im 17. Jahrhundert ausmacht – Subjekt hier und Objekt dort –, sei, wie er bissig formuliert, nur René Descartes’ „schöner Roman vom System der Natur“. Was es gebe, sei eine Vielfalt von Existenzformen mit je eigener Wirkungsmacht. Der Mensch tritt dabei nur als Mitspieler in einem Natur und Kultur verknüpfenden Netzwerk verschiedenster Akteure auf.

Die Tragweite dieser Vorstellung vom Menschen wird erst im Zeichen der gegenwärtigen Klimakatastrophe so recht deutlich. Die Klimaforschung nämlich arbeitet Latours Anthropologie gewissermaßen in die Hände. Heute ist klar, dass der Mensch die Natur und das Klima verändert – vor allem aber ist klar, dass die Natur auf unser Handeln reagiert. Mit Extremwetterlagen, forciertem Artensterben, Gletscherschmelze und Meeresspiegelanstieg. Diese Rückkoppelungen sind es, die das von Geologen ausgerufene Erdzeitalter Anthropozän, das „Menschenzeitalter“, zum prägnanten Instrument der Gegenwartsdiagnose machen. Was wir derzeit erleben, sagt Latour, ist keine Krise – das bleibt. Was es brauche, sei deshalb keine Hoffnung, der Feind des Handelns, sondern Politik.

Inspirierende Ideen

Im Grunde nämlich ist Latour Politiker – und als solcher Radikaldemokrat. Der Haushalt der Erde werde längst nur noch mit Management-Methoden geführt. Die Repolitisierung der Ökologie, die Latour vorschwebt, mündet hingegen in ein „Parlament der Dinge“, wie sein Buch von 1999 hieß. Einem Parlament, in dem sich die Kollektive der Erdbewohner versammeln: Böden und Ozeane, Thunfisch und Pflanzenknolle, das CO2, internationale Organisationen. Damit fordert Latour nichts Geringeres als die Abschaffung einer Natur, die wir als äußeres Objekt betrachten können. Dieses Denken strahlt bis in die Theorie des Nature Writing bei Timothy Morton („Ökologie ohne Natur“) oder die politische Ökonomie bei Jason W. Moore („Kapitalismus im Lebensnetz“) aus. Es ist die Grenze zwischen uns und unserer Um-Welt, die nie existiert hat. In der Welt sein, sagt Latour, heißt eine „metamorphische Zone“ bewohnen.

So steht es in „Kampf um Gaia“. Gaia ist, „was auf uns zukommt“, ein materialistisches Programm, das den Menschen aus einer Geschichte des Idealismus und der Religion hinauskatapultiert und der Erdgeschichte zuschlägt – als einen Mitspieler unter vielen. Das Buch ist eine vergleichsweise zugängliche Lektüre – und eine Art Summa von Latours Denken. Bei allem, was man gegen ihn einwenden kann: Seine Ideen besitzen, was französisches Meisterdenken immer ausgemacht hat: einen hohen Inspirationswert.

Bruno Latour: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs. Suhrkamp, Berlin 2017. 523 Seiten, 32 €.

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