BSO vor der Wende : Nicht alle kamen wieder

Das Berliner Sinfonie-Orchester war einst der Stolz der DDR. Ehemalige Mitglieder teilen ganz besondere Reiserinnerungen - ins kapitalistische Ausland.

Simon Rayß
Duft der großen weiten Welt. Musiker und Musikerinnen des Berliner Sinfonie-Orchesters auf einem spanischen Flughafen in den 70er Jahren.
Duft der großen weiten Welt. Musiker und Musikerinnen des Berliner Sinfonie-Orchesters auf einem spanischen Flughafen in den 70er...Foto: Archiv/Konzerthausorchester

Frankfurt am Main, 1979. Letzter Stopp auf der BRD-Tournee des Berliner Sinfonie-Orchesters. Nach dem Konzert hat sich eine Gruppe Musiker im Hotelzimmer von Burghard Hilse verabredet, auf eine kleine Abschlussfeier. Doch einer fehlt: der Hornist. „Was ist denn mit ihm?“, fragt Hilse in die Runde. Noch heute erinnert er sich an die Blicke seiner Kollegen. „Da sah man in den Gesichtern: Der kommt nicht mehr.“

Der Hornist hatte direkt nach dem Konzert die Koffer genommen und war untergetaucht. Er wollte nicht mehr zurück in die DDR, in die Heimat des Berliner Sinfonie-Orchesters (BSO). „Solche Situationen waren schon sehr emotional“, sagt Burghard Hilse. „An eine Wiedervereinigung war ja überhaupt nicht zu denken zu dieser Zeit.“

Im Orchester war man frei

Hilse war 40 Jahre im BSO, 25 davon als Soloflötist. Seit 2017 ist er im Ruhestand. In seiner Dienstzeit hat er viele Reisen mit dem Orchester erlebt, in der Regel eine im Herbst und häufig auch noch eine im Frühjahr. Vor allem in den Westen. „Zu DDR-Zeiten waren wir so etwas wie Kulturrepräsentanten des Landes. Wie beim Leistungssport“, sagt er.

Aber wollten die Musiker kulturelle Botschafter des sozialistischen Staates sein? Hatten sie eine Wahl? „In Musikerkreisen spielte der Arbeiter-und-Bauern-Staat überhaupt keine Rolle“, sagt Hilse. „Das war ja der Vorteil, wenn man es geschafft hatte, in ein solches Orchester zu kommen: dass man eigentlich vollkommen frei war.“

Gegründet wurde das BSO 1952, in Hilses Geburtsjahr. Heute heißt das Ensemble Konzerthausorchester, da auch seine Spielstätte umbenannt worden ist: von Schauspielhaus in Konzerthaus. Bevor die Mauer fiel, hat das BSO mehr als zwei Jahrzehnte lang die Welt hinter dem Eisernen Vorhang bereist. Diese Tourneen haben im Laufe der Zeit zwischen 20 und 30 Kollegen genutzt, um zu fliehen, schätzt Hilse. „Es gab nicht eine Reise, wo nicht jemand weggeblieben ist.“ Das gesamte Orchester zählte damals rund 120 Mitglieder.

Es ging Schlag auf Schlag

Hilses erster Ausflug Richtung Westen war eine Spanienreise im Jahr 1978. „Barcelona, Madrid, Granada – das war natürlich der pure Wahnsinn“, erinnert er sich. Aber stand man als DDR-Bürger mitten im „kapitalistischen Ausland“ nicht ständig unter Beobachtung? „Wir konnten machen, was wir wollten. Wir haben auch gemacht, was wir wollten“, erklärt er. „Entscheidend war immer nur, dass man rechtzeitig am Bus war.“ Urlaub waren die Reisen nicht: Im Terminplan gab es nur wenige Lücken, lange Fahrten gehörten zum Alltag. Manchmal ist das Orchester 600 Kilometer Bus gefahren, dann hieß es: ab auf die Bühne, spielen.

Auch Jürgen Kögel, Hilses langjähriger Kollege, erinnert sich an das straffe Programm auf Reisen: „Die Tage waren eng“, sagt er. Der Cellist, Jahrgang 1937, ist bereits seit 2002 im Ruhestand. Schon bei der ersten Westreise des Orchesters war er dabei: 1968 nach Österreich. Danach ging es Schlag auf Schlag: Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, immer wieder Japan. 1981 nach Mexiko, als kulturelle Begleiter des Staatsbesuchs von Erich Honecker. 1988 dann der Höhepunkt: eine achtwöchige Weltumrundung. England, USA, Japan und über die Sowjetunion zurück in die DDR.

Während für die meisten Bewohner des sozialistischen Staates das westliche Ausland unerreichbar blieb, lernten die Musiker die Welt kennen. Bei einem solchen Sonderstatus war es nicht verwunderlich, dass ihnen in Ostberlin durchaus auch mit Misstrauen und Neid begegnet wurde. „Man musste sich schon überlegen, wem man davon erzählt“, sagt Kögel. „Im Familien- und auch im nahen Freundeskreis konnte man das gut, aber so in der Gaststätte anfangen zu erzählen, das hab ich nie gemacht.“

Ständige Überwachung

Derartige Privilegien weckten bei manch einem Mitbürger den Verdacht: „Mensch, ihr fahrt da in der Weltgeschichte rum, ihr seid doch alle bei der Stasi.“ Jürgen Kögel erinnert sich noch gut an diesen Satz. Er habe damals entgegnet: „Das kannste vergessen!“ Er sei vielleicht kein Dissident gewesen, sagt er, das nicht. „Aber ich war mit vielem überhaupt nicht einverstanden.“

Aus Sicht des DDR-Staates eigentlich ein Irrsinn: Da reist eine Gruppe nicht gerade linientreuer Musiker kreuz und quer durch die Weltgeschichte – und wird dabei nicht mal besonders streng überwacht. In der Heimat war das etwas anderes, wie der Bratscher Uwe Emmrich berichtet: „Überwacht wurden wir immer“, sagt er. „Wenn bei uns mal der West-Onkel angerufen hat, dann hast du sofort gehört: Klack – da waren sie drin.“

Anders als seine beiden Kollegen im Ruhestand ist Emmrich, Jahrgang 1970, aktuelles Orchestermitglied. Seit 1994 zählt er fest zum Ensemble. Doch mit dem BSO verbunden ist er bereits viel länger: Schon sein Vater war als Bratscher dabei. Emmrich kann sich noch gut erinnern, wie es sich angefühlt hat, wenn der Vater auf Westreise ging und wie die Familie in den eigenen vier Wänden Vorsicht walten ließ. „Das war immer so eine Sache, sich zu Hause zu äußern“, berichtet er. „Bestimmte Gespräche haben wir nicht unbedingt im Wohnzimmer geführt. Du wusstest ja nicht, ob du da versteckt irgendwo eine Wanze hattest, nicht nur im Telefon.“

Hilse konnte mit der kapitalistischen Welt nichts anfangen

Trotzdem stand für Emmrich früh fest: Er will auch klassischer Musiker werden. „Man hat ja auch schon mit 14 gesehen: Du wirst hier immer in diesem Land eingesperrt sein, wenn sich nichts ändert.“ Deswegen sei seine Devise gewesen: schön fleißig sein, ein gutes Orchester finden, das auch touren darf. „Darauf hat man hingearbeitet.“

Der Vater durfte reisen, die Familie blieb zu Hause – hat ihn das nicht irritiert? „Das war halt so. Dienstreise.“ Über Mitbringsel aus dem Westen habe er sich als Kind natürlich gefreut, doch auch da sei Vorsicht angesagt gewesen. Die Eltern hätten ihm eingebläut: „Wenn du in der Schule bist, kein Wort über irgendwelche Reisen, über den Westen oder dass dein Vater dir Matchbox-Autos mitgebracht hat. Absolut tabu.“

Auch Flötist Burghard Hilse hat seinen Kindern damals immer etwas mitgebracht. Dennoch blieb für ihn ein zwiespältiges Gefühl zurück: „Ich durfte fahren, meine Frau und Kinder nicht“, erklärt er. „Ich habe die halbe Welt gesehen, bin zurückgekommen, habe Bilder gezeigt und erzählt.“ Alles in dem Wissen, seinen Angehörigen werde diese Welt vorenthalten bleiben. „Das ist sehr einschneidend gewesen“, sagt Hilse.

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Seine Familie, sein Freundeskreis, sein Job, seine Verpflichtungen: Einfach abzuhauen auf einer seiner Westreisen, sei für ihn nie infrage gekommen. „Eigentlich war ich immer froh, wenn ich wieder zu Hause war“, sagt Burghard Hilse. Auch mit der kapitalistisch geprägten Welt, die ihm auf den Tourneen mit dem BSO begegnete, habe er nicht viel anfangen können. „Wegzubleiben hat mich da einfach nie gereizt.“

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