Bucerius Kunst Forum Hamburg : Der vielseitige David Hockney

Ein atemberaubender Diskurs über die Möglichkeiten der Malerei: In Hamburg sind fast hundert Werke des britischen Malers zu sehen.

Eckhart J. Gillen
Das einmontierte Personal. „Mr and Mrs Clark and Percy“ von 1970/71.
Das einmontierte Personal. „Mr and Mrs Clark and Percy“ von 1970/71.Tate, © David Hockney

Dank der lebenslangen, zuweilen streitbaren Beziehung, die David Hockney mit der Tate Gallery London gepflegt hat, kann jetzt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg eine Ausstellung mit fast hundert Werken aus deren Sammlung zeigen. Sie beginnt mit einer Lithographie seiner Mutter an der Nähmaschine (1954) und endet mit dem siebeneinhalb Meter langen Panorama seines Studios (2017), das Hockney eine fotografische Zeichnung auf Papier nennt.

In diesen Jahrzehnten entwickelt Hockney einen atemberaubenden Diskurs über die Möglichkeiten der Malerei in der Postmoderne, der vom spielerischen Umgang mit Abstraktion, Naturalismus und Kubismus und den Möglichkeiten der Bewegung im Raum bis zum Grand Canyon in Fern- und Nahsicht reicht.

Die Picasso-Ausstellung der Tate 1960 ermutigte den Studenten des Royal College of Art, Stilformen nach den eigenen Bedürfnissen zu wählen, wieder zu verwerfen und auf einen persönlichen Stil zu verzichten. Obwohl Hockney sich alle Freiheiten zu abrupten Stilwechseln nahm, haben wir keine Mühe, ihren Autor in jedem seiner Werke wiederzuerkennen.

Er lehnt es ab, Kunst zu machen

Seine vier Bilder, die er zur berühmten Debütantenausstellung „Young Contemporaries“ in London 1962 einlieferte, bezeichnete er selbstbewusst als „Demonstrationen der Vielseitigkeit“. Eines davon war „Tea Painting in an Illusionistic Style“, ein Gemälde, für das er vier Keilrahmen baute, die eine in die Fläche aufgeklappte Teedose darstellen.

„David Hockney. Die Tate zu Gast.“ im Bucerius Kunst Forum.
„David Hockney. Die Tate zu Gast.“ im Bucerius Kunst Forum.Daniel Bockwoldt/dpa

Hockney verzichtet auf die Illusion eines in sich geschlossenen Kunstwerkes. Er legt das Konstruierte, das Unfertige, das Experimentelle vieler Bilder offen. Auch wenn er, wie bei „Mr and Mrs Clark and Percy“, geschlossene Räume darstellt, wirken die Gegenstände und Personen darin isoliert und wie einmontiert.

In seinem Buch „Geheimes Wissen“ deckte Hockney auf, wie die alten Meister schon lange vor der Entdeckung der Fotografie mithilfe von Linsen und Spiegeln und der Camera obscura Bilder in den Raum projizierten und sie als Vorlage nutzten. Hockney macht keinen Unterschied zwischen High and Low. Er lehnt es ab, Kunst zu machen, spricht stattdessen von der Produktion von Bildern.

Mit Zeichen getarnte homosexuelle Liebesszenen

Mehr als die Geschichte der Kunst interessiert ihn die Universalgeschichte der Bilder, die er als ein großes Kontinuum sieht, in der diese sich aus völlig unterschiedlichen Zeiten und Orten aufeinander beziehen lassen. Ähnlich hatte es schon Aby Warburg mit seinem Bilderatlas, der auch Briefmarken einbezog, Ende der 20er demonstriert. Lange vor der Sprache und den Schriftzeichen gab es ja die Bilder, die wir heute zu jeder Zeit an jedem Ort mit unseren Smartphones herstellen können.

Vor diesem Hintergrund ist Hockneys erfrischend unorthodoxer und pragmatischer Umgang mit den eigenen Bildern zu verstehen. Zu Beginn seines Studiums war die Abstraktion angesagt, für die der Künstler sich nicht interessierte. Mit seinem Studienkollegen, dem Amerikaner R.B. Kitaj, teilte er die Leidenschaft für das Zeichnen und Bücherlesen.

Teil der Ausstellung: „My parents“.
Teil der Ausstellung: „My parents“.Daniel Bockwoldt/dpa

Sie wollten Geschichten erzählen, die ihnen auf der Seele lagen. Kitajs Ratschlag folgend, malt Hockney zwischen 1960 und 1962 ein Thema, das ihn unmittelbar beschäftigte, die eigene Homosexualität. „Doll Boy“ und „Third Love Painting“ sind, angeregt von Jean Dubuffets Art brut und Toilettengraffiti, mit Zeichen, Zahlen und Texten getarnte homosexuelle Liebesszenen.

Es tauchen im Bild Verszeilen des US-Dichters Walt Whitman auf, der unter dem harmlosen Titel „Grashalme“ in seinen Gedichten verdeckt die Freundschaft zwischen Männern preist und sich dabei Zahlen-Codes bedient, die auch Hockney verwendet („4.8“ für D.H. oder „3.18“ für den von Hockney angebeteten britischen Pop-Sänger Cliff Richard).

Schöne Männerkörper hinter durchsichtigen Glastüren

Das war für einen Studenten damals ein mutiger Schritt, denn bis 1967 war die Homosexualität in England kriminalisiert. Der Informatiker Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg die deutsche Enigma-Maschine für die Alliierten entzifferte, starb 1954 an den Folgen einer chemischen Kastration.

Mit seinen ersten Reisen über New York ins Gay-Paradies L. A. entdeckt Hockney Mitte der 1960er Jahre im weichen Licht Kaliforniens Sehnsuchtsorte, die im puritanischen und regnerischen England unvorstellbar waren: Swimmingpools und weiße Villen mit stilisierten Palmen, in denen schöne Männerkörper hinter durchsichtigen Glastüren in gekachelten Bädern ausgiebig duschen und dem amerikanischen Ideal der Cleanliness huldigen. Das springlebendige, aber schwer zu fassende Element Wasser dominiert diese wohl populärsten Bilder Hockneys.

Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 10 5.; Katalog (Hirmer Verlag) 29 €

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