Reichlin bugsiert seinen Kriegsreporter in eine Taliban-Gruppe

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Buch der Woche : Genuss und Askese

Eine Liebesgeschichte in Afghanistan, mit Bundeswehrlagern und der ach so atemberaubend schönen afghanischen Berglandschaft als Kulisse – nach dem Essensintro ist das die nächste Etappe in diesem Roman. Reichlin macht kaum Anstalten, in der Person seines Heldens gewissermaßen hinter diesen komplizierten Krieg und die schwierige Rolle der Bundeswehr zu kommen. Der „Spiegel“-Journalist und Schriftsteller Dirk Kurbjuweit bemühte sich da seinerzeit vielmehr drum, wusste er doch in seinem 2011 veröffentlichten Afghanistan-Roman "Kriegsbraut" die Zerrissenheit seiner weiblichen Hauptfigur, einer Bundeswehrsoldatin, zwischen deutscher Alltags- und afghanischer Kriesgrealität deutlich besser und nachdrücklicher darzustellen. Allerdings erzählte er eine im Vergleich zu Reichlin geradezu absurde, Züge einer Schmonzette tragende Liebesgeschichte, zwischen seiner Heldin und einem afghanischen Lehrer.

Immerhin bugsiert Reichlin Martens und Khalili als Nächstes aus der Sicherheit der Bundeswehr in die archaische Lebenswelt einer durch das Land ziehenden Talibangruppe. Gerade am Ende, da Moritz ohne Miriam mit der Gruppe umherziehen muss, er hat sich als Geisel angeboten, gelingen Reichlin die überzeugendsten Passagen seines Romans. In einer reinen Männerwelt scheint er sich am wohlsten zu fühlen. Hart auf hart geht es auf einmal zu, schmucklos, und man hat den Eindruck, dass Reichlin bestens Bescheid weiß selbst noch über die psychischen Dynamiken in einer Taliban-Gruppe, deren Machtkämpfe, ganz zu schweigen von ihren Schlaf-, Spiel- und natürlich Essgewohnheiten. Man mag dann gar an eine gewisse innere Einkehr des Helden glauben, an eine späte Erziehung – wären da nicht weiter die Träume von einem „schweren, blumigen Chardonnay im Eiskübel“, von einem Stück Appenzeller, das unter der Zunge zergeht, vom „Rochenflügel mit mariniertem Octupus“. Wären da nicht ach so großartige, neu gewonnene Fähigkeiten wie „im Gehen zu onanieren, ohne dass die anderen es merkten“ oder die Tatsache, dass Martens nach vier Monaten Gehungere beim Pinkeln seinen Penis wieder sehen kann.

"Das Leuchten in der Ferne" ist ein seltsam disparater, sich um Figuren- und Handlungsplausibilität wenig scherender Roman, der irgendwo zwischen Abenteuer-, Liebes- und Kriegsgeschichte angesiedelt ist, der viel von einer Männerphantasie hat – und dessen gebrochener Held seine Gebrochenheiten immer wieder gut zusammenbekommt. Das schöne Leben in der bundesrepublikanischen Komfortzone, das dürfte diesen Moritz Martens auch nach seinen Taliban-Abenteuer schnell wieder einholen. Hauptsache Wein, Weib, Kalbsbries.

Linus Reichlin: „Das Leuchten in der Ferne“. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2013. 300 Seiten, 19, 90 €.

 

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