Buch „Kunst und Verbrechen“ : Die dunklen Seiten des Kunstmarktes

Das Autorenduo Koldehoff & Timm fordert strengere Regeln für den Handel, damit Betrüger, Fälscher, Schmuggler keine Chance haben.

Raubgut. Die Diebe kamen bewaffnet, ähnlich martialisch war die Rückgabe der Sammlung Bührle durch die serbische Polizei.
Raubgut. Die Diebe kamen bewaffnet, ähnlich martialisch war die Rückgabe der Sammlung Bührle durch die serbische Polizei.Foto: REUTERS

Beinahe wären die beiden Autoren selbst einer Fälschung aufgesessen. Das ursprünglich ausgewählte Dollarzeichen von Andy Warhol, das ihren Titel zieren sollte, wollte die Warhol Foundation auf Nachfrage nicht als echt bestätigen. 

Es war zuvor bei einer Internetauktion als Original angeboten worden. Stefan Koldehoff und Tobias Timm mussten sich daraufhin eine andere Version für ihr Cover suchen und konnten den reichlichen Beispielen ihres Buches ein weiteres hinzufügen.

„Kunst und Verbrechen“ liest sich spannend wie ein Krimi, nur dass es sich um wahre Geschichten aus der Welt des Kunsthandels handelt. Die beiden Fachjournalisten haben bereits vor acht Jahren mit „Falsche Bilder, echtes Geld“ ein Buch zum Fall Beltracchi vorgelegt. 

Bezahlung mit größeren Barsummen bis heute üblich

Nun hat sich das Autorenduo auch die anderen dunklen Seiten des Kunstmarktes vorgenommen: Artnapping, schwunghafter Handel mit Fälschungen, Schmuggel, Geldwäsche, überzogene Margen und Betrug.

Man könnte glauben, Händler, Sammler, Vermittler wären sämtlich sinistre Gestalten, würden Koldehoff und Timm nicht immer wieder betonen, dass der Großteil des Handels seriös arbeitet. Es gelte die schwarzen Schafe auszusortieren, so ihr Credo, auch wenn sich die Branche gegen strengere Regularien sträubt.

Mündliche Absprachen, Handschlag und die Bezahlung mit größeren Barsummen sind bis heute üblich. In einer Zeit, wo auch der Kunsthandel längst global operiert und sich digitalisiert, klingt das wie ein Anachronismus. Trotzdem führen die Lobbyisten weiterhin Tradition, Kundenvertrauen, notwendige Diskretion als Gegenargumente an, sobald Transparenz gefordert wird. 

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Die detailreiche Analyse von Koldehoff und Timm möchte man ihnen als Pflichtlektüre verordnen. Beiden Seiten wäre geholfen, Anbietern wie Käufern, würden nur ein paar Richtlinien eingehalten, die in anderen Geschäftszweigen längst zur alltäglichen Praxis gehören.

Gewiss, das Verbrechen, die Geschichten der Ganoven faszinieren. Nur so ist zu erklären, dass selbst die enttarnten Produkte eines Konrad Kujau, der einst Hitlers Tagebücher fälschte, heute noch verkäuflich sind. Von diesem Thrill lebt bei allem Appellieren auch das Buch von Koldehoff und Timm. 

Der Diebstahl der Mona Lisa war noch ein Gentleman-Verbrechen im Vergleich zum Raubzug im Zürcher Privatmuseum der Sammlung Bührle, bei dem die Täter während der Öffnungszeiten kamen und die Besucher mit Waffen bedrohten. 

Bei der Mona Lisa marschierte der Kunstdieb Vincenzo Peruggia noch mit dem Bild unter seinem weißen Kittel am nächsten Morgen einfach aus dem Louvre. In der Nacht zuvor hatte er sich unbemerkt mit seinen beiden Komplizen in einer Kammer für die Malerutensilien der Kopisten versteckt.

Überschneidung von Kunst- und politischer Geschichte

Koldehoff und Timm erzählen auch die weniger bekannten Hintergründe dieses bis heute spektakulärsten Kunstraubs: vom Drahtzieher Eduardo de Valfierno, der schon vor dem Coup sechs Kopien der Mona Lisa anfertigen ließ, um sie Sammlern zu verkaufen. Dass sich die Betrogenen nach Bekanntwerden des Raubs nicht melden würden, davon konnte er ausgehen.

Richtig spannend wird die Lektüre, wenn sich Kunst- und politische Geschichte kreuzen wie bei den Konstruktivisten. Ihre Werke wurden in den neunziger Jahren zu regelrechten Fälschungslieblingen.

Das Chaos der russischen Revolution während ihrer vermeintlichen Entstehungszeit wie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs diente den Hehlern als durchaus glaubwürdige Erklärung dafür, dass Herkunftsbelege für die angebotenen Bilder nicht mehr existierten. 

Auch Modigliani bot sich für Kopien an durch seinen unsteten Lebenswandel, die von ihm an Wirte wie Prostituierte großzügig verschenkten Zeichnungen. Die nach seinem Tod entstandenen verschiedenen Werkverzeichnisse trugen zur Klärung nur bedingt bei und wurden zum Schlupfloch für Betrüger.

Auch Kuratoren gehören zu den Tätern

Motor all der Machenschaften aber ist die Gier. Nicht nur Diebe, Fälscher, unseriöse Händler gehören zu den Tätern, sondern auch Kuratoren. Als eines der traurigsten Kapitel liest sich der Abschnitt über das J. Paul Getty Museum und seine Chefin der Abteilung Klassische Antike. Über Jahre kaufte sie wider besseres Wissen Ware aus Raubgrabungen, um die Sammlungsbestände zu vergrößern.

Koldehoff und Timm legen den Finger in die Wunde, wenn sie Kuratoren, die Erwerbungen ohne dokumentarisierte Herkunft tätigen, als Antreiber von Raubgrabungen geißeln. Auch wenn die längst entlassene Kuratorin das Gute wollte, steht sie nun in einer Reihe mit einer Kleptokratin wie Imelda Marcos oder einem zwielichtigen Artconsultant wie Helge Achenbach. 

Mehr zum Thema

Das Misstrauen aber ist gesät: Was ist mit der „Himmelsscheibe von Nebra“, was mit dem Berliner „Goldhut“? Auch hier sollen die Quellen obskur sein.
[Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Kunst und Verbrechen. Verlag Galiani Berlin. 328 S., 25 €]

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