Spricht aus Anna Klagen das zeitlose Drama einer Schriftstellerehe?

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"Buch über Anna" von Michail Ryklin : Im Hafen des Dionysos
Gisa Funck
Auflehnung aus Abhängigkeit. Die Dichterin Anna Altschuk.
Auflehnung aus Abhängigkeit. Die Dichterin Anna Altschuk.Foto: Michail Ryklin/Surhkamp Verlag

Man liest Ryklins „Buch über Anna“ schon deshalb mit angehaltenem Atem, weil es der Überlebensbericht eines Mannes ist, der durch den Suizid seiner Frau zutiefst in seiner Identität erschüttert wird. Von daher unterscheidet es sich grundlegend von früheren Büchern des postmodern geschulten Philosophen, in denen er die russische Gesellschaft seit Stalin kritisch reflektiert hat. Zuerst hatte er offenbar gar nicht vor, seine Trauernotizen zu veröffentlichen. Dann aber erinnerte er sich an Roland Barthes’ Fotografie-Essay „Die helle Kammer“. Dessen fragmentarisch-assoziative Form hat er für sein Buch nun übernommen. Und so entsteht aus seinen nicht chronologisch geordneten Betrachtungen das kaleidoskopartige Porträt einer Künstlerin voller Widersprüche.

Problematisch ist allerdings, dass Ryklin nicht nur aus Annas Tagebüchern zitiert, sondern sich auch zu ihrem Traum- und Seelendeuter aufschwingt. Da kommentiert er etwa eine Liebesaffäre seiner Frau mit einem russischen Schriftsteller. Oder bescheinigt ihr eine „depressive“ Veranlagung, inklusive der „tödlichen Angst“, an seiner Seite zur „Bloß-Ehefrau“ herabzusinken. Das liest sich zwar plausibel. Doch streng genommen fehlt ihm für solche psychoanalytischen Befunde der nötige Abstand.

Dennoch sind es gerade die Tagebuchpassagen, die Ryklins Buch so eindringlich machen. Denn man begegnet einer hochsensiblen, talentierten, klugen Frau, die merkwürdig zwischen ihren Ansprüchen hin- und hergerissen zu sein scheint. Einerseits leidet sie unter dem Erfolg ihres Mannes, wirft ihm andererseits aber mangelnden Ehrgeiz vor. Einerseits beschwört sie ihre Liebe, glaubt sich andererseits als Feministin von ihm distanzieren zu müssen. Einerseits sehnt sie sich nach Autonomie, ist andererseits aber nicht in der Lage, selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ryklins Buch plädiert dafür, der mutmaßlich selbstgewählten Entscheidung für den Suizid Respekt zu zollen

Kurz: Anna Altschuk beklagt in ihren Tagebüchern ein Dilemma, das bis in die Formulierungen hinein („Anhang zu was auch immer“, „bloß Ehefrau“) verblüffend viel Ähnlichkeit mit jener „Entscheidungshölle“ besitzt, in der sich auch schon ihre Dichterkollegin Sylvia Plath gefangen sah – allerdings vor mehr als 50 Jahren. Und so fragt man sich unwillkürlich: Sind die Schlachten der Emanzipation womöglich immer noch nicht geschlagen? Oder spricht aus Annas Klagen vielleicht doch eher das zeitlose Drama einer Schriftstellerehe, in der schnell Konkurrenzgefühle aufkommen?

In jedem Fall aber gelingt es Ryklin darzulegen, dass das tragische Ende seiner Frau nicht allein mit Heimweh und ihrer traumatischen Prozesserfahrung erklärt werden kann. Darüber hinaus ist sein Buch ein mutiges Plädoyer dafür, der mutmaßlich selbstgewählten Entscheidung für den Suizid Respekt zu zollen. Seine Frau nämlich, betont Ryklin, sah im Tod keineswegs einen Endpunkt, sondern vielmehr einen „Hafen des Dionysos“, wie sie es in einem Gedicht formulierte. Einen Ort also, an dem die Seele Ruhe findet. Das mag in unserer säkularen Gesellschaft, wo der Himmel gemeinhin nur auf Erden zu haben ist, eine antiquierte und für manchen lächerliche Vorstellung sein. Es klingt jedoch umso anrührender, wenn der aufgeklärte Philosoph schließlich einräumt, dass er den Glauben Annas an transzendente Erlösung mit Vernunftgründen nicht widerlegen könne. Und von daher offenlassen muss, ob ihr Weg ins eiskalte Spreewasser für sie womöglich der richtige war.

Michail Ryklin: Buch über Anna.Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014.334 Seiten, 24,95 €.

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