Buch über Ilse Schneider-Lengyel : Die rätselhafte Gastgeberin der Gruppe 47

„Schillernde Figur des Anfangs“: Peter Braun begibt sich auf die Spur von Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus Hans Werner Richter einlud.

Hannes Schwenger
Ilse Schneider-Lengyel auf dem Cover von Peter Brauns Buch.
Ilse Schneider-Lengyel auf dem Cover von Peter Brauns Buch.Foto: Wallstein Verlag

Zu einem „frisch-fröhlichen Wochenende“ lud Hans Werner Richter 1947 eine Handvoll Autoren seines Zeitschriftenprojekts „Skorpion“ auf das Gut Bannwaldsee bei Füssen ins Haus von Frau Schneider-Lengyel ein: „Wir können baden, fischen, uns unterhalten, vorlesen etc.“ Doch nicht der „Skorpion“, von dem nur ein Probeheft erschien, sondern die Gruppe 47 wurde an diesem Wochenende aus der Taufe gehoben. Richters Einladung klang feudaler als die Realität vor Ort: Das Gut bestand vor allem aus dem einstöckigen Haus am See, das nicht alle Teilnehmer aufnehmen konnte, sodass sie auch auf andere Quartiere verteilt werden mussten. Und das Fischen war vor allem Sache der Gastgeberin, die morgens um vier das Mittagessen für ihre Gäste angelte: Ob Hecht oder Zander, da gehen die Erinnerungen auseinander.

Richter hat ihre Rolle später auf die der Gastgeberin reduziert, obwohl Ilse Schneider-Lengyel mit eigenen Gedichten an den Lesungen teilnahm und im „Skorpion“ mit Porträts von Sartre und Valéry vertreten war. Sie selbst verstand sich als Wegbegleiterin der Pariser Surrealisten (zu denen sie großzügig auch Sartre zählte), denen sie während ihrer Pariser Jahre nach 1933 nahestand.

Ihre Lesungen stießen auf Befremden

Damals war sie mit ihrem Ehemann, dem ungarischen Juden Laszlo Lengyel, vor den Nazis nach Frankreich ausgewichen, obwohl sie in Deutschland weiter ihre Eltern besuchen konnte, von denen sie 1946 erbte. Zwischen Bannwaldsee und Paris entstanden ab 1942 ihre ersten Gedichte. Sie hatte am Lettehaus und bei Moholy-Nagy Fotografie studiert, daneben war sie Kunstethnologin aus Leidenschaft. Ihr erstes Buch „Die Welt der Maske“, von Wilhelm Hausenstein gerühmt, vom „Völkischen Beobachter“ verrissen, erschien 1934 bei Piper. In Österreich, Frankreich und der Schweiz reüssierte sie als Fotografin und wurde Mitarbeiterin der Zeitschrift „Verve“.

[Peter Braun: Ilse Schneider-Lengyel. Fotografin, Ethnologin, Dichterin. Ein Porträt. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 286 Seiten, 24,90 €.]

Unter den politisch Engagierten der Gruppe 47 war sie eine Exotin; ihre Lesungen stießen auf höfliches Befremden. Nur der erst zur zweiten Tagung anwesende Alfred Andersch entdeckte sie für seine Buchreihe „studio frankfurt“, wo ihr einziges Lyrikbuch „september-phase“ mit der Ankündigung erschien, hier werde „endlich der wahre Surrealismus zum deutschen Sprachereignis.“ Andersch bot ihr auch im Hörfunk eine Bühne für ihre Sammlung von „Dichtungen der Naturvölker“ unter dem Titel „Totem und Trommel“.

Sie musste See und Haus verkaufen

Das Manuskript fand Peter Braun jetzt im Nachlass der 1972 verstorbenen Autorin, zusammen mit mehreren Mappen von Gedichten, einem unveröffentlichten „Atomdrama“, einer Studie über mythische und magische Kunst und einem apokalyptischen Roman „Der Gartenzwerg“. Schon seine erste Fassung als „experimenteller Kurzroman“ erschien dem Lektorat des Luchterhand Verlags als zu „esoterisch, kryptisch, schlechthin verwirrend“. So verlor sich ihre Spur – zum letzten Mal besuchte sie 1960 ein Treffen der Gruppe 47. 1958 beklagte sie sich beim Landesentschädigungsamt, sie sei Leidtragende des Wirtschaftswunders. In den sechziger Jahren musste sie See und Haus verkaufen und behielt nur noch ein Wohnrecht im ersten Stock.

1969 wurde sie „völlig verwirrt und verwahrlost“ in Konstanz aufgegriffen und in die Psychiatrie eingeliefert, wie Gerhard Köpf ermittelte. Peter Braun fand nur noch ihre leere Krankenakte. Sein Buch verzeichnet ihren reichen Nachlass mit ausgewählten Textproben. So bleibt sie wohl weiter vor allem als „schillernde Figur des Anfangs“ im Gedächtnis, wie Helmut Böttiger sie in seiner Geschichte der Gruppe 47 nennt.

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