Buch über Ossip Mandelstam : Der Dichter und der Diktator

Verhaftet für sein "Stalin-Epigramm": Pavel Nerler rekonstruiert die letzten Jahre des Dichters Ossip Mandelstam, der 1938 in einem sowjetischen Lager starb.

Für die Akten. Die beiden obligatorischen Fotografien von Ossip Mandelstam, hier nach der ersten Verhaftung am 17. Mai 1934.
Für die Akten. Die beiden obligatorischen Fotografien von Ossip Mandelstam, hier nach der ersten Verhaftung am 17. Mai 1934.Foto: Zentralarchiv des FSB (Russ. Innenministerium) / aus dem Buch

Überall auf der Welt werden Häftlinge nach der Verhaftung fotografiert. En face und im Profil: So auch beim sowjetischen NKWD – eigentlich die Abkürzung für das Volkskommissariat des Inneren, aber zugleich für die Geheimpolizei und überhaupt für die stalinistische Gewaltherrschaft. Ihr fiel der Dichter Ossip Mandelstam zum Opfer.

Zwei Mal wurde er verhaftet, zwei Mal fotografiert, 1934 und 1938. Er sieht 1934 mitgenommener aus; beim zweiten Mal – es sind die letzten Aufnahmen seines Lebens – blickt er gleichmütig in die Kamera. Er weiß nun, was ihn erwartet, und er weiß, dass es kein Entrinnen gibt. Sein Schicksal vollendet sich weit schneller als das der meisten Häftlinge: Mandelstam stirbt bereits am 27. Dezember 1938, acht Monate nach der Verhaftung am 2. Mai, im Durchgangslager an der Kolyma – jenem Komplex, den wir aus dem Werk des 14 Jahre lang dort einsitzenden Warlam Schalamow als „Kältepol der Grausamkeit“ kennen.

Der Diktator Stalin war ein durchaus belesener Mann. Vor allem wusste er um die Macht des Wortes. Er pflegte – siehe Maxim Gorki – ein beinahe irrationales Verhältnis zu Schriftstellern.

Im Fadenkreuz der Funktionäre

Ein einziges Gedicht Mandelstams genügte, um den Dichter in einem bis ins Detail inszenierten Katz-und-Maus-Spiel in die Enge zu treiben und schließlich im Zuge des Großen Terrors zu vernichten. Aber was für ein Gedicht! Als „Stalin-Epigramm“ gehört es zum Berühmtesten der Literatur jener Jahre. Gedruckt wurde es selbstverständlich nicht; nur war Mandelstam so unvorsichtig, es nach der Niederschrift im November 1933 zwei Dutzend Menschen vorzutragen. So erreichte es Auge und Ohr des „Bergmenschen im Kreml“, wie Mandelstam ihn titulierte, den „Verderber der Seelen und Bauernabschlächter“: „Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:/In den Leib, in die Stirn, in die Augen, – ins Grab./Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten –/Und breit schwillt die Brust des Osseten.“ Zu einer Zeit, da die Sowjetunion angefüllt war mit „Verrätern“ und „Volksfeinden“, zu denen der Terror alle und jeden stempelte, waren solche Zeilen der sichere Weg ins Lager.

Ein wenig anders lautet die Übertragung des Epigramms, die dem Buch von Pavel Nerler, „Ossip Mandelstams letzte Jahre“, vorangestellt ist. Der Gründer der Moskauer Mandelstam-Gesellschaft hat in unermüdlicher Spurensuche die letzten fünf Jahre des Dichters verfolgt und rekonstruiert. Ossip Mandelstam, Jude, geboren 1891 in Warschau, ein früher Stern am russischen Dichterhimmel, konnte in den zwanziger Jahren zunächst vielfach publizieren. Seinen Lebensunterhalt bestritt er jedoch hauptsächlich mit Übersetzungen, und da er auf das Wohlwollen der ideologisch streng kontrollierten Verlage abhängig war, geriet er doch mehr und mehr er an den Rand des Existenzminimums. Nach der ersten Verhaftung 1934 wurde ihm gewissermaßen noch Aufschub gewährt, mit Verbannung, fort aus Moskau – schlimm genau –, aber 1937 geriet der Dichter endgültig ins Fadenkreuz der Funktionäre.

Minuziöse Darstellung der Machenschaften des NKWD

Es ging gar nicht primär um Mandelstam. Doch als die Leningrader Geheimpolizei eine „riesige, weit verzweigte rechtstrotzkistische Verschwörung der Schriftsteller ,aufgedeckt’“ hatte „deren Ziel die Ermordung Stalins war“ – wie Nerler die Absurdität solcher Verfolgung berichtet –, ging es Schlag auf Schlag. Einer der Verhafteten hatte im Verhör erklärt, also unter Folter: „Ein Aufruf zum Terror war auch Mandelstams Gedicht gegen Stalin.“ Das war die Sorte von „Aussage“, die die Staatsmacht hören wollte; dem Geständigen nützte es naturgemäß nichts, er wurde bereits im September 1937, so Nerler, wie „gleich mehrere Personen aus dem ,Schriftsteller-Prozess’ erschossen“.

Mandelstam wurde verhaftet und gleich Tausenden in den Kellern der Lubjanka, der NKWD-Zentrale mitten in Moskau verhört, bis die Anklageschrift fertig war und ein „Sondergericht“ ihn wegen Vergehen nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilte. Der berüchtigte Paragraf 58 rechtfertigte jegliche Verurteilung. Im Falle Mandelstams lautete das Vergehen „antisowjetische Agitation“. Erst einmal kam Mandelstam ins Butyrki-Gefängnis mit seinen 20 000 Insassen, dann in einen Häftlingstransportzug: 34 Waggons, 1770 Häftlinge, 70 Häftlinge je Güterwagen, Fahrtzeit in den Nordosten Sibiriens fünf Wochen.

Was Nerlers Buch so wertvoll macht, ist die minuziöse Darstellung der Machenschaften des NKWD und dessen Terrors in Form von Verhören, Gefängnissen, Lagern. Die sowjetische Maschinerie war weder willkürlich noch chaotisch, vielmehr arbeitete sie in einer bürokratischen Vervollkommnung, die den Vergleich mit dem NS-System nicht im Mindesten scheuen muss. Das weiß man mittlerweile; hier aber wird es am Einzelfall bis ins Kleinste dargelegt.

Mandelstams Gedichte wurden mündlich bewahrt

Nerler gelang es sogar, Protokolle der Wachmannschaften des Transportzuges ausfindig zu machen. Und nicht nur Stalin – von dem man es immer wusste – besaß ein unerbittliches Gedächtnis, auch andere erinnerten noch kleinste Einzelheiten über Jahre hinweg und streuten sie im passenden Moment ein. Bis in die höchsten Spitzen der Partei war der Apparat mit jedem Vorgang befasst. Die Entscheidung über Mandelstams Schicksal fiel mitnichten auf der Ebene der Schergen. Sie wurde im Politbüro abgesegnet, nachdem NKWD-Chef Jeschow – Stalins „blutige Himbeere“ – die Akte höchstpersönlich gelesen und den Zeitpunkt ihrer Weitergabe bestimmt hatte. Nichts und niemand wurde je vergessen.

Auch Mandelstams Gedichte nicht. Sie wurden mündlich bewahrt, von Ossips Ehefrau und Schriftstellerin, Nadeschda Mandelstam. Sie überlebte den Terror und schrieb Jahrzehnte später ihre Erinnerungen. Sie gab ihnen den Titel „Das Jahrhundert der Wölfe“.

Pavel Nerler: Ossip Mandelstams letzte Jahre. Verfemung, Verbannung und Tod des Dichters 1932-1938. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017. 360 S., 49,90 €.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!