Buchmarkt: Rückläufige Umsätze : Wenig Zahlen, wenig Klagen

Die Umsätze auf dem Buchmarkt gehen zurück, doch geklagt wird nicht - und die Verlage veröffentlichen weiter eine Unmenge an Literatur. Ein Kommentar.

Auch die Reiseführer laufen nicht mehr so gut wie früher: Szene auf der Frankfurter Buchmesse.
Auch die Reiseführer laufen nicht mehr so gut wie früher: Szene auf der Frankfurter Buchmesse.Foto: epd/Heike Lyding

Vielleicht sollte ich auch über Akazien schreiben, wie der Kollege von der „taz“. Vielleicht sogar einfach über das Wetter, das miese. Das gibt vermutlich mehr her als Akazien, ist nur weniger poetisch. Alles besser als über die Krise auf dem Buchmarkt zu sprechen. Von der reden alle, ohne wirklich konkrete Zahlen zu kennen. Diese Krise ist wiederum keine Krise der Literatur an sich, denn selbst in Buchmarktkrisenzeiten gibt es die paar wenigen Bücher, die wirklich lohnen. Bloß verkaufen die sich weniger als früher. Wie es scheint, muss man anfügen, denn wie gesagt: Mit Zahlen halten sich alle gern zurück, die Verlage genauso wie die Bestsellerlistenersteller. Es heißt dann gerade mal hinter vorgehaltener Hand, dass es inzwischen ein Leichtes sei, zum Beispiel in den Top 20 der Sachbuchbestsellerlisten zu landen, da reiche die Hälfte dessen, was vor zehn Jahren noch von einem bestimmten Buch verkauft wurde. Das ginge inzwischen ruck, zuck im niedrigen fünfstelligen Bereich.

Seit vier, fünf Jahren hört man von Umsatzeinbußen auf dem Buchmarkt. Doch gejammert, wie es früher obligatorisch war, als die Geschäfte besser liefen, wird wenig. Klar, diese Einbußen bewegen sich weiterhin in niedrigsten Prozentbereichen. Und das liest sich in einer Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels unter der Überschrift „Umsätze leicht rückläufig“ erst einmal so: „Der Buchmarkt ist in Bewegung: Nach einem Umsatzplus von 1 Prozent in 2016 kam der Umsatz mit Büchern 2017 nicht ganz an das starke Vorjahresergebnis heran.“ Und dann heißt es, dass der Publikumsmarkt (u.a. Kaufhäuser, Bahnhofsbuchhandlungen, Amazon) zwei Prozent schlechter als 2016 gewesen sei, der einschlägig stationäre Buchhandel drei Prozent Minus gemacht habe, und das alle Warengruppen betreffe, die „weiterhin bedeutendste“, die Belletristik aber nur mit minus ein Prozent.

Wer soll das alles lesen?

Aber wie es so ist: Auch in einer Krise lässt es sich einrichten; selbst in einer Krise des Lesens, die sich ja von einer Absatzkrise noch mal unterscheidet. Denn ob verkaufte Bücher gelesen werden, ist nie gesichert, ob sie Leben verändern, glücklich machen, schlauer machen. Die Verlage jedenfalls scheinen so zu tun, als gebe es keine Krise, wenn man sich anschaut, was täglich in Redaktionen und Handel schwappt. Da heißt es weiter: Keine Atempause, Bücher werden verlegt, Umsätze gepitcht.

Hier mal die Titel eines x-beliebigen, zufällig zusammengestellten Bücherstapels aus unserer Redaktion: „Kranichland“ von Anja Baumhelfer. „Das 6-Minuten-Tagebuch“ mit dem Sticker „Dieses Buch macht glücklich und verändert Leben". „Bella Italia“ von Werner Huber. „Am See“ von Bianca Bellova. „Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy. „Die erstaunliche Familie Telemachus“ von Daryl Gregory. „Der Abfall der Herzen“ von Torsten Nagelschmidt. Bernhard Schlinks Roman „Olga“, John Bargsums „Nachsommer“.

Bis auf eines stammen diese Bücher allesamt aus einschlägigen Verlagen, keinen wirklich kleinen, keinen riesengroßen, und bis auf einen, nämlich Bernhard Schlink, sind alle anderen Autoren und Autorinnen völlig unbekannt. Man fragt sich: Wer soll das lesen? Wie kommen diese neuen, im Frühjahr erscheinenden Bücher an ihre Leser und Leserinnen? Was versprechen sich die Verlage davon? Denn natürlich fehlen hier beispielsweise die Hoppes, Genazinos und Delius' (alles Georg-Büchner-Preisträger) mit ihren neuen Titeln, fehlen die potenziellen Bestsellerautoren wie, sagen wir: Jan Weiler oder Ferdinand von Schirach, die bei einem auf Nummer sicher gehenden und dem elaborierteren, literarisch interessierteren Publikum die Marktchancen für die vielen Unbekannten nicht erhöhen.

Doch geht es ja immer wieder darum, mit dem einen Buch ins Schwarze zu treffen, die Überraschung des Jahres zu landen, etwa mit Fernando Aramburus spanischem Bestseller „Patria“, der in zwei Wochen auch auf Deutsch erscheint und am besten so einschlagen soll wie die Ferrante-Bücher (hofft der Verlag). Ob dieses Buch dann auch noch glücklich macht und Leben verändert, steht wieder auf einem anderen Blatt. Das könnte auch Akazien. Oder besseres Wetter.

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