• Buchpreis-Favorit Lutz Seiler im Interview: „Hiddensee war eine Art Jenseitserfahrung“

"Über den Buchpreis reden wir jetzt nicht."

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Buchpreis-Favorit Lutz Seiler im Interview : „Hiddensee war eine Art Jenseitserfahrung“

Auffallend ist der Wechsel zwischen einem durchaus stringenten, durchaus realistischen Erzählen und dann wieder leicht überhöhtem, leicht surrealen, leicht dunkel-mystischen Passagen.
Das ist der Vorteil der personalen Erzählperspektive - man kann ganz nah bei seinen Hauptfiguren und ihren Emotionen sein und dann wieder zurückzoomen, wie mit einer Kamera. Ich war ziemlich froh, auf Viola gekommen zu sein, dieses Röhrenradio, dass da in der Küche des "Klausners" steht und die Zeitgeschichte unentwegt hineinspricht in den Raum des Geschehens. So brauchte niemand die historischen Ereignisse einführen oder kommentieren - einzig an der Reaktion der Figuren, dem Zugrundegehen der Arche "Klausner", ist ihre Bedeutung ablesbar.

Im Epilog wechseln Sie aber die Perspektive, da erzählt Ed in der Ich-Form.
Ja, er tritt heraus aus dem Geschehen und liefert eine Art Bericht, das passiert allerdings erst zweieinhalb Jahrzehnte später. Das Pathos des 24-jährigen ist weg. Der Epilog war zunächst nicht geplant, ich bin bei meinen Recherchen eher zufällig auf dieses Interview mit dem alten dänischen Hafenmeister von Moen und Klintholm gestoßen, der darin von den Flüchtlings-Toten erzählt, die es von Hiddensee und Rügen her vor seiner Haustür angeschwemmt hat und die dann in die Forensik nach Kopenhagen abtransportiert wurden. Ich hatte damals sofort das Wort vom "Museum der Ertrunkenen" im Kopf, das in mir arbeitete, so lange, bis ich dachte, du musst dorthin, schauen, wo die Toten liegen, was mit ihnen geschehen ist seitdem.

Gerade das Ende des Romans, der lange Epilog, liest sich wie eine Hommage an die Toten, an die, die die Flucht aus der DDR übers Wasser versucht haben.
Das Überraschendste war, dass sich für den Verbleib der Toten nie wirklich jemand interessiert hat. Es gibt viele Filme über geglückte Ostsee-Fluchten, über zwei Surfer, die es geschafft haben, oder einen Schwimmer, viele von denen hat man ausgiebig porträtiert. Die unbekannten Wassertoten waren weniger von Interesse. Sogar der Ort in Kopenhagen, von dem es hieß, dass sie dort beerdigt sind, war falsch.

Und es gibt den Flüchtling, der es von Rostock über Hiddensee nach Syrakrus geschafft hat - das Vorbild für den Helden in Friedrich Christian Delius’ Erzählung „Von Rostock nach Syrakrus“. Sie bedanken sich am Ende nicht nur bei den Klausner-Mitarbeiten von damals, sondern auch ausdrücklich bei Delius.

Tatsächlich war Christian Delius der erste Schriftsteller in meinem Leben, den ich um Rat gebeten habe. Er hat mir sehr geholfen und ist mir mit guten Ratschlägen zur Seite gestanden, als ich damals mit dem ersten Romanentwurf nicht weiterkam. Zum anderen haben wir uns natürlich über jenen Paul Gompitz in seinem Roman unterhalten, Klaus Müller heißt der in Wirklichkeit. Er ist damals von Delius von Beginn an mit 25 Prozent an den Einnahmen des Buches beteiligt worden. Müller ist mit einem kleinen Boot geflohen, er hat den Kiosk des Klausners betrieben, eine Szene in meinem Buch verweist auf ihn. Ich habe Müller nach meiner Lesung auf Hiddensee kennengelernt. Wir haben uns gut unterhalten. Im Grunde bis heute unfassbar, wie er das geschafft hat, mit der Jolle die Südspitze der Insel zu umfahren, viele Insulaner meinen, das wäre eigentlich unmöglich, schon von den Wasserverhältnissen her.

Müller freut sich nun darüber, dass er über ihr Buch wieder ein bisschen bekannter wird, er hat seine Geschichte auch gerade in Buchform herausgebracht. Wie geht es Ihnen jetzt mit der Nominierung für den Buchpreis?
(lacht). Ach, darüber reden wir jetzt nicht. Ich freue mich, dass das Buch schon viele Leser gefunden hat. Die Vorstellung, dass da jemand in Aachen oder Gelsenkirchen sitzt und meinen Roman liest, die finde ich phantastisch genug!

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren, er lebt heute in Wilhelmshorst und Stockholm. 1995 debütierte er mit dem Gedichtband „Berührt – geführt“, es folgten weitere Lyriksammlungen wie „Pech und Blende“ und „Vierzig Kilometer Nacht“. Seit 1997 leitet Lutz Seiler das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst. 2007 bekam er für die Erzählung „Turksib“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2009 erschien von ihm ein Band mit Erzählungen. „Kruso“ ist Lutz Seilers erster Roman. Dieser ist für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert.

Das Gespräch führte Gerrit Bartels.

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