Buchpremiere Terézia Mora : Der trotzige Hiob

Endstation Berlin: Die Büchner-Preisträgerin Terézia Mora beendet ihre Romantrilogie um den Unglücksmenschen Darius Kopp mit „Auf dem Seil“.

Deutsch-ungarische Grenzgängerin. Terézia Mora, 1971 in Sopron geboren, lebt in Berlin.
Deutsch-ungarische Grenzgängerin. Terézia Mora, 1971 in Sopron geboren, lebt in Berlin.Foto: Antje Berghäuser

Fast zehn Jahre ist es her, dass Terézia Moras Held Darius Kopp durch seine erste große Krise stolperte. Damals gehörte er noch zur jüngeren Start-up-Generation, die trotz aller Wolken am New-Economy-Horizont fest an die Verheißungen der digitalen Zukunft und des Neoliberalismus glaubte. Unbedarft schlitterte er hinein in einen persönlichen Bankrott, den er in seiner naiven Glücksgläubigkeit mehr oder minder ignorierte. Von seiner aus Osteuropa stammenden Frau Flora, einer Übersetzerin, wurde der Sturz immerhin abgefedert. An der Fähigkeit, die Welt zu durchschauen, mangelte es Darius komplett.

„Der einzige Mann auf dem Kontinent“ hieß dieser Roman, und dass Terézia Mora noch etwas mit dem kopflosen Kopp vorhatte, konnte man schon damals ahnen. Drei Jahre später war er wieder da, und diesmal erwischte es ihn so richtig. „Das Ungeheuer“, 2013 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, war eine Road Novel durch Osteuropa. Flora hat sich das Leben genommen, Darius hält es nicht mehr in Berlin. Er macht sich auf die Suche nach der Herkunft seiner Frau, versucht zu begreifen, was er zu ihren Lebzeiten nicht sehen wollte: dass sie an Depressionen litt, die ihre Zuversicht aufgefressen hatten.

Die Reise wird zu einer Odyssee, auch zu einer Pilgerfahrt. Darius erscheint wie ein Hiob unserer Tage; und dieser Hiob erkennt seine Verlassenheit. Bei keiner Flora und keinem Gott kann er sich darüber beschweren, dass er zurückgeworfen ist auf sich selbst. Nun, ein Jahr nach Moras Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis, begegnen wir Darius zum dritten Mal auf Sizilien. So schwer ihm das Schicksal auch zugesetzt hat, eine gewisse Unbedarftheit ist ihm nicht zu nehmen. „Ich kann nicht anders als glücklich sein“, denkt er sich.

Dabei hat Darius Kopp eigentlich kein Zuhause mehr, höchstens ein Dach über dem Kopf. Als was mag er sich durchschlagen in Sizilien? Als Pizzabäcker natürlich, was seiner aus den vorangegangenen Romanen weidlich vertrauten Essensobsession entgegenkommt. Er scheint sich nicht nur mit dem Abschied aus seinen Träumen abgefunden zu haben, sondern auch ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. „Auf dem Seil“ beschließt eine Trilogie, an der Terézia Mora mehr als zehn Jahre gearbeitet hat. Wenn man die drei Teile zusammenfügt, kann man von einem klassischen Entwicklungsroman sprechen. Aus dem Kleinbürger-Kokon, in dem Darius steckte, ist ein gelassener Aussteiger geschlüpft. Aus leerlaufendem Ehrgeiz, durch das Mühlrad der Verzweiflung gedreht, ist fast abgeklärter Gleichmut geworden.

Die ersten Vorbilder für diesen Darius Kopp waren literarische Angestellten-Figuren, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen: Johannes Pinneberg etwa aus Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“. Oder Wilhelm Genazinos Abschaffel. Aber anders als diese beiden macht Darius Erfahrungen, die sich vielleicht nur machen lassen, wenn man zum Ausgestoßenen wird. Wie der romantische Held muss er hinaus ins Weite. Freiwillig hätte er sich aus seiner Komfortzone nie herausbegeben. Nach seiner Exkursion ins Ungewisse sind alle Illusionsblasen geplatzt, und kein Weg führt zurück ins alte Leben. Aber wie es das Los so will, kehrt er doch wieder zurück an seinen Ausgangsort Berlin.

Aus heiterem Himmel taucht seine Nichte auf

Die Heimkehr hat mit seiner Familie zu tun, die er eigentlich ebenso hinter sich gelassen hat wie seine Arbeit im IT-Bereich: Aus heiterem Himmel taucht auf Sizilien seine Nichte Lorelei auf, gerade mal 17 Jahre alt und in anderen Umständen. Darius Kopp bleibt gar nichts anderes übrig, als Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Mit der schwangeren Lorelei und einem staatenlosen Osteuropäer namens Metin im Schlepptau, der sich in die Nichte verguckt hat wie sie in ihn, macht er sich auf nach Berlin: ohne Geld, ohne Wohnung, zudem mit gewaltigen Schulden. Terézia Mora interessiert sich in all ihren Büchern für solche Randexistenzen, aus der Peripherie ins Zentrum gespült, dem Alltag ausgeliefert. Darius Kopp hat im Gegensatz zu Metin zumindest einen Pass. Aber letztlich beginnt er doch einmal wieder von vorn – als Ostdeutscher weiß er, wie sich das anfühlt. Die große Kunst der 1971 in Ungarn geborenen und seit knapp 30 Jahren in Berlin lebenden Autorin ist es, die Irritationen und Zweifel ihrer Figuren mit Empathie und ironischer Distanz zu erzählen. Zwischen verschiedenen Perspektiven hüpft sie leichtfüßig hin und her, aus der ersten hinein in die dritte Person, aus dem Inneren ihres Helden weit hinauf in die Lüfte, von wo aus ein entlarvender Blick auf die strauchelnden Erdenkinder herabgeworfen wird. Das erzeugt eine fortwährende Spannung und paradoxerweise Nähe zu den Figuren. Manchmal, mitten im Absatz, gibt es eine Verschiebung, die wir Leser ganz selbstverständlich mitmachen – weil Terézia Mora es so raffiniert anstellt, dass die Brüche sich zwar wahrnehmen lassen, aber nicht stören.

Zickzack-Spuren im eigenen Erzählen

Die Vermutung, dass es sich um einen osteuropäischen Erzählton handelt, liegt nahe. Mora, die nicht nur für ihre eigenen Werke, sondern auch als brillante Übersetzerin bekannt ist, hat einmal beschrieben, wie man im Ungarischen fortwährend zwischen den Zeiten hin- und herspringt, wie beweglich diese Sprache ist. Das hinterlässt Zickzack-Spuren in ihrem eigenen Erzählen, und zwar solche, denen man gerne folgt.

[Terézia Mora: Auf dem Seil. Roman. Luchterhand, München 2019. 360 Seiten, 24 €. – Die Buchpremiere findet heute, Donnerstag, den 5. 9., um 20 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz statt.]

Moras Deutsch ist wunderbar wandlungsfähig: Sie schnappt ihre Sprache auf der Straße auf, sie spielt mit hohen wie trivialen Tönen. Ihre halt- und heimatlosen Figuren beginnen zu leben und zu atmen aus dieser vibrierenden Sprache heraus, und sie gibt ihnen dadurch eine menschliche Größe. „Ihr könnt mich mal, ich bedeute euch doch nicht das Geringste, ob ich lebe oder krepiere, ihr wisst doch gar nicht mehr, wer ich bin, wer ich war – aber ebenso heftig wünschte er sich auch, er hätte alles vergessen. Alles vergessen, was einen zurückzieht. Zurück? Wohin? Dorthin, wo die Dinge so kompliziert werden, dass ich nicht mehr weiß, was ich tun soll, und das weiß ich doch so leicht nicht, verdammte Scheiße, der Verkehr macht vielleicht einen Wind, die Gartenbambusse zittern, absurd, es müsste doch möglich sein, einen klaren Kopf zu bewahren.“

Politischer und moralischer Anspruch

Mora verschließt selbst vor den kleinsten Sorgen ihrer Helden nicht die Augen. Das darf durchaus als politischer oder moralischer Anspruch an Literatur gelesen werden. Denn all diese Probleme zusammen können weitreichende Schieflagen kenntlich machen. Ihr Darius Kopp reist zwar aufgrund eines ganz privaten Schicksals durch halb Europa. Aber dass dieses Europa in der Krise steckt, bekommen er und wir natürlich mit. Gesellschaftliche Stimmungen sind immer untergründig zu spüren. Und wenn Kopp verändert nach Berlin zurückkehrt, nimmt er auch diese Stadt anders wahr als zuvor: nicht mehr von oben, wo er vermeintlich einmal beruflich stand, sondern aus der Warte einer prekären Existenz, die sich den Nomaden und Staatenlosen näher fühlt als jenen, die sich in Berlin-Mitte eine Eigentumswohnung leisten können.

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Die Kopp-Trilogie ist mit „Auf dem Seil“ abgeschlossen. Darius ist allerdings gerade mal 50. Er ist am Leben. Am Ende richtet er sich vorsichtig ein mit seiner neuen Situation. Da kann noch einiges kommen. Und wer weiß, vielleicht wird Terézia Mora ihm irgendwann doch noch einmal über den Weg laufen und uns erzählen, wie es ihm in diesem neuen Berlin ergeht.

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