Bücher zum Thema Infrastruktur : Das Blut in den Adern unserer Städte

Euphorie und Verwundbarkeit: Dirk van Laak und Steffen Richter schreiben an einer Kulturgeschichte der Infrastruktur.

Erhard Schütz
Sie sollten der Verdunstung Einhalt gebieten. 96 Millionen Plastikbälle in einem Wasserreservoir im San Fernando Valley.
Sie sollten der Verdunstung Einhalt gebieten. 96 Millionen Plastikbälle in einem Wasserreservoir im San Fernando Valley.Foto: imago/ZUMA Press

Wenn in Genua eine Autobahnbrücke einstürzt, in Berlin der BER nicht fertig wird, die S-Bahnen allmählich ins Museum gehören und manche Straßen aussehen wie Steppenpisten; wenn der Müll nicht abgeholt wird, Strom- und Wasserleitungen den Dienst versagen oder Internetknoten sabotiert werden – dann füllt sich der Begriff Infrastruktur mit Inhalt: Infrastruktur ist, wenn es daran hapert. Aufmerksamkeit finden diese Strukturen des gesellschaftlich Unbewussten vor allem als unerfüllte Wünsche. Ist es von daher ein Alarmzeichen, wenn sie in den Fokus des kulturwissenschaftlichen Interesses geraten?

Ein „Raum der Ströme“, in dem die Metropolen „Knotenpunkte“ bilden, hat dem spanischen Soziologen Manuel Castells zufolge den „Raum der Orte" abgelöst. Das Zauberwort heißt Netzwerk. Mit Bedachtsamkeit gibt der Leipziger Historiker Dirk van Laak jetzt den Euphorien über und Verwundbarkeiten von Infrastrukturen eine Tiefendimension. Anhand von Verkehr, Energie, Wasserversorgung oder den von Friedrich Zwicky 1934 zu „Schnellnachrichtenverkehrsmitteln“ erklärten Techniken von der Telegrafie bis zum Internet zeigt er, auf welchen Wegen Infrastrukturen expandierten, ihre Nutzer zugleich aber adaptierten und formatierten, wie sie also Wünsche erfüllten und weitere erzeugten, wie sie Autonomiegewinn versprachen und Regelkonformität erzwangen.

Infrastruktur und Finanzierung gehören zusammen

„Infrastrukturen materialisieren soziale Beziehungen im Raum.“ Was als Fazit abstrakt klingt, wird hier mit Fallbeispielen plastisch. Van Laak rekonstruiert den Weg von der Welteroberung des 19. Jahrhunderts über die Hochzeit der Infrastrukturierungsprojekte in der Moderne des 20. Jahrhunderts, zentriert um innere und äußere Kolonialisierung. Gigantomanisches für Afrika oder Eurafrika einerseits, sowjetische Elektrifizierung und Industrialisierung andererseits. Eigentlich, so van Laak, „hätten Infrastrukturkonzept und Sozialismus eine perfekte Kombination darstellen müssen“. Dem aber, zeigt er unter anderem an der Telefonie oder der Autobahn in der DDR, standen parteilicher Führungsanspruch und hierarchische Weisungsketten entgegen.

Wer von Infrastruktur spricht, kann von Finanzierung nicht schweigen. Hier ist von Anfang an eine Polarität zwischen Europa und den USA zu erkennen. Während diese die public utilities im Wesentlichen privatwirtschaftlich finanzieren und betreiben, war die „Daseinsvorsorge“ (Ernst Forsthoff) speziell in Deutschland immer eine vornehmlich staatliche Aufgabe. Insofern kommen Public-private-Partnerships und Entstaatlichung in Europa einem Paradigmenwechsel gleich. Für die 70er Jahre erkennt van Laak eine Wende durch nachlassenden Planungsoptimismus, demografischen Rückgang und Energiekrise im Verein mit schwindenden Steuereinnahmen bei hohen Betriebskosten. Seither, sieht man von der kurzen Internet-Euphorie ab, herrschen eher Nutzenskepsis oder Blockaden durch widerstrebende Partikularinteressen.

Getrieben von Allmachtsfantasien und Prestigedenken

Die klassischen Infrastrukturvorhaben vereinten fast immer Optimierung durch Standardisierung und Einbindung. Keineswegs, so van Laak, waren sie rein altruistisch. Sie wurden vielmehr getrieben von Allmachtsfantasien, Hegemonialwünschen, Prestigedenken und Kontrollzwängen. Aber in alledem waren sie generalistisch und auf Verlässlichkeit angelegt. Das bedeutete auch Zukunftsvorsorge, Rückstellungen für Unterhalt, Reparatur oder Ersatz.

Diese Denkweise ist inzwischen geradezu verpönt. Heute, da Wirtschaftsleistungen und Lebensstandard längst nicht mehr von der Produktion, sondern von der Konsumtion her gedacht werden, geht die gegenüber Großprojekten und ihren Verbindlichkeiten skeptische Zukunftsabstinenz einher mit Partikularismus und Momentanismus. Und so werden Fatalismus, Provisorien und Improvisation zum Signum unserer Zeit.

Vielleicht liegt die Abstinenz gegenüber langfristigen Großstrukturprojekten aber auch darin begründet, dass die Naivität der Wünsche dahin ist, von der diese angetrieben wurden. Romanciers wie Upton Sinclair, der die Zustände in den Chicagoer Schlachthöfen mit drastischer Sozialkritik ausmalte, oder Alice Tisdale Hobart, die davon erzählte, wie Standard Oil China von seinen Petroleumlieferungen abhängig machen wollte, stehen Infrastrukturbegeisterte wie Bertolt Brecht oder Alfred Döblin gegenüber.

Das spezifische Verhältnis der Literatur zur Infrastruktur

Parallel zu van Laaks historiografischer Revision ist ein Buch erschienen, das ähnlich weit ausholend das spezifische Verhältnis der Literatur zu den Infrastrukturen behandelt. Steffen Richter widmet sich, gerahmt von aktuellen Fragen, vor allem dem Zeitraum zwischen 1848 und 1914. Er geht also zurück zu Alexander von Humboldt, Rudolf Virchow, Friedrich List oder Ernst Kapp, mithin zum globalisierten Raum, zu den Kanalisationen der Hygiene, zum Eisenbahnnetz und dem Technikkonzept der „Organprojektion“.

Vor allem bezieht er sich auf die Geldströme, deren Fluss Infrastrukturen erst ermöglicht, und auf die Bürokratie, die für deren Organisation und Kontrolle steht. Mittendrin der charismatisch aufgeladene, neue Typus des Ingenieurs. Den findet er in der Heimatkunst von Gustav Frenssens „Jörn Uhl“ (1901) wie schon 1888 in Theodor Storms „Schimmelreiter“, vor allem aber im Autorentypus des Dichteringenieurs, bei Max Maria von Weber und Heinrich Seidel.

Der Ingenieur flieht vor dem Fortschritt aufs Land

Letzterer entwarf 1884 eine erzählerische Vision Berlins Ende des 20. Jahrhunderts. Er landete in einem Berlin, das sich bis nach Potsdam ausgedehnt hat, die gesamte Mitte als Passage unter Glas imaginiert, wobei die Menschen in der Stadt per Rohrpost verschickt werden und in die Ferne per Granaten verschossen. Das ist die erschreckende Kehrseite technischer Expansion, zu der Seidels beliebte Idyllen um Leberecht Hühnchen die Remedur in Serie boten.

Wie sein Autor ist Hühnchen ein Ingenieur, der vor dem Fortschritt, an dem er selbst aktiv teilhat, an den Rand, nach Steglitz und Tegel, ausweicht, dabei jedoch auf ordentliche Verkehrsanbindung achtet. Behaglich richtet sich Hühnchen als Nutznießer der Globalisierung ein und rechnet sein Gärtchen zu imperialer Größe in den Weltraum hoch.

Naturgemäß geht es in den Zukunftsspekulationen der literarischen Zeitgenossen weniger friedfertig zu. Während aber 1897 Kurt Laßwitzens „Auf zwei Planeten“ den Mars als höchst mobiles „Infrastruktur-Paradies“ entwirft, treibt Bernhard Kellermanns Bestseller „Der Tunnel“ 1913 denselben als Verkehrsinfrastruktur voran, die die neue und alte Welt verbindet. Damit sind wir in jener Zeit angelangt, in der technische Vorgänge und Strukturen per se als Faszinosa zu wirken beginnen. Dies war, zeigt Richter, zuvor keineswegs so. Es fehlte der Literatur eine adäquate technische Sprache.

Subtile Auseinandersetzung mit Straßen, Bahnen, Post

Wie sich das ändert, zeichnet das Buch auf seinem Weg durch das 19. Jahrhundert nach. Vor allem das Werk Wilhelm Raabes liefert ihm reichhaltiges Material. Er zeigt, wie elementar Raabes Thema, Hierbleiben und Weggehen, verbunden ist mit der Entwicklung der raumerschließenden Infrastrukturen, zumal sich Raabe subtil und keineswegs pessimistisch mit Straßen, Bahnen, Post und Schifffahrtslinien auseinandersetzte. Das gilt nicht nur für die Rückreisenden in „Abu Telfan“ (1867) oder in „Stopfkuchen“ (1891), sondern schon für „Die Chronik der Sperlingsgasse“ (1856), in der die vermeintlich abgeschottete Idylle tatsächlich nach Belieben und Bedarf immer wieder mit Droschke, Bahn und Pferde-Omnibus verlassen wird, ganz abgesehen von der Figur des Dr. Wimmer, der wie so viele die Schiffslinien zur Auswanderung nach Amerika nutzt.

Insofern ist Richters Buch nicht nur einmal mehr eine Aufwertung der Literatur des 19. Jahrhunderts in ihrem verzwickten Modernisierungsmonitoring, sondern auch ein differenzierter Beitrag zur Ideengeschichte von Infrastruktur. Ihre Ambivalenz bleibt unübersehbar. Etwa beim Paradox der Verlagerung: Die Unsichtbarkeit der weltweiten Informations- und Handelsverbindungen durchs Internet benötigt ja nicht nur Hardware wie Server, Sendemasten oder Satelliten, sondern führt direkt zu einer Überlastung der altgedienten Verkehrsinfrastrukturen, die sich etwa darin bemerkbar macht, wie die Just-in-Time-Lieferwagen die Straßen verstopfen.

Dirk van Laak: Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2018, 366 S., 26 €.

Mehr zum Thema

Steffen Richter: Infrastruktur. Ein Schlüsselkonzept der Moderne und die deutsche Literatur 1848–1914. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 452 S., 40 €.

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