Der Roman bezieht den Leser in die klaustrophobische Weltsicht des Helden mit ein.

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Bücherfrühling : Der programmierte Dichter
Der Unternehmer als Philosoph. Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler studierte Betriebswirtschaft und hat lange in der Wirtschaft gearbeitet.
Der Unternehmer als Philosoph. Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler studierte Betriebswirtschaft und hat lange in der...Foto: picture-alliance/ dpa

Der Neid auf die weibliche Gebärfähigkeit und auf künstlerisches Schöpfertum sowie das Phänomen der Selbstbeobachtung und der Beobachtung des Beobachters sind häufige Motive im Werk ErnstWilhelm Händlers. „Der Überlebende“greift sie in der Form eines postmodernen Faust-Romans noch einmal auf. Der von Kontaktscheu, Idiosynkrasien und Kontrollzwängen gepeinigte Held hat durchaus das Zeug zum Typus. Er verkörpert jenen neuen Menschenschlag, dessen spezifische Deformation mit der Arbeit systematischer Kontrolle und Optimierung zu tun hat, aber auch mit dem besessenen Laborieren an technischen Problemen. Max Frischs „Homo faber“ ist im Vergleich zu diesem Ingenieur ein Waisenknabe.

Seitenlang referiert er kosmologische Theorien, nur um zu dem Schluss zu kommen, sein Forschungslabor sei immerhin wahrscheinlicher als die Entstehung des Universums. Mit seinem Ziehsohn Peter, der ebenfalls im Leipziger Werk arbeitet, kann er sich erst dann unterhalten, wenn dieser nach einem Boxkampf im Koma liegt. Als seine Frau im Krankenhaus war, installierte er heimlich eine Kamera mit Mikrofon, um bei ihr zu sein, damit sie „nicht allein“ ist. „Wir waren unüberbrückbar einsam, jeder an eine andere großartige Idee von Erschaffung geschmiedet.“

Nicht nur auf der Handlungsebene geht es in diesem Roman um Steuerung und Manipulation. Auch dem Leser gegenüber verhält er sich invasiv. Als könnte er mit einem ferngesteuerten Greifarm in unserem Bewusstsein herumwühlen, geschieht es immer wieder, dass man gerade auf einen Gedanken gekommen ist, der kurz darauf prompt formuliert wird. Dass das funktionieren kann, hat vermutlich mit dem Schematismus zu tun, mit dem Händler seine Diskurse ablaufen lässt. Kennt man sie, weiß man auch, was als Nächstes kommt. Das hat einen gewissen Reiz, allerdings auch seine Grenzen.

Die Reflexionen über das Schöpfertum umkreisen die immer gleichen Topoi, was auch durch Exkurse in die Kosmologie nicht aufregender wird. Weil aus der Ich-Perspektive eines „intellektuellen Vampirs“ erzählt wird, schließt er den Leser ganz in dessen klaustrophobische Weltsicht ein. Keine andere Erzählstimme mildert den Hang zu Syllogismen. Womöglich ist die Neigung des Autors zu intellektueller Prahlerei die Kehrseite seines Entschlusses, auf einen eigenen Stil zu verzichten. Zumindest meint man seinem Roman die narzisstische Kränkung anzumerken, die mit diesem Verzicht einhergeht. Es ist der Stil, mit dem ein Schriftsteller auf seine spezifische Eigenleistung verweisen kann. Der Intellekt kann das nur unzureichend kompensieren.

Ernst-Wilhelm Händler: Der Überlebende. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 319 Seiten, 19,99 €.

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