Wie sieht die Zensur in der Zukunft aus?

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Bücherverbrennungen : Die Glut des Bösen

Untersuchungen über verfolgte, verbotene, vergessene Schriftsteller und ihre Bücher hat es einige gegeben, darunter Jürgen Serkes Porträtsammlung „Die verbrannten Dichter“ und Volker Weidermanns „Buch der verbrannten Bücher“. Was fehlte, war eine umfassende Kulturgeschichte der Zensur. Werner Fuld hat sie jetzt geschrieben, so erzählt er im Gespräch, „weil ich glaube, dass es immer mehr Verbote gibt – besonders im Netz“. Einerseits hat das Internet – siehe Wikileaks – die Möglichkeit, Informationen und Ideen zu unterdrücken, quasi unmöglich gemacht. Andererseits können Internetbuchhändler wie Amazon nur im Geschäft mit China bleiben, wenn sie die Bücher von systemkritischen Autoren auch außerhalb Chinas aus ihrem Angebot nehmen. Facebook erlaubt Gewaltszenen, löscht aber Bilder, auf denen weibliche Brustwarzen, Tierquälereien oder sexuelle Handlungen zu sehen sind.

„Die Verbotsrichtung geht eindeutig in Richtung der islamischen Länder“, sagt Fuld. „Dort ist die Misshandlung von Tieren streng verboten, ganz abgesehen von Sex und Entblößungen aller Art. Es geht um Geld, nicht um Inhalte. Man will seine Märkte nicht verlieren.“ Aber nicht nur deshalb ist ein neuer Fundamentalismus auch im Westen auf dem Vormarsch. Die US-Supermarktkette Wal-Mart räumt gnadenlos Bücher, Zeitschriften und CDs aus ihren Regalen, wenn ihr Erscheinungsbild etwa wegen eines etwas zu großen Dekolletés Anstoß erregen könnte. Weil rund zwanzig Prozent aller Medienerzeugnisse in den USA von Wal-Mart verkauft werden, legen inzwischen viele Verlage die Cover ihrer Zeitschriften vor deren Erscheinen der Konzernleitung vor.

Nicht die Zensoren und ihr Wunsch, Stimmungen zu lenken, sind – das zeigt das „Buch der verbotenen Bücher“ eindrucksvoll – die größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit. Sondern: die Selbstzensur verängstigter Autoren und ihrer duckmäuserischen Verleger. Ein Beispiel für derlei vorauseilendem Gehorsam gab der Schweizer Verleger Alfred Scherz. Er war entsetzt, als der Erfolgsautor Erich Maria Remarque 1951 das Manuskript seines Romans „Der Funke Leben“ bei ihm ablieferte, der den Alltag in einem Konzentrationslager schildert. „Haben Sie sich reiflich überlegt, welche Wirkung eine Ausgabe in Deutschland haben wird?“, fragte er in einem Brief an den Schriftsteller, warnte vor „Angriffen“ und „Boykott“ und lehnte die Veröffentlichung ab.

Werner Fuld, Autor des "Buches der verbotenen Bücher". Foto: privat
Werner Fuld, Autor des "Buches der verbotenen Bücher". Foto: privat

Stattdessen brachte der Kölner Verleger Joseph Caspar Witsch das Buch heraus. Als Remarque aber in seinem Kriegsroman „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ die Mitschuld der Deutschen am Holocaust thematisierte, schrieb Witsch dem Autor, seine Lektoren hätten ganze Passagen als „unzumutbar“ empfunden und ließ sie ohne Zustimmung „korrigieren“. Dabei wurde ein Kommunist in einen Sozialdemokraten verwandelt und ein SS- Mann in einen einfachen Deutschen.

Von der geistigen Kontinuität zwischen der NS-Diktatur und der frühen Bundesrepublik zeugt auch die Tatsache, dass der Roman „Kokain“ des italienischen Schriftstellers Pitigrilli 1933 und 1956 wegen desselben pazifistischen Satzes als „jugendgefährdend“ verboten wurde: „Das Vaterland ist etwas, was die Schafe auf die Schlachtbank führt“. Fuld hält es ohnehin für „grotesk“, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften nach undurchsichtigen Kriterien weiterhin mehr als 500 Bücher und Comics indiziert hat. „Wenn ein Buchhändler Josefine Mutzenbachers fiktive Erinnerungen, einen Klassiker der erotischen Literatur, in sein Regal stellt, macht er sich strafbar. Aber es handelt sich um Kunst, seriöse Literatur.“

Zensur ist zu einer Sache der Bürokraten geworden. Deutlich größer war der zeremonielle Aufwand im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Da wurde der Verbot einer Druckschrift per Trommelwirbel angekündigt und von einem Richter verlesen. Anschließend wurde das Objekt dem Henker übergeben und, als wäre es ein Wesen aus Fleisch und Blut, auf einem Maultier zum Exekutionsort transportiert, dem Hauptplatz der Stadt, wo es vor einer gaffenden Menge feierlich „hingerichtet“, sprich: verbrannt wurde.

Der Vatikan hatte im Zuge der Gegenreformation 1571 seine Indexkongregation gegründet, die mit Feuer und Flamme sowie immer neuen Verbotslisten versuchte, das in Büchern gespeicherte Weltwissen von allen ketzerischen Gedanken zu „reinigen“. Ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen, denn die römischen Glaubenswächter kamen kaum damit nach, die nach der Erfindung des Buchdrucks massiv angeschwollene Publikationsflut zu prüfen. Trotzdem blieb es für Katholiken bis 1965 offiziell eine Sünde, die Werke etwa von Malaparte, Alberto Moravia oder Sartre zu lesen. Erst da nahm Papst Paul VI. der Kongregation das Recht, im Namen der Kirche Bücher zu verbieten. Für Schriftsteller konnte es lange ohnehin keine bessere Werbung geben, als auf dem Index des Vatikans zu landen. Voltaire verglich seine Werke mit Kastanien, „die sich umso besser verkaufen, desto gründlicher man sie geröstet hat“.

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