Experiment am Tier - oder am Menschen?

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Büchner-Preis an Marcel Beyer : Ich stand unter der Erde, der Himmel blieb

Das gelang ihm, wie in dem 2008 erschienenen Roman „Kaltenburg“, nicht immer überzeugend. Darin versucht er sich an einer Art Ost-Pendant zu den „Flughunden“. Der Ich-Erzähler begibt sich, von den Dresdner Bombennächten des Jahres 1945 traumatisiert, in denen er massenweise Vögel vom Himmel stürzen sieht, in die Obhut des an den Tierforscher Konrad Lorenz angelehnten Zoologen Ludwig Kaltenburg und wird Ornithologe. An Kaltenburgs Seite erlebt er die Wechselfälle des kommunistischen Nachkriegszeitalters – und sieht, wie das Experiment am Tier eigentlich das menschliche Verhalten im Visier hat.

Selbst für das zusammengezwungene Stückwerk von „Kaltenburg“ aber gilt jene Suche nach einer „Haltung des Hörens“, die er in seiner Dankesrede zum Uwe-Johnson-Preis 1997 herausstellte. „Schweigen ist unmöglich.“ Und: „Die guten Leute sollen das Maul halten.“ Diese beiden Johnson-Sätze, die sich in den „Jahrestagen“ noch zur Bemerkung „Die Toten sollen das Maul halten“ steigern, bilden für ihn die Spannung seines Schreibens: „Als Nachkomme von Schweigegeneration und Antwortgeneration, dazu als jemand, der weder einen Stern noch einen farbigen Winkel sich an die Kleidung hätte heften müssen, der nicht zur Ermordung vorgesehen wäre, weiter als jemand, der mit Worten umgeht, aus Neigung zudem vor der Öffentlichkeit, und der aus seiner Neigung notwendigerweise eine Befragung, eine unabschließbare Prüfung seines Materials, der Sprache ableitet.“

Lauter Zitate postmoderner Helden

Angefangen hat Beyer nach ersten Gedichten indes mit wahren Intertextualitätsexzessen. Sein Debütroman „Das Menschenfleisch“ (1991) verwurstete Zitate postmoderner Heroen von Antonin Artaud und Roland Barthes und montierte sie ein in eine hochfragmentierte Körper- und Liebesgeschichte: Sie verschlingt ihren Erzähler am Ende in einer fleischfressenden Pflanze. Es war die Zeit, in der er unter dem Einfluss von Alain Robbe-Grillets nouveau roman jeder historischen Erzählsubstanz misstraute. Es war die Zeit, in der er, ein Bewunderer der Cut-up-Techniken von William S. Burroughs und Brion Gysin, für das Kölner Musikmagazin „SPEX“ zu schreiben begann. Und es war die Zeit, in der er noch ganz unter dem Einfluss von Friederike Mayröcker stand, die seine Leseinteressen zwischen Michel Leiris und Francis Ponge prägte.

Manche Verrenkung und Verrätselung mag ihm davon geblieben sein – mit ihr aber auch die Widerständigkeit gegen ein unbefragt realistisch-mimetisches Literaturverständnis, das der Dichter Beyer ohnehin scheut. Sein jüngster Lyrikband „Graphit“ (2014), ein „Grundbuch für zeitgemäße Dichtung“, wie Michael Braun in dieser Zeitung schrieb, durchquert – mit einer großen Verneigung vor seinem verstorbenen Freund Thomas Kling – einmal die Welt vom Rheinland bis zum Schwarzen Meer. Dabei macht er mit dem großen Gedicht „Sanskrit“ Halt bei Karl May in Radebeul bei Dresden. Ihm widmete er ein Libretto zum Musiktheater von Manos Tsangaris, nachdem er bereits dreimal mit dem Komponisten Enno Poppe arbeitete. Höher geht es in der deutschen Literatur seiner Generation nach dieser Wahl kaum noch hinaus. Es wird deshalb spannend, in welchen Regionen sich die Akademie in den kommenden Jahren umsehen will.

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