Burt Bacharach im Admiralspalast : "Ich hätte früher wiederkommen sollen"

Als Begleitung für Marlene Dietrich spielte er 1960 drei Konzerte in Berlin. Nun trat Burt Bacharach, der 90-jährige Meister des Popsongs, unter eigenem Namen im Admiralspalast auf.

The Look of Love: Burt Bacharach am Klavier
The Look of Love: Burt Bacharach am KlavierFoto: dpa/Gregor Fischer

Es ist wirklich eine Weile her, dass er in Berlin zu Gast war. Damals hatte Burt Bacharach, unvorstellbar, noch keine Platten in eigener Regie aufgenommen und war als Komponist völlig unbekannt. Doch die Dame, die er am Flügel begleitete, leuchtete im Scheinwerferlicht. Mit Marlene Dietrich gab er 1960 drei Konzerte im Titania-Palast.

Die erste Deutschland-Tournee der Dietrich nach Ende des Zweiten Weltkriegs rief teilweise heftige Reaktionen hervor. „Noch eine Stunde nach Ende der Vorstellung schwenkten propre Mädchen und sehr aufrechte Jünglinge unverdrossen ihre Pappkartons mit dem ausgemalten ,Marlene go home’“", schrieb Tagesspiegel-Autorin Karena Niehoff damals. Grölen, spucken und eine Bombendrohung - Bacharach, der schon vor in Deutschland stationierten US-Soldaten gespielt hatte, erlebte das, was die Dietrich selbst „Hassliebe“ nannte. Dem smarten Bacharach ist diese Emotion fremd. Das erste Lied, das er bei seinem späten Deutschland-Debüt als Interpret eigener Werke im Admiralspalast anstimmen lässt, ist „What the World Needs Now Is Love“. Der Saal, der ihn stehend empfangen hat, jubelt.

Burt Bacharach ist vor zwei Monaten 90 Jahre jung geworden, und wenn er jetzt etwas schief, aber hellwach auf der Bühne steht, scheint dieses Künstlerleben beinahe unfassbar reich. Die Emanzipation von der Dietrich umspielt als leichtes Lächeln seine Mundwinkel. Die Diva vertraute ihm musikalisch blind, wusch seine Socken und wäre dem 27 Jahre jüngeren Kollegen gerne an die Wäsche gegangen. Doch Bacharach wusste immer, wann es Zeit war zu gehen, und setzte durch, was vielen Songwritern in den Hit-Fabriken verwehrt blieb: die absolute Kontrolle über seinen Sound, an dem er akribisch tüftelte, Tag und Nacht. Kein Sänger, kein Tontechniker konnte sich seiner Vision von Dreiminütern entziehen, die das Herz erreichen und im Ohr bleiben. Nach den Beatles hat das keiner so erfolgreich gekonnt wie Bacharach, der von Ravels flirrender Instrumentationskunst tief beeindruckte Jazz-Fanatiker.

1960 war er Marlene Dietrichs Bandleader im Titania Palast

Er hat so viele Songs geschrieben, die seit Dionne Warwicks „Don’t Make Me Over“ von 1962 Teil des kollektiven musikalischen Gedächtnisses geworden sind, dass eine Auswahl eigentlich unmöglich ist. Das führt bei seinem Konzert unweigerlich zu Medleys, die bei einer so fein austarierten Liedkunst im Grunde genauso unmöglich sind. Oder wie es Bacharach selbst einmal gesagt hat: Bei einer Symphonie von 45 Minuten kann man zwischendurch auch mal etwas durchhängen, bei einem Song aber muss jede Note sitzen. „Walk On By“, „I Say a Little Prayer“ und „(There’s) Always Something There to Remind Me“ sind allesamt funkelnde Meisterwerke, die durch harte Arbeit an Harmonien und Rhythmen immer etwas über dem Boden schweben. In einem Best-Of-Mix aber drohen die feinen Widerhaken, das subtile Spiel mit der Ironie, der sanfte Widerhall des Melancholischen auf der Strecke zu bleiben. Aber Bacharach, am Klavier umgeben von seiner achtköpfigen Band und drei Sängern auf Barhockern, will spielen an diesem Abend.

Dafür lässt der Altmeister auch die Zügel etwas lockerer – er, der immer gewusst hat, wie er aus seinen Interpreten einen besonderen Klang hervorlocken konnte. Dass das Züchten von Rennpferden zu einem seiner Hobbys wurde, überrascht nicht. Er war der ideale Jockey, nicht zu schwer, aber zäh und richtungsweisend. Den Sängern, die mit jetzt ihm auf Tournee reisen, macht er weniger Vorschriften: Donna Taylor, Josie James und John Pagano singen sich in wechselnden Rollen nicht ohne Empathie durch Bacharachs Hits, doch ihr souliger Grundton ist weniger erspürt als verlässlich reproduziert. Alles tendiert etwas zu sehr in die Breite, zu melodiösem Speck, wie ihn sich Bacharach selbst immer abtrainiert hat. Und zu einem Rhythmus, der zur Mitte pendelt und so seine Binnenspannung einbüßt.

Dreiminüter für die Ewigkeit – Bacharachs Songs klingen nach

Wenn er komponiert, sagt Bacharach, dann ist der Song im Kopf schon fertig, und die Mühe besteht darin, ihn dort möglichst exakt herauszuholen. Da im Saal alle seine Musik kennen, können sie den Weg zurück zum Ideal im Kopf bewältigen. Da sind dann Streicher auch Streicher und keine elektronisch zu Brei gehauene Solo-Geige. Doch für Bacharach überwiegt die Lust am Teilen, stolz stellt er seinen 25-jährigen Sohn Oliver vor, der kurz am Keyboard vorbeischaut. Und den zwei Bläsern gelingen immer wieder Einwürfe, in denen traumwandlerisch die unerhörte Schönheit dieser Musik aufleuchtet: „The Look of Love“, „This Guy’s in Love with You“.

Mit der gleichen Unermüdlichkeit, mit der er einst seine Songs schuf, arbeitet Bacharach heute daran, noch lange auf dieser Welt zu sein. Der Mann, den seine vielen Frauen und Freundinnen als charmanten Narzissten beschrieben haben, erhebt seine brüchig gewordene Stimme, etwa als er „Mexican Divorce“ anmoderiert und sich über die „beautiful wall“ zum Nachbarland mokiert. Nie hat er Songs für sich selber geschrieben, doch jetzt scheut er sich auch nicht, kurzzeitig das Mikro zu übernehmen, bei „Wives and Lovers“ oder „Alfie“. Man versteht dabei nicht viel und doch alles. Sollen wir mehr geben denn nehmen? Gehört das Leben denen, die stark sind? „When you walk let your heart lead the way / And you'll find love any day, Alfie.“

Bacharach strahlt. Dieses Mal fühlt es sich viel besser an in Berlin als 1960 mit Marlene: „Ich hätte vielleicht früher wiederkommen sollen“, sagt er und schlägt den Bogen zum plüschigen Finale mit „That’s What Friends are for“. Nach beinahe zweieinhalb Stunden ohne Pause singt er mit dem stehenden Publikum „Raindrops Keep Fallin’ on My Head“. Im Kopf klingt eine zarte Freiheit fort.

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