C. Bernd Sucher und sein Mutterbuch : Der Wiedergutmacher

Traumatherapie mit der Peitsche: C. Bernd Sucher erzählt, wie ihn seine jüdische Mutter zum Streber abrichtete.

Gisa Funck
Vollkommene Eintracht. Margot Sucher und ihr Sohn im Mai 1950.
Vollkommene Eintracht. Margot Sucher und ihr Sohn im Mai 1950.Foto: privat

Irgendwann schreibt er seiner Mutter dann doch einen Beschwerdebrief. „Liebe Mamsi“, beklagt sich der damals 30-jährige C. Bernd Sucher, „seit ich denken kann, nörgelst du an mir herum. Schlimmer: Du hast mich gemaßregelt. Du hast mich verletzt. Du hast mich verraten. Und ich erinnere mich nicht, je von dir geküsst worden zu sein.“ Es sind bittere Worte eines Sohnes, der es seiner Mutter nie recht machen konnte. Selbst dann nicht, als er 1980 Kulturredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ wird, danach ein einflussreicher Theaterkritiker und von 1996 an Professor an der Theaterakademie der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Seit fast 20 Jahren beklatscht man ihn außerdem als gewitzten Literaturkritiker in der Bühnenshow „Suchers Leidenschaften“, in der er mithilfe rezitierender Schauspieler prominente Schriftsteller aufs Korn nimmt.

Für Suchers jüdische Mutter Margot, die am 3. Oktober 2005 mit 80 Jahren starb, war all das nie glorreich genug. Weiter, besser, mehr: So lautete ihr unerbittliches Motto für den einzigen Sohn, von dessen Geburt am 6. Juli 1949 an. Oder, wie Sucher es in seiner anrührenden Chronik formuliert: „Mamsis Erziehung glich einer Dressur. Bekam ich einen Einser, durfte ich mir ein Schnitzel wünschen oder ein Eis. Bekam ich eine Drei, schämte sie sich für mich und jammerte, dass sie nicht glauben könne, so ein unbegabtes Kind in die Welt gesetzt zu haben.“

"Ich bestimme, wann mein Sohn Fieber hat"

Das sind Muttersätze, die kein Kind je vergisst. Und nicht nur hier kommt einem das Schlagwort von der schwarzen Pädagogik in den Sinn. Denn Suchers Mutter schreckte bei ihrer Erziehung nicht vor drakonischen Strafen zurück. Wenn der kleine Bernd am Daumen lutschte, sorgte sie dafür, dass man ihm nachts die Daumen hochband. Wenn der Junge grippekrank war, scheuchte die Mutter ihn trotzdem zur Schule und erklärte dem verdutzten Lehrer: „Ich bestimme, wann mein Sohn Fieber hat.“ Und bei schlechten Noten und nach den ersten homoerotischen Abenteuern des 18-Jährigen schickte sie den Vater zum Filius aufs Zimmer – ausgerüstet mit einer siebenstriemigen Peitsche. Schlimmer noch: Die Mutter sah der Auspeitschung ihres Sohnes ungerührt zu und zählte die Schläge laut mit.

Kann man so eine Mutter lieben? C. Bernd Sucher tat es. Er „vergötterte“ seine Mamsi sogar und versuchte, ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Immer noch besser wollte er sein, noch klüger, noch strahlender. Was zur Folge hatte, dass kein Kind sich mit ihm, dem „Superstreber“, anfreunden mochte.

Es dauerte lange, bis der Sohn zu verstehen begann, warum seine Mutter manchmal so grausam zu ihm war. Schon als Grundschüler wusste er, dass sie als Jüdin 1942 ins KZ verschleppt worden war. Doch wie stark sie diese Erfahrung geprägt hatte, erkannte Sucher erst als Erwachsener, als sich 1986 eine Polin bei der Familie meldete. Janina Szafranek hieß die mutige Frau, die seiner Mutter 1943 zur Flucht aus dem KZ Belzec verhalf. 1988 reiste Sucher zu ihr nach Lublin und erfuhr von ihr erste Andeutungen jenes Ungeheuerlichen, über das die Mutter bis zu ihrem Tod nie sprechen konnte. Nach weiteren Recherchen begriff der Sohn allmählich, wie unauslöschlich brutal seine Mutter als Jugendliche gequält und gedemütigt worden war. Und er begriff, warum ihr Leid auch nach 1945 nicht endete.

Protestantisches Misstrauen gegenüber der Jüdin

Denn nachdem Suchers Mutter in ihre Heimatstadt Leipzig zurückgekehrt war, verliebte sie sich ausgerechnet in den Sohn eines ehemaligen Nazis und protestantischen Kirchenrats, dem eine jüdische Schwiegertochter gar nicht recht war. Dieser Großvater weigerte sich zunächst, der Heirat zuzustimmen. Als er es schließlich doch tat, forderte er als Bedingung, dass spätere Kinder des Paares nicht jüdisch, sondern christlich erzogen werden müssten.

Ein Verrat an den eigenen Wurzeln, den Suchers Mutter zeitlebens aus Scham verschwieg. 14 Tage nach der Hochzeit notierte sie heimlich: „Mein Sohn wird, wenn er denn geboren sein wird, richtigstellen, was ich falsch gemacht habe. Er wird fortführen und erreichen, was mir zu erreichen versagt geblieben ist.“ Noch als Ungeborener wurde Sucher also zur Projektionsfläche seiner Mutter. Ihre Notizen aber versteckte sie so gut, dass der Sohn sie erst nach ihrem Tod entdeckte. Traurig bemerkt er im Buch: „All das hätte meine Mutter mir sagen müssen!“.

Man liest diese Emanzipationsgeschichte eines von seiner Mutter „emotional missbrauchten“ Sohnes atemlos. Auch deshalb, weil sie ein wichtiges Zeugnis dafür ist, wie Traumata über Generationen hinweg vererbt werden – und wie offenbar nicht nur deutsche Nazi-Täter, sondern auch deutsche Holocaust-Opfer Gewalterfahrungen an ihre Kinder weitergaben. Denn ähnlich überrücksichtsvoll, wie Sabine Bode es bereits als typisch für deutsche Nachkriegskinder im Verhältnis zu ihren ehemaligen Nazi-Eltern beschrieben hat, wirkt nun auch der KZ-Opfer-Sohn C. Bernd Sucher. Bis zuletzt verteidigt er seine ewig nörgelnde Mamsi – egal, wie oft sie ihn piesackt, verrät und enttäuscht.

Eine Identifikation mit dem Aggressor würde mancher Psychologe dem Autor deshalb vielleicht attestieren. Der 70-jährige Sucher selbst erklärt seine Wehrlosigkeit gegenüber seiner Mutter einmal so: „Meine Mutter hatte im KZ die Hölle erlebt. Wie konnte ich mir da rausnehmen, sie noch weiter zu verletzen und nochmals zu demütigen?!“ Von daher hat Sucher, der sich inzwischen offen zum Judentum bekennt, auch den Anklagebrief an seine Mamsi 1980 nie abgeschickt. Mit diesem Buch wird er auf andere Weise nun doch zugestellt.

C. Bernd Sucher: Mamsi und ich. Die Geschichte einer Befreiung. Piper Verlag, München 2019. 256 Seiten, 20 €.

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