"Cabaret" im Tipi am Konzleramt : Ach, du liebe Ananas

Seit 15 Jahren ist Vincent Patersons Inszenierung des Musicals "Cabaret" in Berlin zu sehen. Jetzt wurde im Tipi am Kanzleramt gefeiert.

Sally Bowles (Sophie Berner) und die Kit-Kat-Girls
Sally Bowles (Sophie Berner) und die Kit-Kat-GirlsFoto: Barbara Braun/ MuTphoto

Erfolgsinszenierungen, die zu Dauerbrennern werden, fangen normalerweise irgendwann dann doch an zu altern. Vincent Patersons Version des Musicals „Cabaret“ bildet da eine Ausnahme. Die Produktion, die 2004 in der Bar jeder Vernunft herauskam und seit 2010 allsommerlich im Tipi am Kanzleramt zu sehen ist, wurde mit der Zeit immer aktueller. Leider, wie Hausherr Holger Klotzbach bei der Wiederaufnahme am Freitag betont: Denn in dem Stück von John Kander und Fred Ebb geht es um das Erstarken der Nationalsozialisten zu Beginn der 30er Jahre – vor dem die Mehrheit der Bevölkerung die Augen verschließt. Weil sie es nicht wahrhaben will.

Klotzbach sieht da durchaus Parallelen zu aktuellen Entwicklungen: „Bei der Premiere vor fünfzehn Jahren waren die Rechten ein mitleidig belächelter, kleiner Haufen“, mittlerweile aber bestimme die AfD den gesellschaftlichen Diskurs. Dem wollen Organisationen wie „Gesicht zeigen“ und „Die Vielen“ entgegentreten – Bar jeder Vernunft und das Tipi sind bei beiden Mitglied.

Im Musical wie im Tipi wird die Vielfalt der Vorlieben gefeiert

Aus 20 verschiedenen Nationen kommen die 150 Mitarbeiter des Showunternehmens, erzählt Klotzbach weiter, und sie erleben bei der Arbeit tagtäglich die Bereicherung, die das für alle mit sich bringt. „Die Kunst bleibt frei“ steht auf den T-Shirts der Service- Mitarbeiter.

Um Toleranz, um eine Feier der für alle nur erdenklichen Vorlieben offenen Gesellschaft geht es auch in „Cabaret“. Und um den Moment, wo die Partystimmung kippt: Plötzlich ist die Ananas, die der jüdische Obsthändler seiner Zimmerwirtin zum Liebesgeschenk macht, der einzige willkommene Exot.

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Als Sally Bowles ist Sophie Berner derzeit wohl unübertroffen. In die Hunderte gehen die Abende, an denen sie in die Rolle der Nachtclubsängerin geschlüpft ist. Und ihre Professionalität hat jetzt einen Grad erreicht, der es ihr erlaubt, sich jede interpretatorische Freiheit zu nehmen, die Figur jeweils spontan nach ihrem Willen auszuformen. Die fantastische, von Damian Omandsen am Flügel angeführte Band unterstützt sie dabei, mit einer traumwandlerischen Stilsicherheit in Sachen roaring twenties und einem Swing, der dem Zuschauer sofort in die Fußspitze fährt (Tipi im Kanzleramt, bis 15. September, Di – Sa 20 Uhr, So 19 Uhr).

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