In der Sektion „Un Certain Regard“ begeistert eine One-Woman-Show

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Cannes Journal 2017 (7) : Kein Platz an der Croisette - für Frauen
Verhuschte Blicke. Sofia Coppolas Bürgerkriegs-Drama "The Beguiled" ist einer von drei Wettbewerbsbeiträgen einer Regisseurin. Colin Farrell spielt einen Union-Corporal, der verletzt und von einer Gruppe Frauen gepflegt wird. Die Lehrerin Edwina (Kirsten Dunst) buhlt um die Gunst des Charmeurs.
Verhuschte Blicke. Sofia Coppolas Bürgerkriegs-Drama "The Beguiled" ist einer von drei Wettbewerbsbeiträgen einer Regisseurin....Foto: Filmfestival Cannes

In den Nebenreihen von Cannes haben Regisseurinnen traditionell bessere Karten, allerdings ist der Weg in den Wettbewerb für die meisten von ihnen danach steinig. Zum Vergleich: Ruben Östlund brauchte nach “Höhere Gewalt” nur drei Jahren, um es in diesem Jahr mit The Square in den Wettbewerb zu schaffen. Ein Auge sollte man aber auf Léonor Serraille haben, die ihr Spielfilmdebüt „Jeune femme“ in der Reihe „Un Certain Regard“ zeigte. Ihr Film ist eine furiose One-Woman-Show der großartigen Laetitia Dosch, die den Film buchstäblich von der ersten Szene an, in der sie wie irre in die Kamera schreit, beherrscht. Paula befindet sich in einem schwierigen Lebensabschnitt. Ihr Freund hat sie gerade vor die Tür gesetzt, die Mutter hat den Kontakt abgebrochen, ihre beste Freundin ist von der Unzuverlässigkeit Paulas bedient und pleite ist sie auch. Ein Doppeljob als Kindermädchen und Verkäuferin für Damenunterwäsche verschafft ihr für einen Moment emotionale Stabilität, doch der nächste Rückschlag bahnt sich bereits an.

Laetitia Dosch gibt in Léonor Serrailles Spielfilmdebüt „Jeune femme“ eine furiose One-Woman-Show.
Laetitia Dosch gibt in Léonor Serrailles Spielfilmdebüt „Jeune femme“ eine furiose One-Woman-Show.Foto: Filmfestival Cannes

Serrailles Sympathie für ihre Figur sorgt für wahre Anteilnahme an diesem wandelnden Katastrophenherd. Paula verfügt trotz ihres hohen Nervfaktors über eine untrügliche soziale Intelligenz, die ihr dabei hilft, kurzzeitige Allianzen zu schmieden. Dosch manövriert ihre Figur mit entwaffnendem Witz durch einen regelrechten Sturm von Gefühlsschwankungen. Im amerikanischen Kino gibt es für solche Figuren Kristen Wiig oder Amy Schumer: schwer verhaltensauffällige Persönlichkeiten im ständigen Hadern mit den gesellschaftlichen Zumutungen. Dass es dabei um viel mehr als nur die Frage nach dem richtigen Typen geht, macht Paula zu einer Art Role Model, für die es auch im europäischen Kino noch zu wenig Filme gibt. „Jeune femme“ ist ein Glücksfall für die französische Komödie. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man Serraille gerne zurufen: In drei Jahren dann im Wettbewerb.

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