"Casting Clara" an der Neuköllner Oper : Sieben Köpfe, sieben Claras

"Casting Clara": Kurz vor ihrem 200. Geburtstag widmet die Neuköllner Oper der großen Komponistin Clara Schumann einen Abend.

Szene aus der Neuköllner-Oper-Inszenierung über Clara Schumann
Szene aus der Neuköllner-Oper-Inszenierung über Clara SchumannFoto: Peter Plum/Neuköllner Oper

„Kraft für sechs Knaben“ bescheinigt ihr Goethe, nachdem er Clara am Klavier gehört hat. Sie ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt und der Beweis dafür, dass das pädagogische Experiment ihres Vaters aufgeht. Das Wunderkind spricht erst spät, auch hier wird der allmächtige Vater eingreifen und ein Tagebuch für Clara führen. In Ich-Form lässt er sich dort über die Faulheit seines Klaviergeschöpfes aus. Eine Therapie würde nicht ausreichen, um sich von dem Druck zu lösen, der auf diesem ungewöhnlichen Kind lastet.

Kurz vor Clara Schumanns 200. Geburtstag widmet ihr die Neuköllner Oper einen Abend, der ihr einen Blütenkranz flechten will. (täglich bis 20. September) „Casting Clara“ spaltet die gefeierte Virtuosin in sieben Akteurinnen auf – und das ist keinesfalls eine zu viel. Denn sind die entstellenden Biedermeier-Schleifen erst mal runter von den Köpfen, zeigen sich Aspekte einer Persönlichkeit, die trotz aller Gängelung reich an Empfindungen und Widersprüchen ist.

Inszeniert hat das Stück Cordula Däuper

Was es bedeutet, dass Robert Schumann „im wunderschönen Monat Mai“ in ihr Leben tritt und mit Leidenschaft und Renitenz das Vater-Tochter-Gefüge sprengt, spielt das von Regisseurin Cordula Däuper erdachte Musiktheater mit unverkrampft angewandtem Charme aus. Es findet auch eindrückliche Bilder dafür, dass Clara bald darauf sieben überlebende Kinder und einen lebensmüden Mann hat. Sie reist von Konzert zu Konzert, um Geld zu verdienen, und kämpft ihr schlechtes Gewissen mit Tausenden Briefen an die verstreut untergebrachten Kinder nieder. Und plötzlich sind die sieben Claras auf der Bühne ihre sieben unheimlich artigen Kinder.

Däuper gelingt es, ins Verhältnis zu setzen, was isoliert nur schwer zu fassen bleibt. Sie schlägt den Bogen noch weiter ins Jetzt, wenn die Handys der Darstellerinnen klingeln und zur Unzeit nach der Mama oder Familienmanagerin rufen. Würde sich Clara Schumann heute für Frauenquoten in der Kunst einsetzen, dafür, dass etwa an Berlins großen Opernhäusern ebenso viele Regisseurinnen wie Regisseure beschäftigt werden – und nicht nur eine unter 21 wie in der kommenden Saison? „Casting Clara“ nimmt die Jubilarin da nicht als Geisel, wohl aber als Anstoß. Nur etwas mehr Musik hätte der kurzweilige Abend vertragen, die Arrangements von Johannes Schwencke entfachen jenseits der Schumann-Songs nur wenig zwingende Kraft.

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