Chamber Orchestra of Europe : Mozarts Schatten

Das Chamber Orchestra of Europe spielt Mozart und Elliott Carter im Kammermusiksaal. Mit Pierre-Laurent Aimard und Candida Thompson.

Die britische Violinistin Candida Thompson
Die britische Violinistin Candida ThompsonFoto: Marco Borggreve

Annonciert war ein Konzert unter der Leitung von Pierre-Laurent Aimard, doch dann ist es umgekehrt, vertraut sich Aimard eher der Konzertmeisterin Candida Thompson an. Sein Flügel steht im hinteren Teil der eng bestuhlten Bühne des Kammermusiksaals, von dort aus wirft Aimard Blicke, hört sichtbar aufmerksam zu – doch Thompson am ersten Geigen-Pult ist es, die nun schaltet und waltet, und zwar auf fabelhaft virtuose, mitreißende Weise.

Übrigens war für diesen Abend, der seinerseits zur philharmonischen Konzertreihe „In memoriam Claudio Abbado“ gehört, auch eine Verschwisterung der präsentierten Werke angesagt, doch auch das ist offenbar nicht ohne Weiteres einzulösen. Denn auf dem Papier mögen sich W. A. Mozart und der 1908 geborene Elliott Carter nahestehen, zumal über die Mittlerfigur der französischen Kompositionslehrerin Nadia Boulanger, die, daran erinnert die Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld im Programmheft, zahlreiche amerikanische Komponisten unterrichtete und dabei immer wieder die „Reinheit“ der mozartschen Partituren beschwor.

Gespielt wird aber auf dem Platz. Und hier klingt es eher so, als ob zwischen Mozart und Carter nicht nur Jahrhunderte, sondern auch kompositorische Welten liegen. Wenn also zwei Mozart-Klavierkonzerte mit zwei kammermusikalischen Werken von Carter verknüpft werden, dann tönt das bunt und phasenweise auch sehr spannend, doch erschließen sich die inneren Zusammenhänge selbst dem geneigten Ohr nicht sofort.

Größte Aufmerksamkeit füreinander und für die Komposition

So lässt man sich auf sehr verschiedene Hörerlebnisse ein. Zuerst erklingt Mozarts Konzert KV 450, getragen von Aimards Engagement am Flügel und der wunderbar federnden Tongebung des Orchesters, von allergrößter Aufmerksamkeit füreinander und für die Komposition, die man spielt. Danach ein knapp halbstündiges, gefühlt jedenfalls recht langes Opus von Carter, das 1991 anlässlich von Mozarts 200. Todestag und für dieselbe Besetzung entstand wie dessen berühmtes Bläserquintett. Das ist schon eine Spur weniger zugänglich, auch wenn Aimards Energie und Einsatzbereitschaft ebenso beeindrucken wie die Virtuosität von Philippe Tondre (Oboe), Romain Guyot (Klarinette), Chris Parkes (Horn) und Matthew Wilkie (Fagott), Mitglieder des Orchesters, für das wiederum Abbado ein zentraler Mentor gewesen war.

Wie exzellent die Musikerinnen und Musiker des COE sind, zeigt sich dann gleich noch einmal am Zwölferreigen der Carterschen „Epigrams“ von 2012, mit Aimard, Thompson und Richard Lester am Violoncello: eine fein gemeißelte Folge aus Flageolettgesprächen, üppigen Kantilenen, Attacken und einer eigenwilligen Wendung zum Schluss, in der schon wieder eine kleine Kadenz um die Ecke zu schauen scheint.

Das Finale bestreitet man abermals mit Mozart. Kaum lässt sich das um Pauke und Trompete erweiterte Orchester noch auf der Bühne unterbringen, umso prachtvoller wird das Klavierkonzert KV 503 klingen (inklusive Anspielung auf das, was später die „Marseillaise“ werden sollte), umso energischer der Beifall danach.

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