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Eine russische Rakete trifft ein Wohngebiet in Charkiw.

© dpa/Anatolii Lysianskyi

Charkiw vor dem vierten Kriegswinter: Wie sich die Kulturszene trotz Beschuss und Zerstörung behauptet

Gedichte auf vernagelten Fenstern, ein neues Literatur-Café, eine Chorprobe vor dem nächsten Stromausfall. Eine Reportage aus der Metropole im Osten der Ukraine.

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Russland hat Charkiw in der Nacht erneut beschossen. Am Morgen werden die Folgen deutlich: Ein Teil der Stadt ist ohne Strom und Wasser, der offizielle U-Bahn-Kanal gibt bekannt, dass keine Züge fahren und die Bahnhöfe derzeit als Notunterkünfte dienen.

Cafés füllen ihre Generatoren mit Benzin, um den Bewohnern der Stadt ihren morgendlichen Filterkaffee zuzubereiten. Cappuccinos würden zu viel Strom verbrauchen. Die Menschen schnappen sich Tassen mit der Aufschrift „Vorsicht, heiß“ und eilen zu ihren Aktivitäten. Wer in der Nacht nicht ums Leben gekommen ist, muss morgens zur Arbeit.

Ein Chor versammelt sich vor dem Aufnahmestudio in der Skovoroda-Straße. Einige sind zu spät: Sänger, die in den Vororten wohnen, mussten komplizierte Kombinationen aus öffentlichen Verkehrsmitteln und Taxis finden, um ins Zentrum zu gelangen.

Heute nehmen sie die Chorstimmen für den Song „Light My Fire“ (Arbeitstitel) aus dem kommenden Album von Yuriy Gurzhy und Serhiy Zhadan auf, das auf Gedichten von Bertolt Brecht basiert, die Zhadan übersetzt hat. In dem Text, der unter dem Eindruck eines berühmten Protestschreibens von Oskar Maria Graf verfasst wurde, ist der Held besorgt darüber, dass sein Name nicht auf der Liste der Autoren steht, deren Bücher auf dem Opernplatz verbrannt werden sollen. „Verbrennt mich, verbrennt mich!“, singt ein Chor junger Menschen aus Charkiw.

Der Dichter, Autor und Sänger Serhij Zhadan im Aufnahmestudio.

© Yuriy Gurzhy / Serhij Zhadan / Mikho Kontora

Die Spannung im Netz schwankt, von Zeit zu Zeit muss pausiert werden, um die Geräte zu schonen. Komponist Yuriy Gurzhy sagt, dass diese Lieder in wenigen Tagen auf der neuen Bühne des Berezil-Theaters präsentiert werden.

Die Bühne befindet sich unter der Erde, wie die meisten Kulturstätten im modernen Charkiw. Der Bau hat lange gedauert, aber endlich kann das Theater, in dem einst der legendäre Avantgardist Les Kurbas tätig war, seine Arbeit fortsetzen.

Verbrennt mich, verbrennt mich!

Ein Chor junger Menschen aus Charkiw bei Studioaufnahmen

Bei Luftalarm funktioniert die Navigation auf dem Smartphone nicht. Plötzlich erscheint der eigene Standort in Peru, Südamerika. Oder ein Platz, der nur wenige hundert Meter entfernt ist, erscheint plötzlich zwei Kilometer weit weg zu sein.

Gedichte auf vernagelten Fenstern

Natürlich sollen nicht die Stadtbewohner dadurch verwirrt werden, sondern russische Raketen und Drohnen. Wie oft sie hier fliegen, lässt sich an den Fassaden der Gebäude im historischen Zentrum ablesen. Durch Druckwellen zerbrochene Fenster sind mit Holz vernagelt. Darauf stehen Gedichte alter und zeitgenössischer Dichter.

Ein Fenster trägt nun die Schlussverse des Gedichts „Wir sitzen am erloschenen Feuer“ von Wassyl Stus, einem Dichter der 1960er Jahre, der 1985, nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit der Ukraine, in einem russischen Gefängnis ermordet wurde: „Wir sitzen am erloschenen Feuer – / Ein Jahrhundert, ein zweites, ein drittes, / die Glut erlischt nicht, sie vergeht nicht. / Also nennt der Freund, als sein Unglaube unerträglich wird, / den brennenden Busch ewiges Feuer / und erbittet ein Streichholz, / um sich eine Zigarette anzuzünden.“

Eine Straße in Charkiw, in der die Fenster mit Holz vernagelt wurden. Darauf stehen Gedichte.

© Anastasiia Kosodii

Das Literaturmuseum Charkiw ist auf Google Maps als „vorübergehend geschlossen“ gekennzeichnet, aber die Arbeit dort geht weiter. Museumsmitarbeiterinnen, Journalisten, Aktivisten und Künstlerinnen haben sich um einen großen Tisch versammelt. Sie diskutieren über das Projekt „Laboratorium der Träume“, das sich mit der Erforschung des kulturellen Erbes befasst, weniger als Phänomen, sondern vielmehr mit den Auswirkungen dieses Erbes auf die Gemeinschaft.

Alle tragen Mäntel: Das Museum wurde durch Beschuss beschädigt, und die Heizung funktioniert nicht. Einer der Teilnehmer scherzt angesichts der langen Besprechung, dass sie sich das nächste Mal besser draußen treffen sollten, damit es in der Kälte schneller geht.

Das Museum habe gelernt, aus der Ferne zu arbeiten, erklärt Direktorin Tetiana Pylypchuk, als wir uns nach dem Treffen zu einem Gespräch zusammensetzen. Auch wenn ein Teil des Teams nicht in Charkiw ist, übernimmt es weiterhin Aufgaben. Natürlich kann ein Museum in einer Stadt an der Front keine Museumsobjekte physisch ausstellen. Aber es gibt andere Möglichkeiten.

So organisiert das Museum ein Aufenthaltsstipendium, für das Künstler aus anderen Regionen der Ukraine und aus dem Ausland in die Stadt kommen, um in Petro Lisovyis Wohnung im Slovo-Gebäude und in Yurii Shevelovs Wohnung im Salamandra-Gebäude zu schreiben. Außerdem gibt es Lesungen, musikalische Veranstaltungen und Brettspiele, die auf in Charkiw geschriebenen Werken basieren.

„Wir arbeiten nicht direkt mit Museumsobjekten, das ist einfach unmöglich“, sagt Tetiana Pylypchuk. „Aber ein Museumsobjekt ist eine Erfahrung, die in der Erinnerung gespeichert ist. Mit bestimmten Sinnen. Und heute sind wir gezwungen, mit diesen reinen Sinnen zu arbeiten. In Bereich der Ideen. Denn wir haben nichts, womit wir sie illustrieren könnten.“

Ein Buchladen-Café als Lichtquelle

Die schwache Herbstsonne geht unter, aber die Straßenlaternen bleiben dunkel – in der Stadt ist Stromausfall. Passanten befestigen reflektierende Elemente an ihrer Kleidung und leuchten sich mit ihren Handytaschenlampen den Weg. Manchmal fällt der Blick auf Dellen im Asphalt, von denen kleinere Strahlen ausgehen – Spuren, die russische Artilleriegeschosse hinterlassen haben, die im Frühjahr 2022 die Stadt erreichten.

Das Buchladen-Café „Knigoukrytia” (Buchunterschlupf), das Oleksandr Savchuks Verlag gehört, ist die einzige Lichtquelle im gesamten Viertel. Laut Savchuk handelt es sich um ein neues Konzept für Charkiw, und einige Besucher sind noch verwirrt.

Während wir uns unterhalten, betreten zwei Männer das Café, die Zivilkleidung tragen, aber Militärstiefel anhaben. Sie bestellen einen Matcha und zögern vor dem Bücherregal: Dürfen sie die Bücher nehmen? „Natürlich, Sie können sie auch lesen!”, ermutigt sie der Verleger.

Die Männer ziehen ein Album der Künstlerin und Modedesignerin Lyubov Panchenko aus dem Regal. Die auf hochwertigem Papier gedruckten Seiten zeigen lyrische Aquarelle, Linolschnitte und fantastische dekorative Gemälde. Die Künstlerin starb im Alter von 85 Jahren nach einem Monat Hunger im Frühjahr 2022 in der besetzten Stadt Bucha.

Vor dem Fenster ertönt eine Luftschutzsirene: Eine Gruppe russischer Drohnen ist in die Region Charkiw eingeflogen. Niemand bewegt sich. Ein Plattenspieler, der mit einer leistungsstarken Batterie betrieben wird, spielt ein Album der Beatles.

Joggen mit Stirnlampen

Charkiw war bis 2022 eine Studierendenstadt, doch derzeit kann sie nur Online-Unterricht anbieten. Die demografische Landschaft der Stadt verändert sich: Menschen aus dem Ausland, die zuvor hier studiert haben, um Ärztinnen und Ingenieure zu werden, verlassen die Stadt, um sich an Universitäten in anderen Ländern einzuschreiben. Stattdessen kommen Menschen aus den von Russland besetzten Städten im Osten, Süden und Norden in die Stadt.

Maxim Rosenfeld, außerordentlicher Professor an der Staatlichen Akademie für Design und Kunst in Charkiw, arbeitet seit etwa einem Jahrzehnt als Stadtführer. In den Besuchermassen – bei der letzten Führung waren es über hundert Personen – sieht er Menschen, die sich unter anderen Umständen kaum für die Geschichte des Wohnviertels Saltivka interessieren würden. Aber jetzt leben sie in dieser Stadt – und haben manchmal sogar genug geistigen Freiraum, um mehr darüber zu erfahren.

Wir gehen unter den Bögen des dunklen Derzhprom hindurch: dem ersten sowjetischen Wolkenkratzer, einem 13-stöckigen Meisterwerk des Konstruktivismus. In der dunklen Stadt läuft plötzlich ein Dutzend Menschen mit Stirnlampen an uns vorbei: ein seltsamer Marathon von Laufenden, denen ihre körperliche Fitness inmitten eines Stromausfalls und eines Krieges wichtig ist.

Die U-Bahn von Charkiw nimmt nach zwei Tagen den Betrieb wieder auf. Passagiere – Soldaten, Schulkinder, Angestellte aus Geschäften, Fabriken, Theatern und Cafés – füllen die Waggons. Es ist früh am Morgen, und die meisten sind noch müde. Das Brummen der U-Bahn macht Smalltalk überflüssig. Die Stadt lebt weiter.

Aus dem Englischen von Nadine Lange.

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