Chemnitz und die Folgen : Maaßen - oder ,Wie der Hase läuft'

Chaos in Chemnitz, Verfassungsschutzpannen, Regierungskrise: Die Realität lässt sich nur noch als Farce begreifen. Und selbst das macht Mühe, so der Dramatiker.

Moritz Rinke
Tür auf, Tür zu. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz, auf dem Weg zu einer Anhörung im Bundestag.
Tür auf, Tür zu. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz, auf dem Weg zu einer Anhörung im Bundestag.Foto: Michael Kappeler/AFP

Moritz Rinke ist Schriftsteller und Dramatiker. Sein neues Stück „Westend“ wird demnächst im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Hier macht er sich Gedanken über die nur noch schwer begreifbare bundesdeutsche Realität.

Die Theaterleute diskutieren ja mit Vorliebe, mit welcher ästhetischen Form der Wirklichkeit noch beizukommen sei. Das Postdramatische stand lange hoch im Kurs, das Dokumentarische auch, nun ist es wieder das Dramatische – aber wie um Gottes Willen sollte man zum Beispiel die letzten Wochen dieser Republik erzählen?

Die Dramenform der Farce zeichnet sich ja vor allem durch die Darstellung von möglichen, aber eher unwahrscheinlichen und völlig überspitzten Szenen aus. Meist wirken die Figuren schablonenhaft und alles kreist um den Verfall der Sitten und um Lügen. Die Schauplätze wären auf jeden Fall eine Straße in Chemnitz, die Verfassungsschutzbehörde und das hohe Haus des Bundestages. Und natürlich die deutsche Öffentlichkeit und sogar der Hambacher Forst kommt vor.

Szene 1: In Chemnitz auf der Straße passiert etwas, was die Theaterleute eigentlich nur von aus mahnenden, aufklärerischen Nachkriegsdramen kennen: Figuren, die die Hand zum Hitlergruß strecken und marschieren. Auf der Bühne als Kunst ist so etwas erlaubt, in Chemnitz auf der Straße aber ist es verfassungswidrig und eine Straftat.

Während also jetzt Menschen mit wirklichem Hitlergruß durch Chemnitz laufen, sagt der Verfassungsschutzpräsident etwas später dem „Bild“-Chefredakteur, dass ein ganz bestimmtes Video aus dem Internet über die Chemnitzer Ereignisse unauthentisch sei. Na, wenn das der Verfassungsschutzpräsident, der Inlandsgeheimdienstchef sagt, der muss es ja wissen!

Der Innenminister will gleich mit auf die Straße

Das Video ist unterdessen von größter politischer Bedeutung. Wenn der Verfassungsschutzpräsident das Video als unauthentisch entlarvt, dann muss ja auch im Grunde genommen alles, was in Chemnitz passiert ist, unauthentisch sein! Keine Jagdszenen, demnach keine Hetzjagden in Chemnitz – ein wahnsinnig logischer Kurzschluss durchzuckt das Land, im Übrigen typisch für eine Farce, denn in einem richtigen realistischen Drama würden die Protagonisten vermutlich erst einmal einfach nur die Zeugenaussagen oder Polizeiberichte prüfen: 30 Verfahren wegen Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen, 30 Verfahren wegen Körperverletzung. Doch nein, alles dreht sich plötzlich nur noch um das Video, von dem sich aber herausstellt, dass es der Verfassungspräsident noch gar nicht richtig gesehen hat.

Szene 2: Es ist Wochenende. Am Wochenende, heißt es, wird der Verfassungsschutzpräsident das Video eingängig prüfen und analysieren.

Sogar der Innenminister, sein Dienstherr, erwartet die Analyse des Videos, ja, der Innenminister, zu dessen 69. Geburtstag, wie er betonte, 69 Afghanen abgeschoben wurden und der in Chemnitz „am liebsten mit auf die Straße gegangen wäre“, scheint sogar insgeheim zu hoffen, dass seinem Verfassungspräsidenten irgendwas einfällt, vielleicht eine putinhafte Verdrehung, um das Video als Lug und Trug zu entlarven, damit er der Kanzlerin, der Mutter aller Probleme, endgültig und ein für alle Mal die Leviten lesen kann.

Statt also genuine Verfassungsschutzarbeit zu leisten, um vielleicht weitere für die sächsische Polizei sich so unberechenbar formierenden Aufmärsche von fast 2500 Hitlergruß-Menschen zu verhindern, sitzt der komplette Mitarbeiterstab des Verfassungsschutzpräsidenten ein ganzes Wochenende über einem 19 Sekunden langen Clip, der fortan als „Hase-Video“ bezeichnet wird, weil die Filmende des Videos ihren Freund mit den Worten „Hase, du bleibst hier“ davon abhält, Afghanen zu helfen, die von zwei anderen Männern, vermutlich deutschen, gejagt werden.

Höhlendemos löst die Polizei unverzüglich auf

Derweil zeigen die Polizeikollegen in Nordrhein-Westfalen mal ihren sächsischen Kollegen, wie man Demos auflöst. Im Hambacher Forst wird mit Hundertschaften gegen Naturschützer vorgegangen, sogar sogenannte „Höhleninterventionsteams“ werden eingesetzt.

Bei Umweltschützern und auch Globalisierungsgegnern kann man sich auf die Polizei verlassen, nur bei Hitlergrußdemonstrationen hält man sich vor Ort offenbar zurück.

Szene 3: Als der Innenminister den Bericht bekommt, steht da leider keine putinhafte Verdrehung drin, das Hase-Video ist nun doch echt, hm, aber der Verfassungsschutzpräsident sagt auch, es sei vom „Bild“-Chefredakteur missverstanden worden, er habe nie gesagt, dass das Hase-Video nicht echt sei, sondern nur, dass zwei Personen von zwei anderen Personen über etwa fünf bis sieben Meter verfolgt würden und ob man da von Hetzjagd sprechen könne.

Dass der Verfassungsschutzpräsident über die Authentizität des Hase-Videos an sich also falsche Informationen verbreitete, stört aber den Innenminister nicht. Beide treten zusammen vor die Presse und der Innenminister sagt, dass der Verfassungspräsident im Amt bleibt. Und mehr Geld braucht, das Doppelte, 421 Millionen Euro für 2019, um die Verfassung des Landes zu schützen.

Spitzfindige Definitionen des Begriffs "Hetzjagd"

Hier eignet sich die Farce besonders gut für solch einen Auftritt, weil sie gegenüber unmoralischen Verstößen sehr tolerant ist. Mittlerweile diskutiert auch der Innenausschuss und das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags in Sondersitzungen das Hase-Video. Die Medien sowieso: Wie schnell muss man laufen, um wirklich gehetzt zu sein? Fünf bis sieben Meter? Oder mehr? Solche Fragen.

Typisch für eine Farce: Die Teilnehmer der Debatte stehen sich immer gespaltener, stereotyper gegenüber. Hetzjagd ja oder nein, links oder rechts, und wenn’s der Schablonenhaftigkeit nützt, geht es nun um jedes Detail.

Der Verfassungsschutzpräsident sagt zum Beispiel zum Tod von Daniel H. in Chemnitz statt des juristisch richtigen Begriffs Totschlag lieber gleich Mord; der Innenminister sagt im Bundeskabinett, Daniel H. sei mit „20 Messerstichen abgeschlachtet“ worden, tatsächlich waren es fünf. Der Tod eines Mannes in Köthen, der nach einem Streit mit einem Afghanen an Herzversagen verstarb, wird vom Oppositionsführer der AfD als „Totschlag“ bezeichnet.

Die andere Seite ist auch nicht besser: Ein Ex-SPD-Parteivorsitzender schreit im Bundestag, man müsse die AfD auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgen. Der Bürgermeister von Frankfurt/Oder wird von seiner Partei Die Linke verteufelt, weil er gewalttätige Flüchtlinge aus Syrien ausweisen will. Der Oberbürgermeister von Tübingen fotografiert Flüchtlinge beim Schwarzfahren und wird von seiner Partei Die Grünen verteufelt, dabei wolle er nur für etwas mehr Realismus in der Migrationsdebatte werben.

Mein Name ist Hase

Realismus? Gibt es in der Farce nicht. In der Farce wird alles überspitzt, ohne fließende Übergänge, ohne ein abwägendes Dazwischen, alles wie zum Beispiel bei der Impfdebatte, die wäre auch etwas für die Farce. Impfen ist entweder Völkermord oder wohltuender Segen, die Migrationsdebatte wird eigentlich geführt wie die Impfdebatte.

Auch im Bundestag. Die Bundeskanzlerin liest in einer der nächsten Szenen Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetz vor: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützten ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Alle klatschen, nur die Abgeordneten der AfD nicht. Später, als herauskommt, dass der oberste Beschützer der Verfassung nicht nur Unwahrheiten über das Hase-Video verbreitet hat, sondern auch noch einem AfD-Abgeordneten geheime Informationen aus einem Verfassungsschutzbericht weitergegeben habe, müsste die Kanzlerin dem Verfassungsschutzpräsidenten eigentlich Artikel 1 Absatz 1 um die Ohren hauen.

Macht sie aber nicht. Maaßen halten, Maaßen feuern? Schon wieder braut sich eine dramatische Bundesregierungskrise zusammen, demnächst ist Wahl in Bayern, noch so eine Farce, teilweise mit dem gleichen Personal. So ist die Lage in Deutschland. Und die Außenpolitik? Syrien? Idlib? Giftgaseinsatz? Fluchtursache? Fehlanzeige, kommt hier nicht vor, da gibt es keine einheitliche Haltung der Bundesregierung. Das alles kann man auch nur kapieren, wenn man weiß, was gespielt wird. Nach Alan Ayckbourn zeigt die Komödie überspitzte Figuren in realen Situationen und die Farce reale Figuren in überspitzten Situationen.

Und wie soll das Stück heißen? Vielleicht einfach „Hase, du bleibst hier“. Farcen haben meist ziemlich blöde Titel, „Der nackte Wahnsinn“. „Mamma hat den besten Shit“ oder so. Und wer der wirkliche Hase ist, kommt dann bestimmt ganz am Ende.

Moritz Rinke ist Schriftsteller und Dramatiker. Sein neues Stück „Westend“ wird demnächst im Deutschen Theater Berlin uraufgeführt.

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