Schnappschüsse als Gedächtnisstütze

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Chinesischer Maler Liu Xiaodong : „Ich traue nur dem, was ich sehe“

Liu stammt aus Jincheng, einer kleinen, lange quecksilberverseuchten Industriestadt in der Provinz Liaoning, in deren Papierfabrik sein Vater arbeitete. Für „Hometown Boy“ kehrte er 2010 dorthin zurück. Der gleichnamige Dokumentarfilm von Yao Hung-I, produziert von Taiwans Meisterregisseur Hou Hsiao-hsien, erzählt davon. Hat ihn dort noch ein Gefühl von Heimat angeweht? „Für mich ist Heimat der Ort, wo meine tiefsten Gefühle geblieben sind. Mein Vater ist inzwischen gestorben, aber meine Mutter und meine Brüder leben noch dort. China hat sich so stark verändert, dass man die Landschaften seiner Herkunft oft kaum noch erkennt. Heimat existiert für mich deshalb nur noch in der Vorstellung.

Mit Deutschland, sagt er, verbinde ihn seit CAFA-Zeiten Bewunderung für die gesamte Kunst, von den Alten Meistern bis zu den Expressionisten. Erst während seines Aufenthalts in New York 1993 sei ihm jedoch aufgegangen, dass diese nicht im luftleeren Raum entsteht: „Wir wussten schon während des Studiums, was Pop Art und Konzeptkunst ausmacht. Wir stellten uns allerdings vor, dass diese westliche Moderne durch und durch ausgedacht ist. Zu allen künstlerischen Werken gehört aber eine bestimmte Art zu leben. Als ich schließlich nach China zurückkehrte, hatte ich begriffen, dass ich auf eine Art und Weise malen musste, die meiner Umgebung entspricht.“

Gespräche mit Ai Weiwei

Als Gedächtnisstütze dienen ihm auch Schnappschüsse. 1984 kaufte er einem Kommilitonen zum Spottpreis von 25 Renminbi eine russische Kamera ab, mit der er ohne jeden Kunstanspruch seinen Alltag festhielt. Der von Ai Weiwei gestaltete und mit einem Gespräch zwischen ihm und Ai eingeleitete Band „The Richness of Life“ mit Aufnahmen aus gut zwei Jahrzehnten, vermittelt lebhaft, was ihn beschäftigte. Mit Ai teilte er einst die New-York-Erfahrung. Inzwischen haben sich die beiden, jeder ein Großkünstler auf seinem Gebiet, auseinandergelebt.

Einer der erstaunlichsten Züge an Liu Xiaodong ist, dass die Moden in der chinesischen Kunst kamen und gingen, er aber geblieben ist. Er hat den zynischen Realismus überlebt und den Politpop. Beharrlich erprobt er seine Beobachtungsgabe an immer neuen Gegenständen, und mit einer digitalen Malmaschine erobert er gerade sogar neues Terrain. Es gibt, wenn man seine Aufgabe so ernst nimmt wie Liu, eben keinen interesselosen, im Passiven versickernden Realismus, sondern nur produktive Reibung. Darüber, welche soziale Welt ihm dabei noch fehlt, muss er nicht lange nachdenken. „Zum Beispiel würde ich sehr gerne einmal spielende Menschen in einem Casino malen. Aber da kriege ich wohl keinen Zugang.“ Gemessen an seinen anderen Abenteuern sollte das Entree ein Kinderspiel sein.

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