Zu Gast im Künstlerhaus Bethanien

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Chinesischer Maler Liu Xiaodong : „Ich traue nur dem, was ich sehe“
Letzte Spuren des südkoreanischen Gwangju-Massakers im Jahr 1980. Liu Xiadongs Gemälde "Time" aus dem Jahr 2014.
Letzte Spuren des südkoreanischen Gwangju-Massakers im Jahr 1980. Liu Xiadongs Gemälde "Time" aus dem Jahr 2014.Abb.: Lisson Gallery(Kunsthalle Düsseldorf/Liu Xiaodong

Ein strahlender Apriltag am Kreuzberger Mariannenplatz. Liu Xiaodong hat sich für einige Wochen im Künstlerhaus Bethanien eingemietet, um zu seiner ersten umfassenden, von Heinz-Norbert Jocks kuratierten Retrospektive, die vom 9. Juni an in der Kunsthalle Düsseldorf und dem NRW-Forum stattfindet, das Projekt „Transgender/Gay“ beizusteuern. Für den ersten Teil steht ihm Sasha Maria van Halbach als Modell zur Verfügung, für den zweiten der aus Hongkong stammende Künstler Isaac Chong Wai.

Liu ist eine unauffällige Erscheinung: klein, wendig, drahtig und mit einer nervösen Energie begabt, die nichts von seinen 55 Jahren ahnen lässt. Unruhig saugt er an seiner E-Zigarette und steht prüfend vor halbfertigen Kleinformaten, die die großen Porträts ergänzen sollen. Das Genderthema ist ihm nicht fremd, seit er 2001 in Singapur aus purer Neugier Transvestiten und Transsexuelle zu malen anfing, wie er überhaupt einen Sinn für nackte Körper hat. Das lockt in China schon lange keinen prüden Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

„Nacktheit ist eigentlich gar kein Problem“, sagt er, wobei He Jian, ein junger Maler, der in Kassel studiert hat, seine Auskünfte ins Deutsche übersetzt. „Auch bei queeren Themen sehe ich keine großen Hindernisse. Zumindest in den Großstädten wird das meistens toleriert. Im Fernsehen gibt es zum Beispiel eine ungeheuer populäre Transgender-Moderatorin namens Jin Xing.“

Während in Fragen der sexuellen Toleranz eine Liberalisierung eingesetzt hat, scheint es auf politischem Gebiet derzeit rückwärts zu gehen. Jedenfalls ist fraglich, ob Liu heute nicht neuralgische Punkte berührt, die man ihm nicht mehr ohne Weiteres durchgehen lassen würde. 2009 reiste er in die Provinz Gansu, um am Beispiel zweier Familien das selbstverständliche Miteinander von Christen und Muslimen zu dokumentieren.

System und Verantwortung

Er war in Tibet unterwegs und im Bezirk Hotan bei den Uiguren, einem muslimischen Turkvolk mit eigener Sprache und Schrift, das im Namen der hanchinesischen Mehrheit neuerdings massiv unterdrückt wird. 2010 reiste er in die Sichuan-Provinz, um sich mit den Folgen des großen Erdbebens auseinanderzusetzen. Meist stellte er seine Staffelei unter freiem Himmel auf und ließ sich in aller Öffentlichkeit beim Arbeiten beobachten.

„Ich bin in einem System aufgewachsen, das ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit verlangt“, gesteht er. Dabei habe er sich stets gefragt: „Was kann ich als Einzelner tun, um mich vor mir selbst rechtfertigen zu können? Habe ich alles getan, was ich tun konnte? Ich habe versucht, nur dem zu trauen, was ich unmittelbar sehe.“ Dafür ist er auch ins Ausland gereist. Er hat die Sperranlagen im Westjordanland gemalt, die Israelis und Palästinenser gegeneinander abschotten. Er hat Wanderarbeiter in Bangladesch porträtiert und Bargirls in Thailand: „Ich bin nicht sicher, ob ich China dabei stets mitdenke, aber es geschieht sicher unwillkürlich. Alles, dem ich irgendwann begegnet bin, kann eine Art Echo finden.“

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