Chormusik : Wiegenlieder für die Großstadt

"O magnum mysterium": Weihnachtskonzert des Berliner Rundfunkchors mit Auftragswerk von Owain Park.

Auch zur Weihnachtszeit. Der Berliner Rundfunkchor.
Auch zur Weihnachtszeit. Der Berliner Rundfunkchor.Foto: Jonas Holthaus

Sie stehen im Rücken der Konzertbesucher, platzieren sich seitlich der Kirchenbänke, schreiten den Raum unter der gewaltigen Kuppel aus. Bald umfängt der Gesang des Rundfunkchors das Publikum von allen Seiten, eine behutsame musikalische Umarmung.

Mit seiner halligen Akustik ist der Berliner Dom für jedes Ensemble eine schier unmögliche Herausforderung. Es sei denn, man wählt Werke, die für diesen Hall wie gemacht oder tatsächlich dafür geschrieben sind. Etwa Matthew Martins „O Oriens“, ein betörendes Wechselspiel zwischen der lateinischen Antiphon und dem auf englisch gesungenen Kehrvers „Veni, veni, Emmanuel“, das Martin 2012 für die St. Paul’s Cathedral in London komponiert hat.

Männer und Frauen rufen einander über die Köpfe der Zuhörer hinweg ihre Hymnen zu, die Orgel kräuselt hauchdünne Linien dazwischen, es klingt wie das ferne Zwitschern eines Himmelsvogels.

Owain Parks Vertonung des Christmetten-Responsoriums „O magnum mysterium“, ein Auftragswerk des Chors für diesen Abend, nutzt den Hall ebenfalls als Rückendeckung: In kleinen Intervallschritten, geradezu scheu, tastet sich das kirchentonale Stück ins Offene vor, zu geheimnisvoll schwebenden Dissonanzen rund um Barbara Bergs jubelnden Solosopran. Der Dom wird zum irisierenden Klangraum, das wuchtige Gemäuer verliert seine Schwerkraft.

Zusammengestellt wurde das Weihnachtsprogramm mit ausschließlich britischer Sakralmusik des 20. und 21. Jahrhunderts von Benjamin Goodson: Der 29-jährige Assistent des Chefdirigenten Gijs Leenars verlässt Berlin zum Ende der Saison, er wird Leiter des Niederländischen Rundfunkchors.

Gregorianik und Byzantinisches

Auch die Stücke von Judith Weir, Judith Bingham, Ralph Vaughan Williams und vor allem die zauberhaften Krippen-Wiegenlieder von Herbert Howells bevorzugen modale Wendungen, evozieren Gregorianik, Byzantinisches, Volkslieder und die englische Renaissancemusik.

Eine traumwandlerische Ruhe prägt das 80-minütige Konzert – auch Vaughan Williams’ doppelchörige g-Moll-Messe mit ihren schlichten Tonsätzen, zarten Polyphonien und kurzen, rauschhaften Steigerungen im Zentrum des Programms.

Eingebettet in den körperlosen (und selbstverständlich makellosen), mit minutiösen Rubati und Lautstärkenuancen veredelten A-cappella-Gesang finden sich die Solo-Intermezzi aus den Reihen des Chors: vier Primi inter pares, nie auftrumpfend – die kurzfristig eingesprungene Sopranistin Anne Bretschneider sei stellvertretend genannt.

Ein Wohlfühlabend? Aber ja, wobei Benjamin Goodsons zur Zurückhaltung mahnendes Dirigat jede falsche Sentimentalität verhindert. Domorganist Andreas Sieling steuert kongenial verhaltene Vor- und Zwischenspiele bei und verstärkt den Schwebe-Effekt.

Mit einem „Stille Nacht“-Arrangement, wieder a cappella mit gesummtem Orgelpunkt zu Beginn und zarten Halbtonreibungen, entlässt der Berliner Rundfunkchor sein Publikum in die Nacht zum vierten Advent.

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