Christian Kracht und seine Poetik-Vorlesung : Das Bild wird schwarz

Kann Literatur Traumata heilen? Die Schriftsteller Christian Kracht, Bodo Kirchhoff, Andreas Maier und ihre Erzählungen vom Missbrauch.

„Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie.“ Christian Kracht, 51, bei seiner Poetik-Vorlesung.
„Alles, was sich zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie.“ Christian Kracht, 51, bei seiner Poetik-Vorlesung.Foto: Lecher/Goethe-Universit

Es sind wieder aufregende Tage im Literaturbetrieb gewesen, wie immer, wenn der Schriftsteller Christian Kracht nach Deutschland kommt, um einen neuen Roman vorzustellen. Oder um, wie in den vergangenen zwei Wochen an der Frankfurter Goethe-Universität, eine PoetikVorlesung zu halten.

Nur hat die Aufregung, wie immer bei Kracht, nicht mehr Klarheit geschaffen, was die Person des 1966 geborenen Schweizer Schriftstellers und dessen Werk anbetrifft. Das liegt daran, dass Kracht zwar Fakten schuf, biografische Fakten, als er berichtete, wie er als Junge im kanadischen Internat missbraucht worden ist. Und dass er nahelegte, dieser Missbrauch sei eine Art Initiation gewesen, habe den Charakter seines Werkes mitbestimmt. „Der Akt des Schreibens selbst, die Gewalt, die Erniedrigung, die Grausamkeit, der körperliche Ekel und die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität sind Topoi meiner Arbeit, deren ich mir erst jetzt bewusst werde, die aber sozusagen mit der ersten Zeile von Faserland alles bestimmt haben.“

Kracht aber hat dieses Geständnis dann wieder eingebettet in eine ihm gemäße ernsthaft-ironische Umgebung, zum Beispiel mit dem Hinweis, dass „alles, was sich zu ernst nehme, reif für die Parodie sei“. Was für diese Vorlesung genauso zu gelten habe. So hat er sich einerseits offenbart und als autobiografischer Spurensucher in eigener Sache gezeigt, hat dazu eingeladen, diese Spuren in seinen Erzählungen und Romanen zu verfolgen – um sogleich davor zu warnen, sein Werk biografisch zu deuten. Zumal es in dieser Hinsicht eines der unverdächtigsten, deshalb so reizvollen ist. Oder hat er nur das eigentlich Selbstverständliche getan: die Kunst, die Literatur vor den ewigen Nachstellungen des Biografismus verteidigt? Wollte er zeigen, das Letzterer zwar werk- und sprachbegründend sein mag, aber bitte nie eins zu eins gelesen werden sollte?

„Der sogenannte Missbrauch (...) hinterlässt ein ungeheures Sprachloch."

Muss man Krachts Romane wirklich neu bewerten, vor dem Hintergrund des Missbrauchs? Auch zu seiner Person, seiner Schüchternheit hat er sich ja geäußert. Und dass man Begriffe wie Pop und Camp doch bitte nicht mehr erwähnen solle, wenn es um ihn und sein Schreiben geht. Dabei war Kracht einer der Ersten, die die Literatur allein nicht mehr für sich sprechen ließen, zu deren Werk das Außerliterarische lange mit dazugehörte: Inszenierung, Selbstdarstellung, Aura – auch wenn all das einer Not gehorcht haben mochte. Möglich, dass Kracht sich durch seinen Auftritt in Frankfurt und seinen gleichermaßen überraschenden wie gut zur MeToo-Debatte passenden Bericht von den Übergriffen des Priesters Keith Gleed biografischer Lasten entledigt hat. Um in Zukunft erst recht keinen autobiografischen Roman schreiben zu müssen.

Während dieser ersten der drei Kracht-Poetik-Vorlesungen musste man auch an den Schriftsteller Bodo Kirchhoff denken. Dieser hatte in seiner Frankfurter Poetikvorlesung Mitte der neunziger Jahre gleichfalls Missbrauchserfahrungen während seiner Internatszeit thematisiert und später in seinem Roman „Parlando“ fiktionalisiert. Das sorgte damals für kein Aufsehen, wie es scheint, offenbar war die Zeit nicht reif für das Thema, die Öffentlichkeit noch nicht sensibilisiert. 2010 war das anders: Als der Missbrauchskandal an der Odenwaldschule publik wurde, bekannte Kirchhoff erneut, missbraucht worden zu sein, vom Heimleiter seines Internats in Gaienhofen am Bodensee. Im „Spiegel“ schrieb Kirchhoff seinerzeit: „Ich musste über was sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller.“ Und: „Der sogenannte Missbrauch (...) hinterlässt ein ungeheures Sprachloch. Es ist ein Loch (...), das weder die Zeit heilen kann noch Prozesse; der Begriff Verjährung ist in jedem Fall absurd. Ja, mit den Jahren vergrößert sich dieses Loch sogar, denn zur mangelnden Sprache kommen noch die immer ungenaueren, von keiner Sprache geretteten Erinnerungen.“ Damit verwies Kirchhoff zugleich auf eine grundsätzliche Problematik des Erinnerns: die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen, dass diese immer fiktive Anteile haben können. Der große Erinnerungskünstler Marcel Proust etwa wusste um die Schwierigkeit, die Erinnerung an die Wirklichkeit von der an einen Traum zu unterscheiden, und seine „Recherche“ dreht sich nicht zuletzt darum, wie die Erinnerung überhaupt den Gesetzen der Gewohnheit und des Vergessens gehorcht. Dabei hat das Vergessen gerade bezüglich eines Traumas auch lindernde Wirkung.

Kirchhoff brachte die Erfahrung mit sexualisierter Gewalt offen in einen Werkzusammenhang. Er versteht sein Leiden als Schreib-Motor, wie er es in der Poetik-Vorlesung sagte. Eine Geschichte, „die das Meine enthält, aber nicht bloßlegt“, darum geht es ihm, im Vertrauen darauf, dass „das Übertragen in die Fiktion heilende Wirkung“ habe. Auch Kracht bezeichnete am Ende seiner Vorlesungen „die Kunst als Heilung des Traumas“.

„Ob ich selbst angefasst oder gestreichelt wurde, kann ich nicht sagen.“

Als Kirchhoff 2012 seinen Roman „Die Liebe in groben Zügen“ veröffentlichte, wurde parallel dazu seine Poetik-Vorlesung neu aufgelegt, ergänzt um die Langfassung seines „Spiegel“-Textes, nun mit dem Titel „Auf dem Weg zu einer Sprache der Sexualität“. Ein Grund dafür: Kirchhoff erzählt in dem Roman eine Missbrauchsgeschichte. Eine seiner vier Hauptfiguren, der Franziskus-Forscher Bühl, ist ein „Gebrandmarkter“, der „einfach ein Stück kaputt“ sei, und am Ende trifft dieser Bühl seinen einstigen Peiniger. „Die Liebe in groben Zügen“ ist eins von Kirchhoffs besten Büchern, so wie der Nachfolgeroman „Melancholie und Verlangen“. Vielleicht hat sich bei Kirchhoff nach dem betretenen öffentlichen Schweigen in den neunziger Jahren endgültig eine Blockade in dieser Angelegenheit gelöst, und die Debatte über die sexuell missbrauchten Schüler im Berliner Canisiuskolleg der Jesuiten und der Odenwaldschule der Reformpädagogen hatte für ihn tatsächlich therapeutischen, befreienden Charakter.

Auch Andreas Maier hat den Missbrauch zu einem Romanthema gemacht. Im dritten Teil seines großformatigen autobiografischen Romanzyklus „Ortsumgehung“, einem Band mit dem Titel „Die Straße“, erklärt der Frankfurter Schriftsteller seine gesamte damalige Friedberger Kleinstadtumgebung für hochgradig sexuell aufgeladen. Da war er zwölf, 13 Jahre alt und „die Welt erblühte“ überall.

Es gibt in „Die Straße“ Väter, die sich ihren Töchtern und deren Freundinnen unabsichtlich, aber unzweideutig übergriffig nähern, bei Begrüßungen, Abschieden und „gewissen Alltagsdingen“. Es gibt die Mutter des Erzählers, die ihren Sohn – er weiß nicht, ob er da noch klein ist oder schon Schulkind – immer mittags zu sich ins Bett holt. Es gibt die sogenannten Hexenhausmännchen, die in der Friedberger Altstadt vor ihren Häusern stehen und Jungs und Mädchen nach drinnen zu locken versuchen. Und da ist auch noch ein amerikanischer Gastschüler, der von einem der Hexenhausmännchen vergewaltigt wird, seinem Gastvater. Und der deshalb, wie Maiers Erzähler im Nachhinein erkennt, alles in sich hineinfrisst und hineinraucht, weil er es nicht zur Sprache bringen muss, aber auch nicht zur Sprache bringen kann.

Maier selbst, sein Icherzähler mit dem Wissen und dem Blick eines Erwachsenen, hat eine Sprache für all das gefunden. Doch immer wieder umgibt ihn eine Dunkelheit, welche die Erinnerung nicht erhellen kann. Wie war das mit der Mutter, die der Junge anfassen und streicheln sollte? „Ob ich selbst angefasst oder gestreichelt wurde, kann ich nicht sagen.“ Und in dem Hexenhäuschen? „Was bis dahin geschehen war und was sie bis dahin von mir in der Hand hatten, das Bild wird komplett schwarz, wenn es darum geht. Möglicherweise hatten sie gar nichts von mir in der Hand, möglicherweise alles.“

Bodo Kirchoff erzählt in seinem neuen Roman abermals vom Missbrauch

Die Literatur ist hier ein Möglichkeitsraum; eine durch die Fiktion gepolsterte Schutzzone, die das individuell Unbegreifliche in einen größeren Zusammenhang bringt, von Maier auch als „Maschinisierungsgrade unserer Sehnsucht“ bezeichnet. Andreas Maier umkreist das Ungeheuerliche, findet hier Worte, hält dort wieder Abstand mit Formulierungen wie „stelle ich mir vor“. Anders als Christian Kracht, der seine Offenbarung und die Heilung quasi in einem Aufwasch erledigt, hat man bei Maier den Eindruck, er versuche noch mittels der Literatur, dem Trauma auf die Spur und so zu etwas wie einer Diagnose zu kommen.

Bodo Kirchhoff geht deutlich weiter. In seinem im Juni erscheinenden offen autobiografischen Adoleszenzsroman „Dämmer und Aufruhr“ setzt er sich mit der erlittenen sexuellen Gewalt intensiv auseinander. Mehrmals schildert er explizit, wie sich sein Lehrer „nimmt, was ihm nicht gehört“, und in was für ein Gefühlschaos dies einen Zwölfjährigen stürzt. Das hat etwas von einem Schlussakt, zumindest in eigener Sache, dient der Erkenntnis anderer Leidgeprüfter – und zeigt, dass es für den Missbrauch eine Sprache gibt, geben muss.

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