Christos Vermächtnis : Die Wahrheit liegt in der Schönheit

25 Jahre Reichstagsverhüllung: Michael S. Cullen, der Vertraute des Paars, im Interview über Christos und Jeanne-Claudes Leben und Werk.

Peter von Becker
Geplant für den Herbst 2021: Arc de Triomphe, Wrapped (Project for Paris).
Geplant für den Herbst 2021: Arc de Triomphe, Wrapped (Project for Paris).Foto: Christo

Herr Cullen, Sie haben Christo und seine Partnerin Jeanne-Claude seit Anfang der 1970er Jahre gekannt und waren der Ideengeber für die Verhüllung des Berliner Reichstags. Vor 25 Jahren, zwischen dem 24. Juni und 7. Juli 1995, wurde der „Wrapped Reichstag“ weltweit gefeiert und zum bis dahin größten Erfolg des Künstlerpaares. Als wir dieses Gespräch vereinbarten, hatte Christo noch gelebt. Kam der Tod so kurz vor seinem 85. Geburtstag auch für Sie überraschend?

Absolut. Christo war noch intensiv mit den Vorbereitungen beschäftigt für die im September geplante, nun wegen der Pandemie auf den Herbst 2021 verschobene Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe. Er hatte zuletzt Atmungsprobleme und bekam Unterstützung bei der Sauerstoffzufuhr. Auf Rat seines Arztes hatte er schon die Flugreise nach Paris zur im März dann gleichfalls verschobenen Eröffnung der Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude: Paris!“ im Centre Pompidou abgesagt, ebenso den Besuch in Berlin zu der jetzt im PalaisPopulaire gezeigten Ausstellung von Arbeiten Christos und Jeanne-Claudes aus der Sammlung Ingrid und Thomas Jochheim. Aber er zeichnete und plante bis zuletzt in seinem Atelier in New York.

Wie sieht dieses Atelier aus?
Es ist ein über hundert Jahre altes, gusseisernes ehemaliges Lagerhaus in Lower Manhattan, das Christo und Jeanne-Claude, nachdem sie 1964 von Paris nach New York gezogen waren, für, glaube ich, 60 000 Dollar gekauft hatten. Heute ist es viele Millionen wert. 48 Howard Street, Erdgeschoss und vier hohe Stockwerke, ohne Lift. Da ist Christo immer treppauf, treppab gelaufen, denn sein Studio und die Privatwohnung lagen im Obergeschoss, darunter waren die Büros und Werkräume der Mitarbeiter, dazu im ersten Stock ein großer Empfangsraum für Besucher. Christo war schlank, fit, immer in Bewegung und hat täglich Joghurt und Knoblauch gegessen, er war ja gebürtiger Bulgare. In seinem Haus ist er auch gestorben. Leben und Arbeit waren für ihn eines.

Wo ist er bestattet? Zusammen mit Jeanne-Claude, von der als Mitschöpferin seiner Werke auch über ihren Tod im Jahr 2009 hinaus immer noch wie über eine Lebende gesprochen hat?
Ich glaube, da gibt es keinen Ort. Jeanne-Claude hatte ihren Körper wohl, wie es vertraulich hieß, „der Wissenschaft vermacht“. Christo und sie haben sich immer als Symbiose gesehen. Vielleicht wurde ihre Asche verstreut.

Christo und Jeanne-Claude während der Installation des Verhüllten Reichstages auf dem Dach des noch kuppellosen Gebäudes, 1995.
Christo und Jeanne-Claude während der Installation des Verhüllten Reichstages auf dem Dach des noch kuppellosen Gebäudes, 1995.Foto: Christo, Wolfgang Volz

Wann haben Sie Christo zuletzt gesehen?
Im Oktober in Paris, wir saßen in der „Closerie des Lilas“, dem traditionellen Künstlerrestaurant am Boulevard du Montparnasse. Es war sehr heiter, Christo hatte noch eine gemeinsame Pariser Bekannte dabei und seine Freundin und neue Assistentin Lorenza Giovanelli, eine charmante junge Kunsthistorikerin aus Brescia.

Brescia ist die Hauptstadt der oberitalienischen Provinz, in der Christo über den Lago d’Iseo 2016 seine orangenfarbigen „Floating Piers“ gelegt hatte.
Ja, von daher stammt seine Bekanntschaft mit Lorenza. Wir haben über die Verhüllung des Arc de Triomphe und die begleitenden Aktionen gesprochen. Auf Christos Wunsch schreibe ich für das großformatige englisch-französische Katalog-Buch einen einleitenden Aufsatz zur Geschichte des Triumphbogens.

Auch im dicken Band zum „Wrapped Reichstag“ haben Sie die Historie des Bauwerks beschrieben. Wie kam es denn, dass Sie als Amerikaner in Berlin, der hier seit 1964 zunächst als Stipendiat, Sprachlehrer und Student an der FU sowie als Betreiber einer Privatgalerie lebte und Künstler wie David Hockney, Jim Dine oder Alan Jones mit Druckgraphik ausstellte, im Jahr 1971 zum Anreger wurden für Christos und Jeanne-Claudes erst viel später realisierte Verhüllung des Reichstags?
Meine Einfälle sind oft sehr spontan, sie kommen aus einem Bauchgefühl. So war das auch bei der Gründung der Galerie, die ich mit einem Freund zunächst im Wedding gegründet habe. Es war dort die erste Galerie überhaupt, ziemlich verrückt, aber wir veranstalteten auch Konzerte und Lesungen, bei denen Autoren wie Peter Rühmkorf auftraten oder Walter Hasenclever, der als zurückgekehrter Emigrant 1945 Göring und die anderen Nazigrößen vor dem Nürnberger Prozess verhört hatte und mit Walter Höllerer dann in Berlin das Literarische Colloquium gegründet hat. Ich war bald mit vielen interessanten Leuten der West-Berliner Szene bekannt, in der sich die Nationalitäten mischten. So hat mich im August 1971 der in Berlin lebende amerikanische Malerfreund John Gabriel besucht und erzählt, dass er ein paar Tage später in die USA fliegen wolle, um bei einem Film über Christo und Jeanne-Claude während ihrer Vorbereitungen für die 1972 am Colorado River geplante Aktion „Valley Curtain“ zu assistieren. Ganz intuitiv gab ich John eine Schwarzweißpostkarte des Reichstags mit, adressiert an Christo und Jeanne-Claude mit dem Vorschlag, das ehemalige Parlamentsgebäude neben dem Brandenburger Tor und der Mauer zu verhüllen.

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Was brachte Sie auf diese Idee?
Keine Ahnung, eine Schnapsidee! Aber der damals gerade restaurierte Bau ohne Kuppel war für mich auch ein enthauptetes Symbol der deutschen und europäischen Geschichte, das irgendwie nach neuem, anderem Leben rief. Nach einer Verzahnung von Politik und Kunst im öffentlichen Raum. Das war zur Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg ein großes Thema. Doch mit dem Reichstag sollte offiziell, außer gelegentlichen Ausschuss-Sitzungen von Bonner Bundestagsabgeordneten, nichts geschehen. Nichts bis zu einer deutschen Wiedervereinigung. Das erschien mir damals zu fern. Und ein bisschen zu doof.

Sie kannten Christo und Jeanne-Claude bereits?
Nicht persönlich. Von Christos Verpackungskünsten hatte ich schon gehört und auch 1968 seinen langen Luftballon über der „documenta 4“ in Kassel schweben sehen. Ich wusste von Christos Verhüllungen an der australischen Küste oder des Amerika-Hauses in Heidelberg, zusammen mit Klaus Staeck. Datiert vom 3. November 1971 erhielt ich dann einen Brief von Jeanne-Claude, mit unterschrieben von Christo, der ihr Interesse an der Reichstags-Idee signalisierte. Ich habe hier ein Faksimile, das Original des Briefs liegt im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Wenig später bin ich ohnehin nach New York geflogen –

… die Stadt Ihrer Familie, Sie wurden in der Bronx geboren…
… und dort traf ich Jeanne-Claude. In dem Haus in der Howard Street, wo kein Name an der Tür stand. Aber Jeanne- Claude hatte die richtige Klingel mit einem Tupfer Nagellack markiert. Christo war gerade in Europa, um Geld für das „Valley Curtain“-Projekt aufzutreiben, und Jeanne-Claude wollte ihm demnächst nachreisen. Sie war sehr charmant und offen, also verabredeten wir unser erstes Treffen zu dritt für den 5. Dezember '71 in Zürich, zu dem ich ein auch einige Fotos und Materialien zum Reichstag mitgebracht habe.

Der verhüllte Reichstag von Christo und Jean-Claude
Vor 25 Jahren, am 24. Juni 1995, zeigten Christo und Jeanne-Claude ihren verhüllten Reichstag der Öffentlichkeit.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: dpa/picture alliance
31.05.2020 22:50Vor 25 Jahren, am 24. Juni 1995, zeigten Christo und Jeanne-Claude ihren verhüllten Reichstag der Öffentlichkeit.

Was hatte Christo am Reichstag, den er vorher kaum kannte, spontan interessiert?
Darüber haben wir beide nie gesprochen. Es gab auf Anhieb eine innere Übereinstimmung, und deren Grund sollte unser Geheimnis bleiben. Natürlich war Christo an Geschichte und Politik interessiert, aber seine Kunst wollte er immer als zweckfrei verstanden wissen. Die Wahrheit lag in der Schönheit.

Der erwähnten „Schnapsidee“ ist erstmal eine schier endlose Kette von Gesprächen gefolgt: mit Politikern, Architekten, Experten, Bedenkenträgern und Unterstützern, in Berlin und Bonn. Regierungen wechselten, Christo, Jeanne-Claude und auch Sie haben von Annemarie Renger bis Rita Süssmuth mit insgesamt sechs BundestagspräsidentInnen als Verantwortlichen für den Reichstag verhandelt, haben Sympathisanten wie Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker gewonnen, während Helmut Kohl nur abgewehrt hat. Bis es 1995 doch noch zur triumphalen Verwirklichung kam.
Schon 1972 war Annemarie Renger von der SPD für das Projekt, doch Carl Carstens von der CDU, der sie '76 als Bundestagspräsident ablöste, war zögerlich und sein Nachfolger Richard Stücklen von der CSU ganz ablehnend. Wichtig ab 1988 und nach der allgemeinen Bewegung durch die Wende und den Hauptstadt-Beschluss war Rita Süssmuth, die als Bundestagspräsidentin zum Christo-Fan wurde. Aber vorentscheidend war auch ein Artikel des Kunstkritikers und Feuilletonchefs Heinz Ohff im Tagesspiegel.

Erzählen Sie!
Christo, dem als Bulgarien-Flüchtling das eingemauerte Berlin zunächst unheimlich war, kam selbst zum ersten Mal im Februar 1976 in die Stadt und hat den Reichstag besichtigt. Aus diesem Anlass arrangierte ich in meinem Wohnzimmer, wo wir heute sitzen und das ich damals auch für meine kleine Galerie benützte, ein Pressegespräch mit vier Journalisten und Christo. Heinz Ohff veröffentliche daraufhin am 14. Februar 1976 im Tagesspiegel-Feuilleton einen längeren Artikel unter der leicht komischen Überschrift „Der Reichstag in Trevira“. Ohff äußerte eine Mischung aus Skepsis und ironiegewürzter Sympathie für die in der Öffentlichkeit noch wenig bekannte und eher als Spinnerei abgetane Idee der Reichstagsverhüllung, endend mit dem Bekenntnis: „Ich bin neugierig.“ Das öffnete plötzlich Türen, vor allem in der Berliner Politik, und sprang über nach Bonn. Zu Christos „Team“ gehörten da auch schon der Fotograf Wolfgang Volz und, auf Vermittlung des Kunstanwalts Peter Raue, der Bauunternehmer Roland Specker.

Michael S. Cullen vor einer Christo-Zeichnung in der bis zum 17. August im SalonPopulaire Unter den Linden gezeigten Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude: Projects 1963 – 2020“.
Michael S. Cullen vor einer Christo-Zeichnung in der bis zum 17. August im SalonPopulaire Unter den Linden gezeigten Ausstellung...Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Das Ergebnis ist Geschichte und wird nun nach 25 Jahren wieder gefeiert. Wie sah eigentlich Christos und Jeanne-Claudes Zusammenarbeit aus bei ihren Projekten?
Christo war der künstlerische Architekt, der alles im Voraus detailliert skizziert hat. Er konnte wunderschön zeichnen, und mit diesen Zeichnungen haben sie ja auch ihre Projekte finanziert. Er hatte ursprünglich schon als begabter Porträtmaler begonnen. Ich weiß gar nicht, ob Jeanne-Claude überhaupt zeichnen konnte. Aber sie konnte networken und organisieren, und ich bin sicher, dass alle die berühmten Titel der Projekte von ihr stammten: „Running Fence“, „Floating Piers“, auch „Wrapped Reichstag“. Sie hatte die sprachliche Fantasie, er die visuelle. Jeanne-Claude war sehr scharfsinnig, auch scharfzüngig, sie hat manchmal sogar Freunde beleidigt. Aber sie hatte zugleich eine gute Menschenkenntnis. Genau wie er war sie sehr risikobereit. Die beiden waren nicht nur freie Künstler, sie waren wirklich: freie Menschen. Obwohl Jeanne-Claude als wohlbehütete Tochter eines französischen Generals aufgewachsen ist.

Und Christo selbst?
Christo war loyal und herzlich, man konnte ihm vertrauen, er war völlig unbeirrbar und unbestechlich. Deshalb haben er und Jeanne-Claude ihre Projekte auch alle selbst finanziert. Christo war zudem sehr großzügig. Wenn man zu ihm in die Howard Street kam, waren da immer Leute aus der ganzen Welt, eine Kunsthistorikerin aus Norwegen, ein Sammler aus Japan oder Architekten aus Australien – und wenn es später zum Essen und Trinken ging, hat er alle immer eingeladen. Selbst wenn ein Milliardär wie Agnelli, der italienische Fiat-Boss, ihn besuchte, Christo war der Gastgeber. Er wollte niemandem verpflichtet sein. Auch bei den vielen Verhandlungen zur Reichstagsverhüllung in Deutschland habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass jemand im Restaurant schneller war als Christo und schon vor ihm die Rechnung bezahlt hat.

Wurde da nur über ihn und seine Projekte gesprochen?
Jeanne-Claude und er saßen in Gesellschaft nie nebeneinander, aber er war das Zentrum. Und er war schrecklich neugierig und wollte in seinem mit bulgarischem Akzent stark gefärbten Englisch von allen wissen, was in der Welt gerade vor sich geht. Natürlich bezog sich dann vieles auf seine Projekte. Aber er war auch ungeheuer gebildet. Manchmal, wenn wir irgendwo unterwegs waren, machte er kleine Spiele: Jeder sollte ein Kunstwerk nennen, und alle mussten raten, wo es sich befindet. Christo, der mit seinen Projekten hinaus ins Freie ging und Kunst nur auf Zeit schaffen wollte, hatte ein fabelhaftes Gedächtnis und kannte die bedeutendsten Museen der Welt und die überdauernden Werke aller Zeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Wie geht es weiter mit Christos und Jeanne-Claudes Erbe, mit ihren bereits geplanten Projekten?

Eine Schlüsselfigur ist Christos Neffe Vladimir Yavachev, der in Paris die Verhüllung des Arc de Triomphe weiterbetreibt. Zunächst wird dort am 1. Juli im Centre Pompidou die wegen der Pandemie verschobene große Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude: Paris!“ eröffnet werden (bis 19. Oktober, täglich 11-21 Uhr).

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Wir erreichen Vladimir Yavachev dieser Tage telefonisch am Schwarzen Meer. Die auch von Präsident Macron gewünschte Aktion am Arc de Triomphe soll nun vom 18. September bis 3. Oktober 2021 stattfinden. Wahrscheinlich ist auch, dass später noch die pyramidenartige „Mastaba“ aus 410 000 farbigen Ölfässern in der Wüste von Abu Dhabi realisiert wird. Und wo sind Christo und Jeanne-Claude bestattet? Yavachev: „Das spielt keine Rolle. Das einzige Memorial sollen ihre Werke sein.“

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