Ich bin absoluter Kulturpessimist. Wir sitzen auf einem sinkenden Boot.

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Clemens Meyer im Interview : "Prostituierte faszinieren mich"

Womit wir bei den Clemens-Meyer-Klischees wären – natürlich konnten nur Sie das schreiben, das ist schließlich ihr Milieu seit dem Debütroman „Als wir träumten“.
Ich mache mir darüber keine Gedanken. Literatur kennt keine Milieus, Literatur ist Stil und Dramaturgie. Die ganze Welt ist doch ein Rohstoff! Die wichtigere Frage ist, wie es gemacht ist. Ich will Kunst produzieren! Und jeder, der mich bei einer Lesung erlebt hat, weiß, dass dort nur meine Literatur zählt, dass ich dabei sehr ernsthaft bin. Meine Person ist nicht wichtig, sondern meine Literatur.

Trotzdem sind Sie der Mann mit den Tätowierungen, der mit der Bierflasche in der Hand seinen Leipziger Buchpreis feiert und leidenschaftlicher Galopprennsportfan ist – und der all das nicht nur mit Gewinn in seine Literatur einbringt, sondern auch für seine Vermarktung nutzt.
Es gibt Späßchen, die ich mache, auch als Antworten auf bestimmte Fragen. Aber das wird einem ja oft verleidet. Ich merke dann immer, wie klein dieser komische Literaturbetrieb ist. Jeder Furz wird da kommentiert. Meine Tattoos zeige ich kaum, auch im Sommer gehe ich immer mit langen Ärmeln auf die Straße, um die Tatroos vor der Sonne zu schützen! Und in Leipzig treibe ich mich gern in der Kunstszene herum, da überkreuzen sich sowieso alle Welten. Die meiste Ruhe habe ich bei den Galopprennen. Dort weiß zwar auch jeder, dass ich Schriftsteller bin. Trotzdem geht es nur um den reinen Sport, da bin ich quasi involviert als halber Funktionär.

Treffende Worte, bewegende Geschichten
Seit 2005 wird der Deutsche Buchpreis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen. Das Bild zeigt die sechs Werke, die es in diesem Jahr auf die sogenannte "Shortlist", also die Liste der Finalisten, geschafft haben. Tagesspiegel.de gibt einen Überblick über die Preisträger der vergangenen Jahre.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
07.10.2013 08:15Seit 2005 wird der Deutsche Buchpreis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehen. Das Bild zeigt die sechs Werke, die es...

Hat der Erfolg Ihres Romans nicht auch mit Ihrer Person zu tun?
Ganz klar: nein. Mein Roman ist schwierige Literatur, auch für den Leser nicht leicht. Ich habe meinen Döblin studiert, meinen Dos Passos, die anderen, die ich genannt habe, das ist meine Art von Literatur - und das erwarte ich von Literatur. Man muss sich sprachlichen Anforderungen stellen. Zum Beispiel einen Bewusstseinsstrom der Stadt zu schaffen, dafür braucht es Gespür für Rhythmus, für Komposition. Das ist Kunst, nicht bloß Unterhaltung. Die Leute wollen Gängiges, Lineares. Dafür stehe ich nicht. Ich habe mit „Im Stein“ versucht, mich an folgendes zu erinnern und daran abzuarbeiten: Was ist eigentlich moderne Kunst? Was ist Avantgarde? Wie kann man die Welt beschreiben? Das geht nur im Bruch, im Zustand des Fragmentarischen.

Das ist der Anspruch der Moderne gewesen, der Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts.
Für mich gibt es nur eine Moderne. Und die erfindet sich immer wieder neu, mit den Mitteln der Zeit. Jetzt macht sie das halt mit dem Internet, jetzt ist die Welt vernetzt und in einem unglaublichen Chaos miteinander verbunden.

Das Internet kommt bei Ihnen kaum vor.
Doch, es gibt immer wieder die Silberfäden, auch das Internetradio von einer Figur. Aber ich bin kein Netztheoretiker. Ich hasse das Internet. Das Internet wird uns alle vernichten. Die Welt wird irgendwann nicht mehr existieren, nur das Netz wird es noch geben - und ist überhaupt nicht zu greifen Bücher konnte man verbrennen, was schlimm genug war - das Internet sollte man mal verbrennen! Nur geht das ja auch nicht, es sei denn, die Energievorräte gehen zur Neige.

Das klingt kulturpessimistisch.
Ich bin absoluter Kulturpessimist. Wir sitzen auf einem sinkenden Boot. Literatur ist so was von anachronistisch. Es geht momentan gar nichts mehr, das Ende ist in Sicht. Es sei denn, wir misten gewaltig aus und sagen als Allererstes den tausenden von Menschen: Legt die Feder weg! Es reicht! Schreibt und veröffentlicht nicht jeden Scheiß! Verschont uns mit Krimis, mit der Harry-Potter-Scheiße, vermüllt uns nicht die Bestsellerlisten! Ja, ich bin Kulturpessimist, ich sehe keinen Sinn mehr in dem, was ich da mache (lacht jetzt aber und fügt an: „doch natürlich, schon...“)

Dass Sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stehen, müsste Sie aber optimistisch stimmen. Sie gelten als Favorit.
Ich gehe nicht davon aus, diesen Preis zu gewinnen, die anderen sind auch alle gut. Am meisten würde ich es Reinhard Jirgl gönnen. Mein Roman ist nicht „der beste Roman des Jahres“, die sollten sich da etwas anderes als Bezeichnung einfallen lassen, etwa „Preis für einen herausragenden Roman des Jahres“. Der Klassenbeste wollte man doch nie sein, das waren doch immer die Idioten! Ein Roman wird durch so einen Preis nicht besser.

Was kommt für Sie nach diesem Roman? Ihr Werk hat viele Facetten, denkt man an Ihre letzten Bücher „Gewalten“, eine Art Tagebuch, und den Erzählungenband „Die Nacht, die Lichter“.

„Gewalten“ war die Vorstudie zu „Im Stein“. Nach dem Erzählband musste ich eine totale Kehrtwendung vollziehen. Dieser Band war mein Konzeptalbum, seitdem habe ich nie wieder eine Kurzgeschichte geschrieben. Ein wunderbares Buch, davon musste ich aber weg. Das nächste wird wieder etwas Anderes. Ich will auch keine Moderne und keine Avantgarde mehr, das reicht mir jetzt, das nächste Buch wird eine Novelle. Die soll von einem Mann handeln, der als Komparse bei den Karl-May-Drehs in Kroatien mitgespielt hat. Dreißig Jahre später schießen sie sich an derselben Stelle tot.

Das klingt wieder recht düster.
Na, sie wissen doch: Ich bin Pessimist, Kulturpessimist (lacht jetzt wieder). Irgendwann sitzen wir alle in den Ruinen und singen Lieder und erzählen uns Geschichten, und das ist doch auch ganz schön. Geschichten erzählen, das wird nie aussterben.

Das Gespräch führte Gerrit Bartels

Clemens Meyers neuer Roman „Im Stein“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Nominiert sind zudem Terézia Mora („Das Ungeheuer“), Marion Poschmann („Die Sonnenposition“), Reinhard Jirgl („Nichts von euch auf Erden“), Monika Zeiner („Die Ordnung der Sterne über Como“) sowie Mirko Bonné („Nie mehr Nacht“). Die Verleihung des mit 25 000 Euro dotierten Preises findet am Montag, 7. Oktober um 18 Uhr im Frankfurter Römer statt.

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