Die Prostituierten sind Meyers bestechendste, überzeugendste Figuren

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Clemens Meyers Roman "Im Stein" : Das kälteste Gewerbe der Welt
Foto von Clemens Meyer
Experimenteller Gastgeber: Clemens Meyer, hier in seiner Heimatstadt Leipzig, heizt dem Literaturfest München ein.Foto: Gaby Gerster/Verlag

Clemens Meyers Debüt trug einige autobiografische Züge. Er sei eben in der darin beschriebenen Welt aufgewachsen, hat er in Interviews erklärt. „Im Stein“ aber verdankt sich nun auch vielen Recherchen, so präzise und umfassend, wie Meyer das im Zentrum des Romans stehende Prostitutionsmilieu abbildet und beschreibt: von dessen unterschiedlichsten Arbeitsplätzen (Straße, Clubs, Wohnwagen, Container, Laufhäuser, Wohnungen) über die Gruppierungen und Organisationen, die an der Prostitution verdienen, bis hin zum 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz oder gängigen Kürzeln von „FO“ für „Französisch ohne“ bis zu „GB“ für „Gesichtsbesamung“. Und es geht Meyer um mehr noch, um „das Wissen über dieses alte Geschäft, die Geschichte, die Mythen, das ist doch auch die Geschichte unserer Geschichte, unserer Jahrhunderte.“

Die Prostituierten selbst sind dabei Meyers bestechendste, überzeugendste Figuren. So, wie sie in ihren inneren Monologen das Für und Wider ihrer Tätigkeit abwägen, diese verdammen und auch schönreden, diese in jeder Einzelheit darstellen. „Fick mich, fick mich! So feuere ich die Gäste an, damit sie schneller spritzen, damit ich sie abhaken und nur noch das Geld sehen kann. Es ist dumm, wie oft man sagt, dass man sich geborgen fühlt, wie so etwas zu fühlen ist, verstehe ich nicht. Aber jetzt schon. Ein wenig.“

Meyer tappt dabei nicht in die Falle, Männerfantasien aufzusitzen, diese Arbeit gar zu romantisieren. Dafür sorgt zum Beispiel die Odyssee des einstigen Jockeys durch die Rotlichtbezirke verschiedener deutscher Städte für ein Gegengewicht, so trist, wie sich das hier alles darstellt. Oder das Kapitel, in dem eine minderjährige Zwangsprostituierte versucht, ihr Schicksal mit der Erinnerung an die „Lustigen Taschenbücher“ mit Donald und Dagobert Duck zu ertragen.

Jede Figur in diesem polyfonen Ensemble hat ihren eigenen Sprachrhythmus

Am auffälligsten und überzeugendsten ist jedoch, wie kunstvoll Meyer seinen Stoff arrangiert – und wie groß sein Sprachvermögen ist, wie souverän er über seine Sprache verfügt. Stilistisch unterscheiden sich fast alle Kapitel voneinander. Eine jede der Figuren in diesem polyfonen Ensemble hat ihren eigenen Ton und Sprachrhythmus, wobei Meyer in einigen Kapiteln in schneller, durchaus verwirrender, leseunfreundlicher Abfolge Sprecher und Perspektiven wechselt. Dazu gibt es haufenweise Zitate, Kalauer und Überblendungen aus der Literatur, zeitgenössischen Medien oder der Kultur und Alltagskultur der DDR, von Marx’ „Kapital“ über den Sci-Fi-Roman „Eden City“ bis hin zu den „Lustigen Mäuseabenteuern“ mit Fix und Fax. Und immer wieder driftet das Geschehen auch ins Fantastische, Traum-, Albtraum- und Science-Fiction-Hafte, auf dass sich Leser wie Figuren in einem Labyrinth aus (Roman-)Wirklichkeit und Fiktionen zweiter Ordnung verirren mögen.

Meyer geht es um die Darstellung von Gleichzeitigkeit. Er will in die Tiefe der Zeit genauso vordringen wie die Oberflächen der Gegenwart abtasten, von der Diskussion über einen Maria-Furtwängler-„Tatort“ bis hin zu einer Anspielung auf die Reaktorkatastrophe in Fukushima. Leipzig, „die große Stadt“, wirkt dabei nicht wie eine Stadt mit gerade einmal einer halben Million Einwohnern, eine, die in der Realität viel Beschauliches hat, sondern wie ein Metropolenmoloch, wie Los Angeles in Sachsen. Oder wie Tokio, „dieses neonbeleuchtete Metropolis am anderen Ende der Welt“, das hier genauso einmal Schauplatz ist wie Berlin, Gößnitz oder der Ruhrpott.

Manchmal klaffen in „Im Stein“ Form und Inhalt etwas auseinander. Da wünschte man sich ein paar weniger Wiederholungen, weniger der stetigen Bilder und Motive von den Engeln über die Steine, auf die man bauen kann, bis zu den Knochenbrechern. Oder dass manche Geschichte stringenter erzählt wird und nicht einfach so verläppert (wie jene Kriminalstory mit den drei Moorleichen). Clemens Meyer spielt seine Leser gewissermaßen müde, um sie doch immer wieder wachzurütteln und Ausrufezeichen zu setzen. Dies ist nicht nur ein Milieuroman! Sondern, tatsächlich, genauso ein DDR- und Wenderoman! Und ein Zeitroman, in dem es einen Anfang, ein Ende und ein Erzählen auf den Punkt nicht geben kann.

Kurzum: In seiner Ambitioniertheit, Expressivität und Fülle ist „Im Stein“ der aufregendste, außergewöhnlichste Roman in diesem Herbst.

Clemens Meyer: Im Stein. Roman. S. Fischer, Frankfurt/Main. 558 S., 22,99 €

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