Wie der Film auf die Bedeutungshubertube drückt

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"Cloud Atlas" - der Film : Der Tykwer-Wachowski-Komplex
Tom Hanks als Schiffsarzt und Jim Sturgess als sein Patient.
Tom Hanks als Schiffsarzt und Jim Sturgess als sein Patient.Foto: X-Verleih

Das verständliche Bedürfnis der drei Filmemacher, die Teile dann doch irgendwie miteinander zu verbinden, mündet in eine Idee, die auf den ersten Blick lustig wirkt, auf den zweiten allerdings gaga. Weil sie, offenbar in rauschhaft esoterischer Gemeinsamkeit, unbedingt die Seelen wandern lassen wollen, müssen ihre Schauspieler Tom Hanks und Jim Sturgess und Susan Sarandon und Hugo Weaving und Halle Berry und Hugh Grant und Doona Bae und James D’Arcy und Ben Whishaw und Jim Broadbent in möglichst vielen Episoden in immer wieder neue Rollen schlüpfen. Dabei spielen Junge auch Alte, Männer auch Frauen, Schwarze auch Weiße und umgekehrt. Ein Beispiel: Tom Hanks ist, von der Maske stets sorgfältig neu zugerichtet, Schiffsarzt, Physiker, wütender Trivialautor, böser Hotelmanager und schließlich der erwähnte brabbelnde postapokalyptische Ziegenhirte namens Zachry. Ob ihm dieser Mummenschanz demnächst zum Oscar gereicht – oder zur zweifelhafteren Ehre der Goldenen Himbeere?

Hinzu kommt: Viel stärker als der Roman, der auch seine ideologisch deutbaren Passagen via Rollenprosa relativiert, drückt der Film auf die Bedeutungshubertube. Dabei wird der bei Mitchell eher diffus aufscheinende Gedanke, die Menschheit könne sich noch veredeln, wenn sie statt den Willen zur Macht jenen zur Gemeinsamkeit aufbringt, gern im Predigerton vorgebracht. Das klingt im Film dann so: „Alle Grenzen sind Konventionen, die nur darauf warten, überwunden zu werden.“ Oder: „Unsere Wege gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen verbunden.“ Doch Vorsicht! Zuschauer, die gegen diese raunend transzendentöse Medikation resistent sein sollten, werden von Filmemacherseite sogleich als „Taliban des Anti-Intellektualismus“ enttarnt.

Cloud Atlas
Die Roman-Verfilmung "Cloud Atlas" von Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski ist ab dem 15. November im Kino zu sehen. In dieser Szene komponiert Robert Frobisher (Ben Whishaw) das Wolkenatlas-Sextett, das eine wichtige Rolle im Film spielt.Weitere Bilder anzeigen
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09.11.2012 11:50Die Roman-Verfilmung "Cloud Atlas" von Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski ist ab dem 15. November im Kino zu sehen. In dieser...

Derlei Statements von Lana Wachowski könnten locker als bewusstseinserheiternd durchgehen, wenn das ästhetische Resultat dieses großen Wagnisses nicht so traurig wäre. Überhaupt bauen die Regisseure, mit Hinweisen auf Melvilles einst verkannten „Moby Dick“ oder die anfangs gespaltene Aufnahme von Kubricks „2001“, bereits trotzig vor – für den Fall, dass ihr Herzensprojekt weltweit floppt. Dabei klingen sie (Tsp-Interview vom 10.11.) eher wie Undergroundfilmer, nicht wie Leute, die mit ihrem Budget Blockbuster-Dimensionen anpeilen. Die Zahlen: Neun Millionen Dollar Einspiel am ersten Wochenende in Nordamerika, das mochte noch dem Sturm Sandy geschuldet sein. Seitdem aber halbiert sich der Umsatz jede Woche und liegt mit nun 2,5 Millionen Dollar für US-Verhältnisse bereits dicht an der Nachweisgrenze.

So scheint das Abenteuer, das derzeit so risikoscheue Hollywood via Potsdamer Babelwood zu toppen, schon jetzt grandios gescheitert. Im Fall der Wachowskis übrigens nicht zum ersten Mal: Vor fünf Jahren drehten sie hier, unter anderem mit neun Millionen Euro vom DFFF, „Speed Racer“, der sich als Flop erwies. Überhaupt erinnert das von Kulturminister Bernd Neumann erdachte Instrument, das die Filmwirtschaft mit jährlich 60 Millionen Euro (ab 2013: 70 Millionen) subventioniert, in solch spektakulären Fällen fatal an jenes stupid German money, das einst über die berüchtigten privaten Steuerspar-Filmfonds generiert wurde – so wichtig es sein mag, große internationale Produktionen nach Deutschland zu holen. Mit den „bedingt rückzahlbaren“ Produktionsdarlehen der Länderförderungen sieht es nicht viel besser aus: Wenn es ans Auslösen geht, sind auch bei „Cloud Atlas“ erst mal die Privatinvestoren dran. Was übrig bleibt, lässt sich erahnen.

Kein Trost, nirgends? „Heaven’s Gate“ hatte ein zweites Leben. Ein paar Jahre nach dem misslungenen Start kam der Film neu heraus, in kürzerer Version und in vergleichsweise bescheidenem Rahmen. Die Europäer mochten ihn.

"Cloud Atlas" ist mit knapp 500 Kopien in Deutschland gestartet und läuft in 26 Berliner Kinos.

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