Collegium Vocale Gent im Konzerthaus : Orkus und Trost

Melancholiestudien: Iván Fischer dirigiert Brahms im Konzerthaus. Das Collegium Vocale Gent zeigt sich als wahrhaft feinsinniger Chor.

Dirigent Iván Fischer im Saal des Konzerthauses.
Dirigent Iván Fischer im Saal des Konzerthauses.Foto: Marco Borgreve/Konzerthaus

Dass alles Leben fällt und selbst das Schöne vergeht, lässt sich nicht bestreiten, ist aber trotzdem nur schwer zu akzeptieren. Versuche von Johannes Brahms, der Trauer darüber eine künstlerische Fassung zu verleihen, hat Iván Fischer zu einem herbstlich schimmernden Programm mit dem Konzerthausorchester zusammengestellt.

Die menschliche Stimme spielt darin eine tragende Rolle, nimmt die Lebenslast auf und bringt sie für kurze Zeit zum Schweben. Für seine Melancholiestudien holt Fischer das Collegium Vocale Gent an den Gendarmenmarkt, einen feinsinnigen Chor, der, aus der Alte-Musik-Bewegung kommend, längst bis in die Gegenwart vorgedrungen ist.

Zunächst singen allein die Frauen vom Chorbalkon, während sich unter ihnen Hörnerschall und Harfenschlag ausbreitet. Über den Höhenunterschied hinweg, von kristallklarem Chorklang erfüllt, wirken die vier Gesänge op. 17 plötzlich wie jene halbentrückten Bergweisen, die dem Gipfelsturz des Menschen mit alpiner Lakonie begegnen.

Brahms’ große Werke für Chor und Orchester „Nänie“ und „Schicksalslied“ auf Gedichte von Schiller und Hölderlin singt das Collegium Vocale mit bester Textverständlichkeit, nie in die klangliche Breite flüchtend, emotional mit deutlicher Zurückhaltung. Denn Fischer zielt hier weniger auf die Vergegenwärtigung von irdischem Leiden und drohendem Orkus, ihn interessiert vielmehr, wie Brahms die Spitze umbiegt. Alles dramatisch Aufgebauschte würde da nur ablenken.

Den Verklärungsstrategien des Komponisten ist Fischer mit sicherem Gespür und sanftem Lächeln auf der Spur. Trost ist ein Kunstgriff, aber kein geringer, das Konzerthausorchester findet dafür ein zart-mürbes Klanggewand. Fischers Ansatz flackert auch in den drei ausgewählten Ungarischen Tänzen auf, denen er alle Zirkushaftigkeit austreibt.

Sowie in den Haydn-Variationen, die nicht durch kompositorische Virtuosität sondern ihre konsequente Trauerverwandlung überzeugen sollen. Doch zwischen dem spürbaren Wollen und der klanglichen Erfüllung bleibt an diesem Abend stets eine Lücke – nicht nur zwischen Chor und Orchester –, von dem man nicht weiß, ob sie sich durch mehr Proben überhaupt schließen ließe (wieder 17.11., 16 Uhr).

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