Comedian Oliver Polak : „Jede Frau hat mehr Eier als ich“

Oliver Polak ist Comedian und Moderator. Im Gespräch verrät er, warum er sich Talkshow-Gäste als Aliens vorstellt und wie er der Pandemie gute Seiten abgewinnt.

Jetzt handzahm. Oliver Polak spricht in seiner ersten Sendung mit den die Journalistinnen Alice Hasters (l.) und Anna Dushime .
Jetzt handzahm. Oliver Polak spricht in seiner ersten Sendung mit den die Journalistinnen Alice Hasters (l.) und Anna Dushime .Foto: Gerald von Foris

Oliver Polak, Jahrgang 1976, ist Comedian, Autor und Gastgeber. Aufgewachsen ist er als Sohn einer jüdischen Familie in Papenburg. Zur Stand-up-Comedy ist er 2006 gekommen und macht seit seinem Buch Ich darf das – ich bin Jude und dem ersten Bühnensolo Jud Süß Sauer durch provokanten Humor von sich reden. Im Fernsehen war er in diversen Formaten zu sehen.

Die Late-Night- Show Applaus und raus, in der er auf ProSieben 2016 Überraschungsgäste empfing, wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Großes Echo fand das Buch "Gegen Judenhass" von 2018. In der Show Besser als Krieg spricht er unter anderem mit Alice Hasters, Anna Dushime, Samira El Ouassil und Sibel Schick im intimen Studio-Rahmen. Die vier Folgen laufen ab 20. April montags um 20 Uhr auf Radio Eins, in der Nacht zu Dienstag um 0 Uhr im RBB Fernsehen, auf radioeins.de.

Herr Polak, wir treffen uns in einem Park in Mitte, wo Sie wohnen: Wie kommen Sie mit der derzeitig nötigen Distanz klar?
Ich bin gerade aus Frankfurt am Main gekommen. Als ich hier in Berlin in meine Straße kam, war das schon etwas geistermäßig. In Frankfurt joggen morgens am Main viele Leute. Da hat man das Gefühl, es gibt auch Freude.

Was machen Sie als Mitte-Mensch in Frankfurt?
Ich lebe mittlerweile dort, weil das für mich im Moment die einzige erträgliche Stadt in Deutschland ist. Die Hessen sind sehr direkte Leute. Mein Glückspegel ist um 50 Prozent gesteigert, seit ich da lebe. Neues Stand-up-Material teste ich aber nach wie vor in Berlin und wohne dann auch hier.

In Frankfurt gibt es keine regelmäßigen Open-Mic-Bühnen. Als das im Februar in Europa mit Corona losging, war ich für vier Wochen in New York. Billige Masken waren schon ausverkauft, also kaufte ich die teure von Bathing Ape für 70 Euro. Als ich dann später gesehen habe, dass auf dem Etikett „Made in China“ steht, dachte ich: „Oh, shit!“ Du lebst plötzlich in einer anderen Welt. Die hat aber auch ein paar gute Seiten.

Welche?
Dass viele Selbstständige jetzt kurz vorm Bankrott stehen, ist schlimm. Aber trotzdem geht’s uns in Deutschland noch gut. Wir haben eine Wohnung, was zu essen und können zu Hause Fernsehen schauen oder Musik hören.

Kein Vergleich mit dem Leben syrischer Flüchtlinge, die in der Kälte an irgendwelchen Grenzen sitzen oder auf einem Schlauchboot im Mittelmeer treiben. Es ist zu einfach, wenn wir uns jetzt zu Opfern erklären. Wir bauen unseren Wohlstand auf der Armut anderer Menschen auf. Wir kaufen Klamotten, die in Bangladesch produziert werden.

Wir lassen unsere Handys in Billigfabriken in China herstellen. Unsere Autos tanken wir mit Benzin, das wir von Despoten und Diktatoren beziehen. In Wuhan haben die Menschen die Wildtiere in Käfige gesperrt und jetzt sitzen wir sozusagen selber im Käfig. Dann ist es gut zu entdecken, dass man außer über Geld auch über Freunde, Familie, Gesundheit nachdenken kann.

Wie geht es Ihrer Tante Ilse, die im Corona-Zentrum New York lebt?
Wenn du wie sie sieben Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern überstanden hast, macht dir Corona keine Angst. Sie ist superfit und ich wünsche mir, dass sie viele weitere Jahre erleben kann. Aber sie ist 92. Sie bleibt zu Hause und geht nicht selber einkaufen. Was sie nervt, ist aber, dass kein Besuch kommen darf und sie nicht zweimal die Woche Bingo spielen gehen kann.

Sie widmen Ilse gerade einen Film.
Der Dokumentarfilm heißt „Ilse und ich“, eine Gegenüberstellung unserer Leben, mein Sehnsuchtsort, ihr Wohnort New York, und unsere Wurzeln, die in Papenburg im Emsland liegen. Es gab viele interessierte Produzenten, die die Produktion allerdings von Fördergeldern abhängig machten.

Auf das Warten und das Risiko, dass der Film nicht gemacht wird, hatte ich keine Lust. Ich entschied mich, den Film alleine zu machen, bin dann letztes Jahr mehrfach mit Kamera und Ton-Equipment nach New York gefahren und wollte im April/Mai wieder hin. Wird ja nun nichts. Das ist vielleicht gerade die Kunst, die Dinge hinzunehmen.

Sie betätigen sich regelmäßig als Talkshowgastgeber – auf Pro Sieben mit „Applaus und raus“, auf Radio Eins mit „Oliver Polaks Bruchbude“. Was gefällt Ihnen am professionellen Plaudern?
Am meisten quatsche ich mit Micky Beisenherz in unserem wöchentlichen Podcast. Neuerdings sogar zweimal die Woche. Sonst sehe ich mich nicht als klassischen Talker. Mechanisches Abfragen nervt mich. Aber dann fragte mich Radio Eins, ob ich Lust hätte auf eine weitere Talkshow, und da hatte ich diesen Traum.

Kurze Unterbrechung, Herr Polak. Ihr Hund Arthur hat da drüben was am Mülleimer entdeckt.
(Oliver Polak springt auf.) Entschuldigung. Arthur, hierher! Die Leute sagen immer, so ein Zwergschnauzer ist so süß. Nein, ist er nicht. Er schlabbert die Pisse anderer Hunde von Laternen ab und bevor er kastriert wurde, war er der Harvey Weinstein von Berlin-Mitte. Es gab keinen Hund, auf den er nicht draufgesprungen ist. Ich mag ihn nur nicht zu Hause lassen.

Wie war das also mit Ihrem Traum?
Ich lag in meinem Bett. Und dann stand mein Bett plötzlich auf einer Wiese. Da saßen plötzlich acht Frauen um mich herum und schauten mich an. Ich kannte sie alle und dachte, ey, genau die muss ich einladen. Nicht Leute, die ständig durch Talkshows tingeln, sondern Menschen, die viel schreiben – von „Spiegel“ bis „taz“, auf Twitter und Facebook – und eine so wichtige Stimmen haben, dass sie eine weitere Bühne brauchen.

Wie sieht das Konzept von „Besser als Krieg“ aus?
Peace and Surprise. Wir haben eine Kiste mit Bällen, in denen 20 Stichwörter stehen. Die Gäste ziehen abwechselnd ein Thema, jedes bekommt zwölf Minuten. Nicht, dass ich keinen Bock habe, mich vorzubereiten. Aber ich gucke halt gern, was passiert. Wobei es gar nicht um Kontroversen geht, sondern darum, gemeinsam laut nachzudenken.

Da kommen lustige und traurige Assoziationen. Beispielsweise als Anna Dushime, die aus Ruanda stammt, beim Stichwort „Toilette“ erzählt, dass sie als Kind glaubte, dass die Kacke von Weißen hell ist. Süß! Und später erzählt sie beim Stichwort „Tod“ vom Genozid der Hutu an den Tutsi 1994, dem viele ihrer Verwandten zum Opfer fielen.

Mamas, Omas, Papas spielen gleich in mehreren Ausgaben eine Rolle.
Samira El Ouassil hat in der zweiten Sendung den Zettel „Papa“ rausgepickt und erzählt, dass ihr sonst so entspannter Vater sich Sorgen gemacht hat, als er hörte, dass sie bei „Anne Will“ eingeladen ist.

Wieso das denn?
Das war kurz nach dem Anschlag von Hanau. Sie ist ein bayerisches Mädchen, ihr Papa Marokkaner. Er hatte Bedenken, dass die Tochter ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigt und so ihr Background bekannt wird. Dann erzählte Sham Jaff, deren Familie einst aus dem Irak geflohen ist, von familiärem Zusammenhalt.

Das sind persönliche Geschichten, die zugleich die Welt abbilden. Geschichten von Deutschen, die andere Deutsche immer noch nicht selbstverständlich als ihresgleichen betrachten.

Warum trägt die friedliche Dreierrunde eigentlich den Krawalltitel „Besser als Krieg“?
Der ist doch nicht krawallig. Alles ist besser als Krieg! Besonders eine Sendung, in der es darum geht, harmonisch miteinander zu reden.

Die Kurzvorstellungen der Gäste – in der ersten Folge sind das die Journalistinnen Alice Hasters und Anna Dushime – fallen so schmeichelhaft aus wie bei der NDR-Talkshow: Gehen Sie nach der Langweilige-Gäste-Rausbuzzer-Show „Applaus und raus“ jetzt auf Schmusekurs?
Die Texte habe ich geschrieben, auch ich habe verschiedene Seiten. Da hatte ich jetzt mal Bock drauf. Übrigens war ich mal in die NDR-Talkshow eingeladen. Interviewt zu werden, ist nicht meine Stärke. Maxim Biller gab mir den Rat, mir die Talkrunde einfach als ein Raumschiff voller Außerirdischer vorzustellen.

Ihre Gäste sind weibliche Thirtysomethings: Sind Sie neuerdings Feminist?
Schon immer. Wie kann man gegen Gleichstellung sein? Ich habe bei den Aufzeichnungen gemerkt, wie wohl ich mich in Frauengesellschaft fühle. Das kann damit zu tun haben, dass ich zweimal Hodenkrebs hatte. Aber selbst wenn ich noch Eier hätte: Jede der Frauen, die zu Gast waren, hat mehr Eier als ich.

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