Abenteuercomic „Hans sticht in See“ : Lebenskünstler auf hoher See

Der Norweger Øyvind Torseter erschafft in seiner Comic-Erzählung „Hans sticht in See“ einen eigenen poetischen Erzählkosmos.

Odyssee mit Tücken: Eine Doppelseite aus „Hans sticht in See“.
Odyssee mit Tücken: Eine Doppelseite aus „Hans sticht in See“.Foto: Gerstenberg Verlag

Was verschlägt einen Friseur auf hohe See? Tja, Hans hatte zwar einen Job als solcher, wurde aber gekündigt, da er mit seinen Schnitten die Kunden vergraulte. Dann setzt ihn sein Vermieter auch noch auf die Straße, um das Haus abzureißen.

Schlechter hätte es für Hans kaum laufen können. Um sein eingelagertes Hab und Gut auslösen zu können, sieht er sich im Hafen nach einem Job um – und wird zum Handlanger eines Millionärs, der mit ihm auf Entdeckungsfahrt gehen will.

Der 1972 geborene norwegische Zeichner Øyvind Torseter erschafft in seiner Graphic Novel „Hans sticht in See“ (Gerstenberg Verlag, 160 Seiten, 26 €) einen eigenen poetischen Erzählkosmos, in dem Menschen und anthropomorphe Tiercharaktere auf selbstverständliche Weise zusammenleben.

Derzeit ist Torseter zusammen mit anderen norwegischen Comiczeichnern zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse, wo ihr Heimatland in diesem Jahr Ehrengast ist.

Erinnerungen an die „Mumins“

Das Äußere der von Torseter mit wenigen Strichen gezeichneten Figuren verweist auf ihre soziale Zugehörigkeit sowie innere Eigenschaften: Der schlaksige Hans mit seinem rundlichen, nach vorne gewölbten Kopf, der zugleich die Nase ist, und den dünnen Beinen könnte der Herkunft nach ein vermenschlichtes Pferd sein, erinnert aber auch ein wenig an die „Mumins“-Figuren von Tove Jansson.

Auf der Frankfurter Buchmesse: Øyvind Torseter (links) bei einer Lesung aus seinem Werk mit Jakob Hoffmann.
Auf der Frankfurter Buchmesse: Øyvind Torseter (links) bei einer Lesung aus seinem Werk mit Jakob Hoffmann.Foto: Lars von Törne

Zunächst trägt Luftikus Hans einen Rucksack mit sich herum, auf hoher See dann Wollmütze und Trenchcoat. Sein neuer Chef, der „Kapitän“, hat einen dicken Elefantenkopf mit Rüssel und kleinen Stoßzähnen. Schlips, Anzug und seine hochgestochene Ausdrucksweise lassen den leicht versnobbten Millionär durchblicken, der so ziemlich alles sammelt, was ihm selten und wertvoll erscheint.

Und dann spielt noch das „Mädchen aus der Hafenkneipe“, eine grazile Gestalt mit dünnen Haaren, eine Rolle.

Improvisationen eines Flaneurs

Torseter zeichnet mit dünnem, oft nur skizzenhaftem Strich und setzt gezielt Farben ein, um Akzente zu setzen oder Stimmungen zu entwickeln. Für die Darstellung der Hafenkneipe oder des Meeres malt er wiederum ganze Doppelseiten detailreich aus und erschafft Traumbilder.

Seine Erzählweise wirkt wenig strukturiert, erscheint eher wie eine Reihung von Improvisationen, die ein Flaneur auf seinen Wegen über Land und See so macht, wenn er einen Zeichenstift in der Hand und ein Blatt Papier dabei hat.

Hans und das Mädchen aus der Hafenkneipe: Eine Szene aus „Hans sticht in See“.
Hans und das Mädchen aus der Hafenkneipe: Eine Szene aus „Hans sticht in See“.Foto: Gerstenberg


Torseter scheint sein eigenes Genre erfunden zu haben. Bereits in seinem vorherigen, mit dem Jugendliteraturpreis 2018 ausgezeichneten Buch „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“ (2015 in Norwegen, 2018 bei Gerstenberg erschienen) schickte er einen „ritterlichen“ Hans in eine Märchenwelt, um seine sechs Brüder und eine Prinzessin aus den Händen eines bösen Trolls zu befreien.

Leichthändig gelang es Torseter hier, die Genreregeln zu zitieren und im nächsten Moment außer Kraft zu setzen.

Suche nach dem größten Auge der Welt

Auch „Hans sticht in See“ spielt mit Konventionen: Beginnend in einem alltäglichen Setting, strandet Hans zunächst im leicht romantisierten Hafenmilieu, um dann das „große Abenteuer“ zu erleben.

Der reiche „Kapitän“ glaubt zu wissen, wo er das „größte Auge der Welt“ ergattern kann, das einzige Sammelstück, das ihm noch fehlt.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Gerstenberg

Hans hat dabei nichts weiter im Sinn, als sein wenig Hab und Gut mit seinem Lohn auszulösen, und landet beinahe im Kochtopf eines menschenfressenden Riesen, der das Auge besitzt.

In dieser düstersten Szene des Buches klingt der antike Mythos vom einäugigen Zyklopen Polyphem an. Doch keine Sorge: Die skurrile Odyssee des Lebenskünstlers Hans endet am Ende dann doch im Glück.