Annie Goetzinger (1951-2017) : Eleganter Strich für starke Frauen

Annie Goetzinger war eine der raren Grande Dames in der französischen Comicwelt. Jetzt ist die Zeichnerin und Autorin im Alter von 66 Jahren gestorben.

Barbara Buchholz
Neu aufgelegt: Eine Seite aus Goetzingers „Ein Kleid von Dior“.
Neu aufgelegt: Eine Seite aus Goetzingers „Ein Kleid von Dior“.Foto: Kult Comics

Sie zeichnete mit feinem, elegantem Strich vor allem Geschichten um starke Frauenfiguren. Zum Comic war Annie Goetzinger eher unfreiwillig gekommen: Die am 18. August 1951 in Paris geborene Künstlerin studierte von 1967 bis 1971 Modezeichnen an der École Supérieure des Arts Appliqués in Paris mit dem Ziel, Theaterkostüme zu entwerfen.

Für den Abschluss ihres Studiums musste sie aber unter anderem einen Comic vorlegen. In der Jury saß auch der Szenarist Jacques Lob, der sie ermutigte, ihre Arbeiten René Goscinny zu zeigen, damals Chefredakteur des Magazins „Pilote“. Ab 1972 veröffentlichte sie darin Comics mit verschiedenen Szenaristen, kurz darauf auch in anderen französischen Comicmagazinen wie „L'Écho des savanes“, „Fluide glacial“ oder „Métal hurlant“.

Eine maskierte Heldin auf Rachefeldzug

Ihr erstes Album „Légende et réalité de Casque d’or“ erschien 1976 (auf deutsch 1981 unter dem Titel „Legende und Wirklichkeit von Goldlöckchen“ im Volksverlag) und dreht sich um die „Goldhelm“ genannte Prostituierte Amélie Élie, die im Paris der Belle Epoque in Bandenkriege verstrickt wird. Für dieses Buch erhielt Goetzinger 1977 beim Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême den Preis für das beste Album – als eine von nur fünf Frauen bis 2017.

Zwei Jahre zuvor hatte sie dort bereits den Prix Révélation erhalten. Der Grand Prix blieb ihr allerdings bis zuletzt verwehrt. 2014 ehrte sie das Comicfestival BD Boum im französischen Blois für ihr Lebenswerk. Hier gibt es ein Interview mit Annie Goetzingers im Onlinemagazin Bdzoom zum Start des Comicfestivals BD Boum in Blois 2015 unter Annie Goetzingers Präsidentschaft. Sie war eine der raren Grande Dames in der französischen Comicwelt, in einem Atemzug zu nennen etwa mit Claire Bretécher.

Annie Goetzinger (1951 - 2017).
Annie Goetzinger (1951 - 2017).Foto: CC BY-SA 3.0 / Wikipedia

Annie Goetzinger verbuchte ihren ersten größeren Erfolg mit der von Victor Mora geschriebenen Serie „Félina“, die sie ab 1978 zeichnete (auf deutsch 1981 im Volksverlag). Die Geschichte um eine maskierte Heldin auf Rachefeldzug ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesiedelt und in Zeichnungen wie Seitengestaltung eine Hommage an den Jugendstil.

Zu einem Szenario des früheren Cheflektors von Carlsen Comics, Andreas C. Knigge, und des norwegischen Dichters Jón Sveinbjørn Jónsson zeichnete Goetzinger „Die verlorene Zukunft“ um das Thema Aids. Der Comic erschien 1992 beim Carlsen Verlag, aber auch in Frankreich und weiteren europäischen Ländern.

Erst im März war ihr letztes Werk veröffentlicht worden

Hervorzuheben ist Annie Goetzingers Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Pierre Christin („Valerian und Veronique“) ab 1980, den sie bei „Pilote“ kennengelernt hatte. Mit ihm verfolgte sie ihre Vorliebe für starke Frauenfiguren weiter, zum Beispiel mit „La Demoiselle de la Légion d'Honneur“ („Das Fräulein von der Ehrenlegion“) oder „La Diva et le Kriegspiel“ („Die Diva“). Die siebenteilige Serie „Detektei Hardy“ von Christin und Goetzinger um eine so kompetente wie stets elegante Privatdetektivin im Paris der Nachkriegszeit wurde Ende 2016/Anfang 2017 bei Kult Comics neu aufgelegt, im März 2017 folgte dort „Ein Kleid von Dior“ über die Karriere des legendären Modeschöpfers.

Kompetent und elegant: Eine Seite aus „Detektei Hardy“.
Kompetent und elegant: Eine Seite aus „Detektei Hardy“.Foto: Kult Comics

Auf Französisch erschien zuletzt im März 2017 „Les apprentissages de Colette“ über die Jugend der französischen Schriftstellerin, die als erste Frau in die Académie Goncourt berufen wurde. Erneut eine starke Frau – und eines von vielen ebensolchen Werken, die Annie Goetzinger hinterlässt. Am 20. Dezember ist sie im Alter von 66 Jahren gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar