Ihr Alter Ego hat Antennen auf dem Kopf, wie ein Alien

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Asperger-Syndrom im Comic : Mein Leben als Alien
Comic-Selfie. Ein Fototermin wäre für Daniela Schreiter eine Qual. Stattdessen hat sie sich selbst gemalt. Mit Antennen, wie ein Alien. So fühlte sie sich früher.
Comic-Selfie. Ein Fototermin wäre für Daniela Schreiter eine Qual. Stattdessen hat sie sich selbst gemalt. Mit Antennen, wie ein...Illustration: Daniela Schreiter

Dass es im zweiten Band um Freundschaften, Beziehungen und Liebe gehen soll, wusste Daniela Schreiter schon, als sie vor einem Jahr in ihrem Schöneberger Stamm-Café saß. Doch der Weg bis zur Fertigstellung wird lang. Erst kommt der Hochsommer, und Schreiter leidet wie immer unter den Temperaturen, auf die sich andere so freuen. Das helle Sonnenlicht und die Hitze sind unerträgliche Reize für sie. „Der Herbst ist schöner, da er die lang erwartete Erholungsphase ist. Und der Winter ist quasi die Sahnehaube“, schreibt sie in einer E-Mail.

Doch auch die kühlen Monate werden unerwartet schwierig. Im Herbst muss Daniela Schreiter wegen Wurzelbehandlungen immer wieder zum Zahnarzt. Schon die Terminvereinbarung ist eine Qual. Normalerweise telefoniert Schreiter gar nicht, und nun soll sie einen völlig Fremden anrufen? Was, wenn die Sprechstundenhilfe einen Termin vorschlägt, der ihr nicht passt? Wie reagieren, wenn sie einen kleinen Witz macht? Schreiter schließt sich stundenlang im Bad ein, um verschiedene Gesprächsverläufe einzuüben. Und dann erst die Behandlung selbst. Wie da jemand in ihrem Mund herumfuhrwerkt. „Jede Berührung ist für mich wie ein Blitz, der noch lange nachhallt“, schreibt Schreiter.

Als die Zahnarztbesuche überstanden sind, ist es Winter. Nun kommt das Schwerste. Schreiter muss aus ihrer Wohnung ausziehen. Mit einem Freund geht sie zu drei Besichtigungen. Er redet, sie schaut auf den Boden. Die neue Wohnung putzt sie eine ganze Woche lang. „Jeden Tag mehrere Stunden, bis ich das Gefühl hatte, sie ist nicht mehr fremd. Wenn ich einen Ort putze, verringert sich die Unsicherheit, da ich so Kontrolle über ihn bekomme“, schreibt sie.

Bei einem Treffen im Frühling 2015, kurz vor Abgabe des zweiten Bandes, sind die beigefarbenen Vorhänge zugezogen, „Reizabschirmung“, sagt Daniela Schreiter. Sie muss ihren Rückstand aufholen, heute morgen hat sie schon fünf Seiten geschafft. Auf einer von ihnen ist ihr Alter Ego mit Antennen auf dem Kopf zu sehen, wie ein Alien. Als solcher fühlte sich Daniela Schreiter in ihrer Jugend oft genug. Als sie anfing auszugehen, sah sie zur Vorbereitung etliche Male die Partyszene aus dem Film „Sonnenallee“. Noch heute macht sie sich mitunter Notizen, bevor sie jemanden trifft. Was er gern macht, welche Filme er in letzter Zeit gesehen hat, solche Sachen. Damit der Gesprächstoff nicht ausgeht. Worüber Daniela Schreiter selbst gern reden würde: Astronomie und Galaxien, die Konstellation von Venus und Mars neulich, die Rosetta-Mission.

Die Frage, wie man in einer Partnerschaft aufgeht, ohne sich selbst aufzugeben, ist für Autisten noch schwieriger zu beantworten als für andere Menschen. Auf der einen Seite haben sie wie alle den Wunsch nach Nähe, auf der anderen aber auch ein existenzielles Bedürfnis nach Ruhe und ihre sehr speziellen Interessen. Im zweiten „Schattenspringer“-Band sagt ein Mann zu Daniela Schreiters Alter Ego: „Wollen wir uns morgen treffen?“ und sie antwortet: „Aber wir haben uns doch heute schon gesehen.“ Ein paar Seiten später sitzt sie allein und in Rapunzelpose in einem Turm, auf dem Schoß ihr Laptop und die Haare, die aus dem Fenster hängen, so lang, dass man sich darin verstecken könnte.

Im echten Leben hat Daniela Schreiter vor Kurzem einen gefunden, der ihre Ehrlichkeit aushalten kann. Und sie versucht sich selbst ernster zu nehmen. Eine öffentliche Autogrammstunde gab es bei Erscheinen dieses Bandes zum Beispiel nicht. Stattdessen schlug sie in ihrem Blog vor, dass jeder, der Interesse an einer signierten Zeichnung hat, ihr einen frankierten Rückumschlag senden solle. Es kamen so viele Briefe, dass Daniela Schreiter den riesigen Stapel bis heute nicht abgearbeitet hat.

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