Warum ihr alles so schwer fällt, fand sie erst spät heraus

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Asperger-Syndrom im Comic : Mein Leben als Alien
Comic-Selfie. Ein Fototermin wäre für Daniela Schreiter eine Qual. Stattdessen hat sie sich selbst gemalt. Mit Antennen, wie ein Alien. So fühlte sie sich früher.
Comic-Selfie. Ein Fototermin wäre für Daniela Schreiter eine Qual. Stattdessen hat sie sich selbst gemalt. Mit Antennen, wie ein...Illustration: Daniela Schreiter

Selbst bei kleinen Handgriffen braucht sie Rituale. Zum Beispiel vorher, als sie zu Hause etwas Wasser trank. Wie immer schüttete sie das Glas erst drei Mal aus, bevor sie es schließlich an die Lippen führte. Hätte sie das nicht gemacht, wäre es ihr schwergefallen, sich danach aufs Zeichnen zu konzentrieren.

Schreiter hat einmal Jura studiert, kehrte nach dem ersten Staatsexamen aber zu der stillen Beschäftigung ihrer Kinder- und Jugendjahre zurück. Ihr Geld verdient sie mit Illustrationen und Zeichnungen und neuerdings mit ihrem Comic. An diesem Sommertag im Jahr 2014 steht bereits fest, dass es einen zweiten Band geben wird. Während es im ersten um Schreiters Kindheit geht, soll es nun von ihrer Jugend handeln. Schreiter schlägt vor, bis zum Erscheinen in Kontakt zu bleiben. Am besten per Mail, dann geht sie nach Hause. Später schreibt sie, dass sie das Treffen trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sehr angestrengt habe.

Auf die Erklärung, warum ihr alles so schwerfällt, musste sie lange warten. In den 80ern, als Schreiter aufwuchs, war Asperger-Autismus noch weitgehend unbekannt, und so hieß es immer nur: Daniela? Die ist irgendwie „anders“. Dieses Wort und all seine Variationen – außergewöhnlich, seltsam, komisch, nicht normal, total gestört – hörte Daniela Schreiter immer wieder.

Zum Beispiel, als sie nicht mit den anderen Kindern auf den Spielplatz wollte, sondern lieber nach Hause, um zu zeichnen. Viren. Die fand sie so toll, dass sie sich ein Sammelalbum anlegte und alle möglichen Viren hineinklebte. Oder als sie auf Klassenfahrt ging. Ihre Mutter hatte ihr für die Fahrt eine Stulle eingepackt. Um in der Fremde etwas Eigenes, Vertrautes zu haben, hob Daniela Schreiter das Brot und den Käse tagelang auf.

„Die Lehrer sagten meiner Mutter nur, dass ich mich irgendwie komisch verhalten und keinen Kontakt zu den anderen Kindern suchen würde. Aber dafür hatte ich mit dem Lernstoff überhaupt keine Probleme, also beließ es meine Mutter dabei“, schreibt Schreiter in einer E-Mail.

Daniela Schreiter war 26 Jahre alt, als sie das erste Mal von Autismus hörte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon einiges an möglichen Diagnosen durch, Depression, Angst- und Panikstörung, bipolare Störung, Sozialphobie. Weil nichts davon so richtig passte, machte sich Schreiter selbst auf die Suche. Googelte Schlagworte wie Reizempfindlichkeit, Tics und Stereotypien und fand im Netz eine Beschreibung von Asperger-Autismus. „Das war, als läse ich meinen Lebenslauf.“ Eine Ärztin bestätigte ihre Vermutung. Schreiter war erleichtert. Endlich hatte ihre Andersartigkeit einen Namen. Ein Jahr später begann sie den autobiografischen Comic zu zeichnen. Zunächst als eine Art Vergangenheitsbewältigung. Dann lud sie die fertigen Seiten auf ihrer Webseite hoch. „Das war mein Outing“, sagt Daniela Schreiter.

Als Steffen Volkmer vom Panini Verlag kurz darauf im Netz surfte, auf der Suche nach Talenten, fand er Schreiters Seite. Er las die Geschichte des kleinen Mädchens, das jeder Pulli kratzt und für das schon das Gefühl von Grashalmen unter den nackten Füßen eine Überreizung der Sinne ist, und war begeistert. „Ich liebe die US-Serie ,Boston Legal’“, sagt er Monate später am Telefon. „Da gibt es auch einen Autisten, und der ist eine wunderbare Figur.“

Tatsächlich sind Autisten seit einigen Jahren sehr präsent auf dem Bildschirm. Ob in der schwedischen Krimiserie „Die Brücke“ oder in der US-Sitcom „The Big Bang Theory“. Jede Serie hat inzwischen ihren Nerd und Eigenbrötler. Dass die Figur des Autisten gesellschaftsfähig geworden ist, sehen die Betroffenen mit gemischten Gefühlen. Einerseits tut mehr Akzeptanz gut. Andererseits scheint es in Zeiten, in denen die millionenschweren Unternehmer aus dem Silicon Valley allesamt als mehr oder minder autistisch gelten, fast schick zu sein, sich selbst auch im Autismus-Spektrum zu verorten. Panini hat es jedenfalls nicht bereut, Schreiter unter Vertrag genommen zu haben. 1500 verkaufte Exemplare strebte der Verlag beim ersten Band an – schon nach einigen Wochen war die Marke erreicht.

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