„Bei Gefallen auch mehr“ : Vierhändige Improvisationen

Die Kunst des Ab- und Ausschweifens: Dominique Goblet und Kai Pfeiffer beeindrucken mit einem Comic-Experiment.

Marie Schröer
Briefroman: Eine Doppelseite aus „Bei Gefallen auch mehr“.
Briefroman: Eine Doppelseite aus „Bei Gefallen auch mehr“.Foto: Avant

Ein leicht bekleideter Herr empört sich gegenüber der Protagonistin: „Wir sind doch wohl nicht hierhergekommen, um NARRATION zu betreiben!!“ Nur wenige Seiten später sehen wir einen Autor, der zwei vogelartigen Wesen eine Lektion in Sachen Narration erteilt: „Schwer ist das nur für konventionelle Geister, die sich von ihrem Wunsch, eine ,gut vorgeplante‘ Geschichte ,nach den Regeln‘ zu konstruieren, in Ketten legen zu lassen. Ich dagegen nehme die Narration UND ZUGLEICH ihre Dekonstruktion FREI in Angriff.“

Diese zwei Zitate aus dem Buch „Bei Gefallen auch mehr“ dürften helfen, sich dem dezidiert antikonformistischen Werk des Duos Dominique Goblet und Kai Pfeiffer zu nähern. Was den Vogelwesen mitgeteilt wird, erhellt über metatextuelle Bande auch die Leser dieser Rezension und vor allem die des Comics: Zwischen den dekorativen Buchdeckeln wird zwar durchaus Narration betrieben, aber auf Umwegen, mit assoziativen Abschweifungen, fernab des leicht resümierbaren Plots.

Die Zeichnungen gaben die Geschichte vor

Wie sollte es auch anders sein, ist der Comic doch das Produkt eines Experiments, das dem Konzept des Briefromans ähnelt. DIN-A4-Seiten wurden zwischen Berlin und Brüssel hin und her geschickt, gänzlich ohne Gerüst und Regelwerk (sieht man von der fixen Seitenarchitektur ab).

Resultat dieser Kommunikation ist eine Stil-, Material- und Themenvielfalt, die Filzstift mit Aquarell, Bichromie mit Farbexplosionen, Abstraktion mit Realismus, narrative Passagen mit ästhetischen Spielereien und authentische Dokumente mit imaginierten Monologen vereint.

Die ersten (von Pfeiffer gestalteten) Seiten führen die thematischen und visuellen Leitmotive ein; die folgenden Seiten interpretieren sie neu. Das ausschweifende Bildersortiment wurde erst in einem zweiten Schritt überarbeitet und arrangiert. Die Zeichnungen gaben die Geschichte vor, nicht umgekehrt.

Antikonformistisch: Eine weitere Doppelseite aus „Bei Gefallen auch mehr“.
Antikonformistisch: Eine weitere Doppelseite aus „Bei Gefallen auch mehr“.Foto: Avant

Im Zentrum dieser steht eine namenlose Protagonistin, die Mutter. Das Verschwinden ihrer Tochter, der Schwimmerin, ist ständig Thema; immer wieder sehen wir sie ihre Bahnen ziehen. Die Mutter versucht die Leere mit Online-Dating zu füllen: Bei Gefallen auch mehr…

Die integrierten Kontaktanzeigen von Eule57, Coolwind oder Alchimist des Lebens, die die erste Hälfte des Comics bevölkern, sind deshalb so tragikomisch, weil sie so absurd authentisch sind.

Betörend verstörend

Ein besonderer Reiz liegt in der Verfremdung dieser Alltagszeugnisse „konkreter Lyrik“ (so Pfeiffers Formulierung im Gespräch mit dem Deutschlandfunk) durch die künstlerische Inszenierung. Der sich empörende Herr aus dem Eingangszitat ist einer der Dating-Kandidaten, den die Mutter zu sich eingeladen hat.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Avant

Wie viele Bewerber es sind, die sich in Haus und Garten tummeln, weiß man nicht genau; und auch nicht, ob es sie wirklich gibt oder es sich um Fantasiegestalten handelt. Die Mutter hat jedenfalls eine Menge mit ihnen vor, Poolbau und Gang Bang inklusive…
Das ganze Buch ähnelt dem Kuriositätenkabinett, das sich aus der Sammlung von Dating-Kandidaten im echten Leben wohl auch ergeben würde. Es lädt nicht zur schnellen Lektüre ein, hinterlässt aber bleibenden Eindruck. Betörend verstörend. Gerne mehr davon.

Dominique Goblet und Kai Pfeiffer: Bei Gefallen auch mehr, Avant, 176 Seiten, 39,95 Euro

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