„Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“ : Eine Reise in die Stille

Igorts gezeichnetes Reisetagebuch „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“ ist ein Meisterwerk der Kontemplation.

Reise ohne Ziel: Eine Szene aus „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“.
Reise ohne Ziel: Eine Szene aus „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“.Foto: Reprodukt

Wenn Menschen verzweifelt sind, in eine Sinnkrise fallen oder nach Antworten für ihr Leben suchen, begeben sie sich nicht selten auf eine Reise. Egal ob sie nun pilgern, Orte der Kindheit aufsuchen, mit einer NGO in ferne Länder fahren oder sich ohne konkretes Ziel auf einen Road Trip begeben – das Reisen soll Heilung und Klarheit bringen.

So erging es auch dem italienischen Zeichner Igort („Berichte aus Russland“) in „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“: Über Jahre hinweg hatte er immer wieder seine Wahlheimat Japan besucht, so auch im Jahr 2015, als er anlässlich einer Ausstellung seiner Werke nach Tokio fuhr.

Doch diesmal löste der Aufenthalt eine unerwartete Wehmut in ihm aus: Angesichts des rasanten urbanen Wandels und des Verschwindens vieler einst vertrauter Orte wird Igort von einer inneren Unruhe ergriffen und beschließt, den großen Städten den Rücken zu kehren und ins Landesinnere zu wandern.

Flucht vor der Unruhe der Moderne

Begleitet von Texten des Haiku-dichtenden Wanderpoeten Matsuo Basho und dem „Buch der fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi begibt er sich auf eine Reise ohne Ziel: „Ich ließ mich treiben und genoss es, mich zu verlaufen. Und langsam begriff ich: Wer sich in unbekannten Gegenden verläuft, der kann Zugang zu Räumen eines tief verborgenen Selbst finden.“

Für Igort, der mit bürgerlichem Namen Igor Tuveri heißt, ist es nicht der erste Comic über Japan: Bereits 2016 hatte er mit „Berichte aus Japan – Eine Reise ins Land der Zeichen“ seine bislang persönlichste Arbeit vorgelegt, in dem er nicht nur das Land, sondern auch seine innige Beziehung zu ihm porträtiert hatte.

Als einer der ersten westlichen Zeichner hatte Igort Anfang der Neunziger Jahre über zehn Jahre lang bei einem japanischen Verlag gearbeitet. Diese Erfahrungen ließ er zusammen mit Exkursen über Manga-Kultur und -Künstler in sein erstes Japan-Buch einfließen. Collagenartig flossen dabei Comic-Sequenzen mit längeren Texten, Fotos und großen wortlosen Einzelbildern zu einem vielschichtigen Reisetagebuch zusammen.

Walheimat: Eine Szene aus „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“.
Walheimat: Eine Szene aus „Berichte aus Japan – Ein Zeichner auf Wanderschaft“.Foto: Reprodukt

„Ein Zeichner auf Wanderschaft“ ist ähnlich aufgebaut, legt den Fokus jedoch stärker auf die innere Reise, die Igort parallel zur äußeren vollzieht: Er besucht verwunschene Friedhöfe, Klöster, Thermalbäder, Papiermanufakturen und alte Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben ist, um der Unruhe des modernen Japans zu entfliehen, das so gar nichts mit der traditionellen, durch den Zen- Buddhismus geprägten Kultur zu tun hat, die er so liebt. Auf der Suche nach Einsamkeit und Besinnung vollzieht Igort einen reich illustrierten Streifzug durch japanische Philosophie, Literatur, Mythologie und Kulturgeschichte.

Zentral dabei ist Basho, „der Dichter, der mit dem Stift die Zeit anhalten wollte“. Genau das will auch Igort: In hypnotisch schönen Aquarellzeichnungen versucht er, das alte Japan festzuhalten, das allmählich von Neonreklame, Cosplayern und Konsumkultur verdrängt zu werden droht.

Ebenso virtuos wie sensibel setzt er unscheinbare Details in Szene, egal ob in naturalistischen Darstellungen, leicht hingeworfenen Skizzen oder den Nachempfindungen traditioneller Holzschnitte – man merkt jeder Seite die Hingabe an, die Igort in die Zeichnungen gesteckt hat.

Diese Hingabe gepaart mit Igorts großer Fähigkeit, sich in andere Kulturen, Länder und deren Menschen einzufühlen, zieht einen Seite für Seite in den Comic hinein, macht einen zum Reisegefährten des Zeichners. Es ist ein Comic wie eine Meditation: Die Ruhe und die Klarheit der Bilder überträgt sich nach und nach auf den Leser.

Manga Metropolis - ein Tokio-Rundgang
Alltagskultur. Eine junge Mangazeichnerin arbeitet in einem Café an ihrem Werk.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Lars von Törne
10.11.2014 14:19Alltagskultur. Eine junge Mangazeichnerin arbeitet in einem Café an ihrem Werk.

Hemmungslos nostalgisch und affirmativ

Natürlich muss man bereit sein, sich mit auf diese Reise zu begeben, denn Igorts Blick auf Japan ist hemmungslos nostalgisch und affirmativ: Kritische Töne gibt es hier und da zwar schon – etwa zu den modernen Einsiedlern, den Hikikomori, die ihre Zimmer nicht mehr verlassen, oder zum Karoshi, den „Tod durch Überarbeitung“ – doch selbst hier verklärt Igort streckenweise, ist von diesen Phänomenen der japanischen Moderne eher fasziniert als befremdet. Ein typischer Verhaltenszug all jener, die von einer fremden Kultur begeistert sind. „Sie sind japanischer als ich“, sagt eine gebürtige Japanerin an einer Stelle zu Igort, nachdem er ihr einige seiner Zeichnungen gezeigt hat.

„Ein Zeichner auf Wanderschaft“ ist die gelungene Fortsetzung von „Eine Reise ins Land der Zeichen“, die zusammen eine der wunderbarsten Liebeserklärungen an Japan darstellen, die es im Comic-Bereich gibt (ohne selbst ein Manga zu sein). Zu verdanken ist dies in erster Linie Igorts zeichnerischer Intuition, durch die sich Opulenz und Zurückhaltung in perfekter Balance die Waage halten. Inhaltlich und grafisch ist es seine vielleicht schönste Arbeit.

Igort: Berichte aus Japan 2 – Ein Zeichner auf Wanderschaft, aus dem Italienischen von Myriam Alfano, Handlettering von Michael Hau, Reprodukt, 184 Seiten, 24 Euro

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Reprodukt

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