Comic-Adaption von „Der Dschungel“ : Im Schlachthof des Kapitalismus

Upton Sinclairs sozialkritischer Roman „Der Dschungel“ schrieb Geschichte. Kristina Gehrmanns Comic-Adaption wird der Vorlage nur ansatzweise gerecht.

Aufgeräumt: Eine Seite aus „Der Dschungel“.
Aufgeräumt: Eine Seite aus „Der Dschungel“.Foto: Carlsen

Chicago, Anfang des 20. Jahrhunderts. Kein heimeliger Ort: In den „Union Stock Yards“, den riesigen Fabriken der damals weltweit größten Fleischverarbeitungsindustrie, werden Hunderte von Schweinen täglich zu Dosenfleisch verarbeitet. Aber auch die Menschen, die hier in höchster Spezialisierung arbeiten, hatten es um die Jahrhundertwende nicht leicht: Sie wurden schlecht bezahlt, waren nicht abgesichert, mussten im Krankheitsfall hungern, und selbst bei Arbeitsunfällen stand ihnen kein Lohn zu. Dabei war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf die Arbeiter angewiesen. Millionen von Einwanderern wurden gebraucht, um die neuen industriellen Anlagen zu füllen und zu bedienen.

Die 1989 geborene Zeichnerin Kristina Gehrmann (bekannt durch die Trilogie „Im Eisland“ über die historische Franklin-Expedition, erschienen im Hinstorff Verlag) widmet diesen Migranten im Boomzeitalter des Kapitalismus eine umfangreiche Graphic Novel: „Der Dschungel“ ist die Adaption des Romans „The Jungle“ von Upton Sinclair (1878-1968), der 1905 zunächst in Fortsetzungen in einer sozialistischen Zeitschrift erschien, und – nachdem das Buch zunächst von vielen Verlagen als zu brisant eingestuft und abgelehnt wurde - 1906 als gebundenes Buch erschien, das sofort zum Bestseller avancierte, der in 17 Sprachen übersetzt wurde, unter anderem auch in die deutsche.

Ein frühes Vorbild für Günter Wallraff

Sinclair schilderte ungeschönt das Schicksal einer litauischen Einwandererfamilie, die versucht, sich mit ehrlicher Arbeit ein Leben aufzubauen. Dabei legte Sinclair (der heute u.a. durch die 2007 veröffentlichte Verfilmung seines Romans „Oil“ im Gedächtnis ist: „There Will Be Blood“ von Paul Thomas Anderson) besonderen Wert auf die Genauigkeit der Schilderungen der Arbeitsvorgänge wie der –bedingungen, unter denen die Arbeiter körperlich hart schuften mussten.

Upton Sinclair hatte diese Umstände wie auch die damit verbundenen Lebensverhältnisse akribisch recherchiert, indem er selbst sieben Wochen undercover in einer solchen Fabrik anheuerte (als Enthüllungsjournalist bot er ein Modell für Günter Wallraff und andere) und konnte so den Weg einer Familie von der verheißungsvollen Ankunft in Ellis Island bis hin zum sozialen Niedergang und Absturz ins Elend mit höchster Authentizität illustrieren.

Lautere Leute: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.
Lautere Leute: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Carlsen

Das Buch rief – auch dank mancher pamphlethafter, agitatorischer Elemente darin - einen Skandal hervor und führte zu politischen Maßnahmen wie zur Inspektion der Zustände in den Schlachthöfen und – zeitweiliger – Verbesserung der Lebensmittelhygiene und des Lohnniveaus. Der damals amtierende Präsident Theodore Roosevelt nannte investigative Autoren wie Sinclair, der zeitweise für verschiedene Posten der Sozialistischen Partei kandidierte, „Muckrakers“ - „Nestbeschmutzer“.

Sinclairs aufklärerischer Impetus und seine Nähe zu sozialistischen Anschauungen bleibt auch in Kristina Gehrmanns Graphic Novel-Version des „Dschungels“ erhalten. Auf nahezu 400 Seiten versucht sie, dem Handlungsverlauf des Romans treu zu bleiben und verzichtet auf eine Modernisierung des Stoffes.

In der Tat ist die Situation der Einwandererfamilie Rudkus zwar heute historisch, jedoch sind die Arbeitsbedingungen einfacher Arbeiter in der Trump-Ära heute auch nicht wesentlich solider. Kristina Gehrmann zeichnet die Familienmitglieder als lautere Leute, die 1899 in naiver Hoffnung das neue Land betreten und von bescheidenem Wohlstand träumen.

Abstieg in die bitterste Armut

Im Mittelpunkt stehen der junge Jurgis Rudkus und seine Verlobte Ona, die sich zusammen mit anderen Verwandten Jobs in den Union Stock Yards suchen und bald ein Haus beziehen, das sie per Kredit abbezahlen. Doch bald werden sie Opfer der harten Arbeitsbedingungen und von Immobilienhaien übers Ohr gehauen. Als Jurgis einen Arbeitsunfall hat, scheinen sie alles zu verlieren...

Akribisch genau beschreibt Gehrmann die Arbeitsaufteilung in der Fabrik, wie sie auch im Verlauf der Graphic Novel die Verkettung unglücklicher Vorfälle nachzeichnet, die zum allmählichen Abstieg in die bitterste Armut führen – einem geradezu zwangsläufigen Abstieg, der, wie Upton Sinclair es darlegte, dem (früh-) kapitalistischen System immanent ist und von Menschen ohne Beziehungen in die Machtstrukturen nicht aufzuhalten ist.

Was Kristina Gehrmann nicht vermag, ist, aus den - bei Sinclair naturalistisch und wenig gefällig angelegten - Figuren lebendige Charaktere mit Ecken und Kanten zu machen. In ihrer Ästhetik orientiert sich die junge Zeichnerin vor allem an Manga-Vorbildern, sodass die schablonenhaft gezeichneten Gesichter und Physiognomien der Figuren nur sparsam mit eigenen Merkmalen versehen werden, die Charaktere der Hauptfiguren unausgereift wirken und in ihrer Naivität allzu blass bleiben.

Die bleistiftgraue Ästhetik passt zum Thema, jedoch fällt das Seitenlayout sehr konventionell aus, was auf Dauer auf den Leser eintönig wirkt. Auf vollkommen beliebige Weise werden die Doppelseiten, die jeweils neue Kapitel einleiten, mit zeitgenössischen Reklamen umrahmt.

Das Cover des besprochenen Buches.
Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Carlsen

Unverständlich bleibt vor allem, warum in Gehrmanns Adaption das Chicagoer Straßenbild wie auch die Arbeitswelt weitgehend menschenleer erscheint. Weder auf der – wie aus vielen Überlieferungen bekannt, in der Realität stets total überfüllten - Überfahrt in die Neue Welt noch in den Schlachthöfen scheint die Zeichnerin das Bild einer modernen Massengesellschaft zu interessieren, stattdessen geht alles sehr geruhsam zu oder es herrscht gar Leere. Selbst in einer Straßenbahnszene wirkt alles sehr aufgeräumt und gar nicht gedrängt.

Außerdem unterschlägt Gehrmann so manch grausiges Detail aus Sinclairs Schilderung der Schlachthöfe (so fallen etwa in einer Szene des Romans Menschen in Tanks mit Tierresten und die Verarbeitung läuft weiter), was der Comicversion hätte Biss verleihen können. Für eine historische Comic-Erzählung fehlt es den Hintergründen oft an anschaulichen Details, die Panels erinnern so manchmal an Storyboardzeichnungen.

Das ist schade, da das ausgewählte Thema, die Schattenseite des Kapitalismus vor dem Hintergrund der boomenden Industrialisierung und massenhaften Migrationsbewegungen, viele Facetten aufweist und nichts an Aktualität verloren hat. Einzig die gut nachvollziehbare, klare Erzählweise Gehrmanns dürfte die historisch-sozialkritischen Aspekte der Graphic Novel als Schullektüre empfehlen.

Kristina Gehrmann: Der Dschungel – Nach dem Roman von Upton Sinclair. Carlsen Verlag, 384 Seiten, 28 Euro

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