Comic „Anibal 5“ : Anachronismus mit Aktualität

Über 25 Jahre nach seinem Entstehen bekommt „Anibal 5“ eine deutsche Erstveröffentlichung. Genau zum richtigen Zeitpunkt, findet Comiczeichner Bela Sobottke.

Bela Sobottke
Anibal 5, porträtiert von unserem Autor.
Anibal 5, porträtiert von unserem Autor.Illustration: Bela Sobottke

Der chilenische Autor und Regisseur Alejandro Jodorowsky polarisiert. Die einen verehren ihn, andere lehnen ihn ab. Mir ist Jodorowsky das erste Mal begegnet, als ich mit 13 Jahren den vierten Band der Science-Fiction-Reihe „John Difool“ kaufte, „In höchsten Höhen“. Ich war natürlich viel zu jung und verstand nur Bahnhof – aber was war das für ein fantastischer Bahnhof!

Jodorowskys Geschichte war fantasie- und humorvoll, dramatisch, abstrus, frivol. Das alles fing Meister Mœbius in gigantischen Zeichnungen ein. Ich hing an der Angel. Den Rest übernahm „El Topo“, Jodorowskys psychedelischer Quasi-Western, mit dem er die Tradition des „Midnight Movies“ begründete. Wer weiß, ob ich selber mit dem Zeichnen von absurden Western-Comics begonnen hätte, wenn ich diesen Film nicht gesehen hätte.

Science-Fiction-Parodie: Eine Seite aus „Anibal 5“.
Science-Fiction-Parodie: Eine Seite aus „Anibal 5“.Foto: Schreiber & Leser

1992, während einer Interrail-Tour durch Europa, kaufte ich mir mit 17 schließlich in Paris das erste Album eines weiteren, nagelneuen Jodorowsky-Comics: „Anibal 5“. Wieder war ich begeistert und zudem absolut sicher, dass diese freizügige Science-Fiction-Parodie niemals in Deutschland veröffentlicht werden würde.

Die Geschichte basiert auf Jodorowskys erstem Comic von 1966 und wurde diesmal in Zusammenarbeit mit seinem bewährten Mitstreiter Georges Bess neu interpretiert. Der französische Zeichner hat unter anderem bei Mœbius gelernt und für die skandinavische Ausgabe der US-Comicserie „The Phantom“ gezeichnet. Das merkt man seinen eleganten Zeichnungen und den dynamischen Seitenlayouts an: Sie vereinen das beste der frankobelgischen und der amerikanischen Comic-Tradition und schenken „Anibal 5“ eine zeitlose Klasse.

Brennendes Napalm schießt aus seinem besten Stück

Jetzt ist der Comic in einer Integral-Ausgabe doch noch in Deutschland erschienen. Der Cyborg-Superagent Anibal 5 wird im Auftrag der „Vereinten Verteidigung Europas“ (V.V.E.) auf Missionen gegen Aufrührer, meistens anderer Hautfarbe und weiblichen Geschlechts, geschickt. Dabei stellt er regelmäßig seine sexuelle Leistungsfähigkeit unter Beweis; in den absurdesten Momenten schießt Anibal 5 brennendes Napalm aus seinem besten Stück.

Anibal 5 auf dem Titel der deutschen Ausgabe.
Anibal 5 auf dem Titel der deutschen Ausgabe.Foto: Schreiber & Leser

Es gibt eine Menge, was man an „Anibal 5“ kritisieren kann, zum Beispiel das Konzept von Sex als Fortsetzung des gewaltsamen Konflikts. Aber bei genauerer Betrachtung offenbart sich eine satirische Ebene, die unsere heutige Zeit fast noch passender kommentiert als die 90er Jahre.

Der Chef der V.V.E. wirkt wie die Versinnbildlichung des sprichwörtlichen alten, weißen Mannes, der so verbissen den postkolonialistischen Status Quo und seine Privilegien verteidigt, dass er jegliche Moral verloren hat. Seine Erfüllungsgehilfen, die jeden Einsatz von Anibal 5 akribisch mit seinen verursachten Kosten gegenrechnen, erscheinen wie Karikaturen von kapitalistischen Technokraten, die eiskalt Flüchtlinge ersaufen lassen, wenn es nur der Kasse dient. Und Anibal 5 selbst wirkt mit seiner Hyperpotenz wie eine Parodie auf männliche Allmachtsfantasien von „Pick-Up-Artists“ und anderen weinerlich-aggressiven Männerbünden.

Man könnte meinen, der alte Schamane Jodorowsky hat Anfang der 90er in seine Kristallkugel geschaut und das Jahr 2018 gesehen. Der Zeitpunkt der deutschen Veröffentlichung von „Anibal 5“ hätte nicht besser gewählt werden können.

Alejandro Jodorowsky, Georges Bess: Anibal 5, Schreiber & Leser, 136 Seiten, 29,80 Euro

Unser Autor Bela Sobottke ist Grafiker und Comiczeichner und lebt in Berlin. Er zeichnet absurde Western-Comics wie die jüngst erschienene „Kleine krude Rocco-Fibel“ (Gringo Comics, 28 Seiten, 4,95 Euro). Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich unter anderem hier, hier und hier.

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