Das hier sind die beiden Top-Titel von Frank Wochatz - plus Bonus

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Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2015 – Frank Wochatz' Favoriten
Frank Wochatz
Lesen und lesen lassen. Bei der Vielzahl der neuen Comics fällt mitunter die Auswahl schwer. Die Tagesspiegel-Kür soll bei der Orientierung helfen.
Lesen und lesen lassen. Bei der Vielzahl der neuen Comics fällt mitunter die Auswahl schwer. Die Tagesspiegel-Kür soll bei der...Foto: Jens Kalaene/dpa

Platz 2:
"Holmes" von Luc Brunschwig und Cécil (Jacoby & Stuart)

In den Romanen von Arthur Conan Doyle stirbt der berühmte Detektiv Sherlock Holmes im Kampf mit seinem Erzfeind Professor Moriarty. Der Comic Holmes setzt genau an diesem Ereignis ein - erzählt wird die Zeit nach dem Absturz des Detektivs in die Reichenbachfälle. Insofern ist der Comic keine Adaption, sondern eine völlig eigenständige Geschichte, eigentlich ist es sogar Holmes ohne Holmes, zumindest ohne Sherlock. Der unsterbliche Mythos wird in diesem Comic aus einer etwas anderen Perspektive betrachtet, die Geschichte wirft dabei einige Fragen auf: stimmen die Geschichten über Holmes überhaupt, was hat er wirklich in den letzten Jahren getan, gab es Moriarty tatsächlich und wie stand er zu Sherlock, ist Holmes wirklich tot? Später im Verlauf der Serie gewinnt die Geschichte noch einiges an Eigendynamik und geht etwas mehr in die Breite. Die Familie Holmes wird vor dem Hintergrund des Wandels der Gesellschaft kurz vor der Jahrhundertwende weiter beleuchtet. Dabei trifft die Erzählung sehr gut den Tonfall der Romane, und die unglaublich schönen und komplexen, im positiven Sinne altmodischen Zeichnungen vermitteln die Zeit und die Stimmung perfekt. Bewundernswert ist auch die Stringenz, mit der der zeichnerische Level in jedem Panel über alle Bände gehalten wird, und mit welcher Ruhe die Geschichte ausführlich erzählt wird, da gibt es seitenweise Passagen, die einzig der Stimmungsgebung dienen, z.B. mit tollen Stadtansichten oder Szenarios der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. So etwas sah man zuletzt in Shaun Tans „Ein neues Land“ oder bei Yslaires und Balacs „Sambre“, und in einer schnelllebigen Welt ist diese Serie, bei der die Künstler mehrere Jahre an einem Band arbeiten, ein wohltuender Anachronismus, auch wenn man etwas Geduld für die Fortsetzung mitbringen muss. Schöne Making-Ofs mit Skizzenmaterial und entfallenen Sequenzen runden die Bände ab. Der dritte Band der Serie ist in diesem Jahr erschienen, und für mich ist der Band stellvertretend für die ganze Serie einer der Comics des Jahres. Elementar, würde Sherlock Holmes sagen.

Platz 1:
"Wet Moon" von Atsushi Kaneko (Carlsen)
In den 60er Jahren findet der Wettlauf um die erste Mondlandung zwischen den USA und der Sowjetunion statt. Die Leiche eines japanischen Ingenieurs, der als Zulieferer für einen geplanten Mondflug Spezialteile entwickelt und herstellt, wird zerstückelt und über die Stadt verstreut aufgefunden. Der junge Inspektor Sata ermittelt in diesem Mordfall - und bereits zweimal ist ihm die Hauptverdächtige Femme Fatale entkommen. Gleichzeitig plagt Sato ein Splitter in seinem Kopf, den er sich bei einem Unfall eingehandelt hat. Dieser sorgt mitunter für Halluzinationen und Blackouts. Parallel nutzen einige seiner korrupten Kollegen seine schlechte mentale und geistige Verfassung aus, um mit ihm ein böses Spiel zu spielen. Wie man einem dem Comic angehängten Interview entnehmen kann, hat der Künstler Atsushi Kaneko mit Mainstream-Mangas im Allgemeinen nicht viel am Hut, sondern wird in dem Buch auch als 'Freier Radikaler' betitelt.

Beeinflusst ist Kaneko maßgeblich vom Film. Als sein großes Vorbild nennt er Stanley Kubrick. Die erste Assoziation, die ich als Leser beim Lesen von "Wet Moon" ziehe, zielt allerdings eher auf Alfred Hitchcocks Werk - das fängt schon beim Cover an, das geht über spannende Szenen mit angsterfüllten Augen bis zu den seltsamen und schrulligen Bad Guys (ich erinnere hier mal an die Charaktere aus „Der unsichtbare Dritte“), letztere sind in dem Manga auch mit herrlichen Bad-Guy-Visagen ausgestattet. Zudem existieren einige surreale Ausflüge, die an David Lynchs Filme erinnern, dessen Werke der Zeichner auch als Inspirationsquelle nennt. Jedoch arbeitet Kaneko mit Codes, die man als Leser noch deuten kann, während Lynch sich ja in einigen seiner Filme völlig von dem Gedanken einer rationalen Erklärung seiner Bilder getrennt hat. Lynch soll ja einmal gesagt haben, dass man seine Werke zwar interpretieren könne - aber nicht solle. Lynch zielt mit seinen Bildern rein auf Stimmung und ev. persönliche Assoziationen, während bei Kaneko die kleinen seltsamen, phantastisch anmutenden Ausflüge in einigen Bildsequenzen neben der Stimmung auch schon noch sehr gut die Handlung unterstützen, und mit dem Splitter im Gehirn des Hauptprotagonisten sogar noch erklärt werden. Da liegt wohl der große Unterschied zwischen Lynch und Kaneko, der Comickünstler verliert seinen Plot nicht aus dem Auge, und das macht den Manga für mich besser lesbar. "Wet Moon" ist zudem auf eine Verfilmung angelegt, bzw. sollte der Manga eigentlich parallel zu einem Film entstehen. Letzterer steht allerdings aus Budgetgründen noch aus.

Atsushi Kaneko zieht einige Register des grafischen Erzählens. So arbeitet er zwar einerseits mit Mitteln des Film Noir, anderseits hat der Künstler auch ein großes Gespür für Rhythmus im Comic, etwa wenn er einzelnen Sekunden Szenen über mehrere Seiten entschleunigt, oder wenn er mit immer wieder anderen Perspektiven und Bildausschnitten den Leser dazu zwingt, ganz genau und noch ein zweites, drittes oder viertes mal hinzuschauen. "Wet Moon" ist kein Comic, den man mal eben schnell durchliest, und ich würde den Comic auch nicht unbedingt einem Einsteiger empfehlen. Dafür ist die Geschichte m. E. auf den ersten Blick einfach zu sperrig angelegt - auf "Wet Moon" muss man sich einlassen.

Die Handlung wird in einem Gegenwartsstrang und verschiedenen Rückblenden erzählt. Wie in einem Puzzlespiel, das der Leser zu lösen hat ergeben die einzelnen Szenen ein Gesamtbild, das nach Abschluss des ersten Bandes der dreiteiligen Serie natürlich noch jede Menge Fragen offen lässt. Dem Leser wird Konzentration und Aufmerksamkeit abverlangt, etwa dabei, dass der Leser nur am Vorhandensein einer Narbe am Kopf des Protagonisten erkennt, in welcher Zeitebene er sich gerade befindet. Dafür hinterlässt der Comic - wie ein wirklich gutes Buch oder ein bewegender Film - so etwas wie einen Nachhall. Und so soll das bitte sein.

Auf eine Analyse des Zeichenstils, der sich irgendwo zwischen japanischen Old-School-Mangas, amerikanischen und europäischen Comics bewegt, möchte ich hier an dieser Stelle verzichten. Schaut es Euch bei Interesse einfach mal an. "Wet Moon" entzieht sich wie auch viele andere japanische Comics erzählerisch, sowie zeichnerisch den landläufigen Klischees über stereotype Mangas, und erscheint bei Carlsen in einer sehr schön aufgemachten und nach Angabe des Verlages sehr kleinen Auflage im Graphic-Novel-Format. Ich empfehle zuzuschlagen, solange die Reihe verfügbar ist.

(Anmerkung: Die Besprechung zu "Wet Moon" ist ein leicht gekürzter Artikel, den ich bereits im Oktober in meinem Blog veröffentlicht habe)

0. Bonus

Außer der Reihe möchte ich noch auf zwei hervorragende Nachdrucke klassischen Materials hinweisen. Beiden gemeinsam ist, dass sie Ihrer Zeit voraus waren, sowohl was ihr humanistisches Weltbild, als auch die Ambivalenz der Figuren betrifft. Da wir auf unserem kleinen Planeten gerade das Revival der Blödheit erleben, finde ich den Zeitpunkt der Reprints quasi als Kontrapunkt sehr passend zur politischen Lage. Denn ausschließlich postmoderner Zynismus bringt uns auch nicht weiter. Zudem sind beide Klassiker gut gealtert.

Schreiber & Leser hat sich der Aufgabe gestellt, "Corto Maltese" von Hugo Pratt nachzudrucken. Die lyrische Abenteuergeschichte des Weltbürgers und Kapitäns ohne Schiff ist ein Meilenstein des romanartig erzählten Comics, und zugleich ein Beleg dafür, dass es anspruchsvolle Comics auch schon vor der Graphic-Novel-Kampagne gab. Die neue Ausgabe ist wunderschön. Nachgedruckt wurde die Urfassung in Schwarz-Weiß in einer Miniauflage, sowie die reguläre aquarell-kolorierte Ausgabe. Ich empfehle dem geneigten Leser in der Comic- oder Buchhandlung sich nicht von dem etwas schwadronierenden Vorwort des ersten Bandes von Umberto Eco abschrecken zu lassen. Einfach mal in den Comic selber reinlesen.

Ein weiterer Klassiker wird gerade in der Egmont Comic Collection nachgedruckt. Es handelt sich um "Buddy Longway" von Derib, einer Outdoor-Survival-Geschichte in Nordamerika des 19. Jahrhunderts (ich versuche bewusst das Wort "Western" zu vermeiden) zwischen den Fronten der Ureinwohner und Einwanderer, und zugleich die Lebensgeschichte eines Trappers und seiner indianischen Frau. Eine Besonderheit der Comicserie ist, dass die Figuren in der Serie altern. "Buddy Longway" erscheint in einer Gesamtausgabe mit jeweils vier Geschichten und ausführlichem redaktionellen Teil pro Band.

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