Comic „Betty Boob“ : Kampf den Konventionen

Tragik, Komik, echte Charaktere - und ganz ohne Worte: Véro Cazot und Julie Rocheleau behandeln in „Betty Boob“ das Thema Brustkrebs auf ungewöhnliche Weise

Hetzler Peter
Krebs-Attacke: Eine Seite aus „Betty Boob“.
Krebs-Attacke: Eine Seite aus „Betty Boob“.Foto: Splitter

Wohin mit einer amputierten Brust? Nein, die kann nicht einfach weg. Betty jedenfalls lässt sie sich einpacken und trägt sie in einer Hutschachtel mit sich herum. Sie will sich nicht von ihr trennen. Seit sie ihr amputiert wurde, ist ihr Leben aus den Fugen. Den Job hat sie schon verloren. Als Verkäuferin muss sie im offiziellen Business-T-Shirt auflaufen. Die fehlende Brust versucht sie mit einem Apfel im BH zu kaschieren. Der verschiebt sich bei jeder Bewegung. Es sieht aus, als würde die linke Brust ein Eigenleben führen.

Wenn der Apfel aus dem BH kullert

Noch peinlicher ist es, wenn ihr der Apfel vor versammelter Mannschaft aus dem BH kullert. Bettys Chefin ist der Meinung, eine solche Verkäuferin könne man Kunden nicht zumuten. Und ihr Mann verabschiedet sich aus dem Ehebett, weil er den Anblick nicht ertragen kann.

Es dauert eine Weile, bis Betty seinen Anblick nicht mehr ertragen kann und ihn aus der Wohnung wirft. Erst, als sie sich von gängigen Ansprüchen und Konventionen löst, geht es in ihrem Leben wieder weiter.

Leben aus den Fugen: Eine Seite aus „Betty Boob“.
Leben aus den Fugen: Eine Seite aus „Betty Boob“.Foto: Splitter

Genau das ist das Thema, das Szenaristin Véro Cazot in ihrem Album „Betty Boob“ aufgreift: Müssen Menschen wirklich immer perfekte Körper, tolle Jobs und superharmonische Beziehungen haben? Sind sie nur dann akzeptabel, wenn sie brav gesellschaftliche Normen erfüllen? Oder kann eine Frau mit nur einer Brust nicht auch selbstbewusst und erotisch sein?

Kann sie. Muss sie aber lernen. Denn natürlich ist Betty zunächst am Boden zerstört. Erst versucht sie, den Normalzustand zu imitieren. Aber auch eine künstliche Brust hilft nicht wirklich weiter. Als sie schließlich die Mitglieder einer Varietétruppe kennenlernt, ändert sich das Bild. Die leben alles andere als normal. Und sehen auch ungewöhnlich aus.

Absehbares Happy Ende

Dass die Geschichte von da an ihrem absehbaren Happy Ende etwas allzu glatt entgegen läuft (und kleine Längen hat) ist das einzige, was man Cazot vorwerfen kann. Ansonsten wird die Story abwechslungsreich erzählt. Und das ganz ohne Worte.

Das Schönste sind aber die Zeichnungen der Kanadierin Julie Rocheleau: Weicher, filigraner Strich, fließende Bewegungen, die Charaktere mal verträumt, mal verspielt, mal cartoonähnlich, pures Leben in jedem Panel, Bewegung und Mimik exakt getroffen, abwechslungsreiches Layout. Tragik, Komik, echte Charaktere und Seiten, die man sich gerne länger anschaut. Eines der herausragenden Alben des vergangenen Jahres.

Mehr zum Thema

Julie Rocheleau, Véro Cazot: Betty Boob, aus dem Französischen von Max Murmel, Splitter, 184 S., 24,80 €

Das Titelbild des besprochenen Bandes.
Das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Splitter