Comic-Künstlerin Birgit Weyhe : Zwischen den Kulturen – zwischen den Stühlen?

Birgit Weyhe erkundet in ihrem Comic „German Calendar, No December“ erneut das Leben zwischen Afrika und Deutschland - wie auch im neu aufgelegten „Ich weiß“.

Thomas Greven
Zwischen Hamburg und Lagos: Eine Szene aus „German Calendar, No December“.
Zwischen Hamburg und Lagos: Eine Szene aus „German Calendar, No December“.Foto: Avant

Mit einer überarbeiteten Neuauflage von „Ich weiß“, ihren zuerst 2008 erschienenen Kindheits- und Jugenderinnerungen, sowie der vom Goethe-Institut in Lagos geförderten deutsch-nigerianischen Kooperation mit der Autorin Sylvia Ofili, „German Calendar, No December“, wie auch ihrer alle vier Wochen erscheinenden Serie „Lebenslinien“ im Tagesspiegel war Birgit Weyhe („Madgermanes“, „Im Himmel ist Jahrmarkt“, „Reigen“) in diesem Jahr wieder sehr präsent. Die Relevanz ihrer Arbeiten ergibt sich auch durch die aufgeladene politische Situation in Deutschland, denn bei ihr stehen Begegnungen von Menschen verschiedener Kulturkreise im Mittelpunkt.

Ein Projekt mit Anlaufschwierigkeiten

„German Calendar, No December“, Weyhes jüngster Band, erzählt in warmen Erdfarben und mit kommentierenden Symbolen und abstrakten Ornamenten versehen halb autobiografisch das Leben des nigerianischen Mädchens Olivia, das als „third culture kid“ mit deutscher Mutter ihren Weg finden muss.

Im Gespräch am Rande des Internationalen Comic-Salons im vergangenen Mai erzählte Weyhe von der schwierigen Entstehungsgeschichte des Buchs. „Es war ein Projekt des Goethe-Instituts in Lagos. Ursprünglich sollten zwei Tandem-Bände entstehen; der eine ist bis heute nicht zustande gekommen und wird nun keine deutsch-nigerianische Koproduktion. Auch bei meinem Projekt gab es Anlaufschwierigkeiten, weil ich mit dem zuerst vorgesehenen Autor nicht warm geworden bin. Zum Glück haben wir dann Sylvia Ofili gefunden“.

Das Cover von „German Calendar, No December“.
Das Cover von „German Calendar, No December“.Foto: Avant

Die nigerianische Autorin hat tatsächlich ungarische Wurzeln; dies wurde für den deutschen Markt abgeändert, um den beiden Autorinnen zu ermöglichen, für den zweiten Teil der Geschichte, der in Hamburg spielt, gemeinsam zu recherchieren.

Im ersten Teil geht es, so betont Weyhe im Gespräch, weniger um die Tatsache, dass Olivia ein Mischling ist, sondern darum, dass sie im von ihr vorher romantisierten Internat in der Großstadt Lagos als Dummchen vom Lande gesehen wird, die nicht weiß, welche Musik, welche Tänze, welche Klamotten angesagt sind.

Im gemeinsam entwickelten zweiten Teil ist die Geschichte Fiktion, basiert aber auf Erfahrungen mit Fremdheit, welche Ofili in Ungarn und Weyhe in Afrika und vielleicht auch in Deutschland gesammelt haben. Für die meisten Deutschen ist die junge Studentin nun die entweder abgelehnte oder exotische Schwarze. Freunde findet sie eher unter anderen „Ausländern“.

Emotionale Verwirrungen angesichts rätselhafter Ereignisse

Um Identitätsfragen zwischen den Kulturen geht es auch in den Geschichten des wieder aufgelegten Bandes „Ich weiß“, in dem Weyhe so „autobiografisch wie fiktiv“ ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aus Ostafrika erzählt. Ihr späterer grafischer Stil ist hier schon angedeutet, konkrete und abstrakte Ornamente begleiten die Geschichten.

Autobiografisch fiktiv: Eine Doppelseite aus „Ich weiß“.
Autobiografisch fiktiv: Eine Doppelseite aus „Ich weiß“.Foto: Avant

Allerdings arbeitet Weyhe hier noch mit weniger Panels und in Schwarz-Weiß. Für jede Geschichte entwickelt sie ein eigenes erzählerisches Konzept. Wie in ihrem gesamten Werk gibt es keine Romantisierungen oder Verklärungen, weder sind Naturschönheiten, wilde Tiere und exotische Menschen noch Hunger und Krieg im Vordergrund.

Kindlicher und jugendlicher Alltag aus der Warte eines Kindes und Jugendlichen wird erzählt, und dieser Alltag findet eben in Ostafrika statt, in Kenia, Uganda und Tansania, durchaus auch in Krisensituation, insbesondere während der Schreckensherrschaft von Idi Amin. Der Leser muss meist mit der Protagonistin gemeinsam die diversen Situationen, Ereignisse und Begegnungen entschlüsseln, zum Beispiel warum ein afrikanischer Junge nicht mit einem Chamäleon experimentieren will.

Glaube und Aberglaube werden nicht rationalistisch abgewertet, sondern in die Verunsicherungen und Ängste der Kinderwelt eingeschrieben. Insgesamt gibt es weniger Fakten zu verschiedenen Lebensabschnitten, sondern eher fantasievolle Verarbeitungen von emotionalen Verwirrungen angesichts rätselhafter und manchmal schrecklicher Ereignisse. Das Weyhe auf eine deutsche Schule geht, wird nur nebenbei durch ein einziges Schild erkennbar.

Frühwerk: Das Cover von „Ich weiß“.
Frühwerk: Das Cover von „Ich weiß“.Foto: Avant

Es gibt Sprachlosigkeit (auf den Seychellen), Heimweh („Nie wieder Europa“) und die zeitweise Umkehrung des Afrika-Bildes („Ende der Welt“). Sehr schön ist die (fiktive?) Anekdote aus dem Hotel 77 in Kampala, wo die Zimmernummern nicht mit den internen Telefonnummern der Zimmer korrespondieren. Dies verursacht Chaos, aus dem aber gute Geschichten entstehen. Eine Metapher für Afrika?

Sylvia Ofili/Birgit Weyhe: German Calendar No December, Avant, 168 Seiten, 22 Euro
Birgit Weyhe: Ich weiß, Avant, 244 Seiten, 22 Euro

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin.

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