Comic „Lichtung“ von Antonia Kühn : Traurige Tänzer

In ihrem ersten längeren Comic imaginiert Antonia Kühn eine Familie in Trauer. Das Buch beeindruckt durch unkonventionelle Metaphorik, experimentelle Seitenarchitektur und die Freiheit, Fragen auch mal unbeantwortet zu lassen.

Marie Schröer
„Lichtung“ und Schatten liegen dicht beieinander: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
„Lichtung“ und Schatten liegen dicht beieinander: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Paul ist jetzt elf. Im Alter von sechs Jahren hat er seine Mutter verloren. „Lichtung“ zeigt primär aus der Sicht des Kindes, wie klaffend die Wunden sind, die der Tod hinterlässt. Der erwachsene Leser nimmt zwar Pauls Position ein, ergänzt aber dessen Wahrnehmung durch sein Weltwissen.

Paul sucht die Nähe zur verschwundenen Mutter in alten Familiendokumenten; er klammert sich an die mentalen und fotografischen Erinnerungsbilder. Die nachgezeichneten Fotografien verraten zum einen, was es mit dem Titel des Comics auf sich hat: Die „Lichtung“ diente der erweiterten Familie in längst vergangenen Zeiten als Kulisse für das Picknick im Grünen. Die Eltern tanzten mit der Tante, es gab Kuchen, die Sonne schien.

Warum bleiben die Briefe plötzlich unbeantwortet?

Die Fotos (und der Briefwechsel der zwei Schwestern) zeigen aber noch mehr: Was für Paul das verlorene Paradies darstellt, wirft auf Leserseite Fragen auf: Die überaus innige Beziehung zwischen Mutter, Tante und Vater war womöglich eine komplizierte; oder warum bleiben die Briefe der Tante Hedda plötzlich unbeantwortet; warum taucht sie im Leben der drei Hinterbliebenen nicht mehr auf? Warum hat die Familie den idyllischen Ort am Meer verlassen und ist stattdessen in eine Betonburg gezogen? Und warum hat die fröhliche Mutter aus Pauls Erinnerung ihrem Leben vermutlich selbst ein Ende gesetzt? Die Lektüre profitiert von der Reibung zwischen kindlicher und erwachsener Rezeption. Hinter der Lichtung lauern die Schatten. Diese bleiben als Andeutungen im Raum stehen. Der Comic erklärt nicht, er zeigt.

Die Eröffnung des Buchs kann als Analogie auf den Verlust und als repräsentativ für seine Verhandlung gelesen werden. Die ersten drei Seiten verzichten gänzlich auf typische Comicelemente, wie Sprechblasen, Panels oder gar Sequenzen. Seite eins zeigt die Rückenfigur eines Jungen, der vor einer leeren Lichtung steht. Seite zwei bleibt bis auf einen kleingeschriebenen, mittig angeordneten Satz leer: „Vielleicht gibt es so etwas wie eine allererste Erinnerung überhaupt.“ Ein an eine Felswand geschmiegter Sandpfad ziert die dritte Seite. Erst dann setzt die Erzählung über die „allererste Erinnerung überhaupt“ in Comicform ein.

Die Abwesenheit der Mutter ist immer präsent

Zu sehen sind in versetzten Panels Ausschnitte eines Mobiles aus Vogelköpfen - ein Geschenk der Tante zur Geburt der älteren Schwester Laura. Bei der Neu-Zusammensetzung des Mobiles nach dem Umzug hat die Mutter eine Figur vergessen. Den Abschluss des Prologs bildet eine Doppelseite. Links ein einzelner Satz („Diese Figur wohnt seitdem in unserem Wandschrank.“), rechts das Bild der Vogelfigur, die in erster Linie aus einem überdimensionierten Kugelkopf mit Schnabel besteht. Der Schnabel zeigt wie ein Pfeil auf einen kreisförmigen Rahmen, der die Geometrie der Vogelfigur spiegelt. In diesem Rahmen findet sich eine winzige Profilzeichnung der geliebten Mutter.

Das Mobile begleitet den Protagonisten seit er denken kann und ist insofern unmittelbar mit der Erinnerung an sie verknüpft. Es wird als Leitmotiv auch den Comic und unsere Lektüre begleiten, die mise en page inspirieren und damit die Verstorbene evozieren. Das Fehlen der Figur symbolisiert die dezimierte Familie: Eines integralen Bestandteils beraubt, ist sie aus dem Gleichgewicht geraten. Die Abwesenheit der Mutter ist auf jeder Seite präsent.

Ambivalente Stimmungsbilder: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Ambivalente Stimmungsbilder: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Pauls Vater gibt sein Bestes: Der Geburtstag der Mutter wird weiterhin gefeiert; es gibt dann die von Paul geliebte „kalte Schnauze“. Aber Pauls Appetit auf die Kekstorte hat sichtlich abgenommen. „Ein Stück für… Mama“ -  der Vater muss ihn förmlich zum Verzehr drängen. In den dazugehörigen Panels ist ein Beispiel von Kühns grafischem Einfallsreichtum zu bewundern: Gezoomt wird auf den Querschnitt des Kuchens, dessen gleichmäßigen Keks- und Schokoschichten bei der Erwähnung der Mutter von einem Panel zum anderen zu wilden Zick-Zack-Linien mutieren. Dass die Versuche des fröhlichen Gedenkens zum Scheitern verurteilt sind, zeigt diese grafische Metapher ebenso wie die Körperhaltung von Vater und Sohn. Sie können noch so guten Willens sein, beide sind im wahrsten Sinne des Wortes niedergeschlagen. Sie sitzen, schweigen und essen gesenkten Hauptes.

Überdeutlich wird in dieser Szene nicht nur das Fehlen der Mutter, sondern auch das Fehlen der älteren Schwester. Diese erträgt die Erinnerungsrituale nicht: Als Paul und sein Vater zum Lieblingslied der Mutter tanzen, beendet sie den kurzen Moment der Unbeschwertheit mit brüsken Worten. Laura flüchtet sich in ihrem Schmerz -ganz jugendlich- in den Exzess und die Abwehr. Sie entzieht sich dem Vater und dem Bruder gleichermaßen. Die traurigen Tänzer blicken ihr nicht nur in dieser Szene ohnmächtig nach. Alle drei Familienmitglieder bleiben mit ihrem Schmerz meistens allein, bis eine andere Emotion sie eines Nachts wieder ein Stück näher zusammenbringt…

Hand in Hand im Ringelreigen

Die (vermeintlich) naiven Bleistiftzeichnungen im Kunsthochschul-Stil wirken auf den ersten Blick zwar wenig spektakulär, sind aber ideal geeignet, um die ambivalenten Stimmungsbilder zu transportieren. Die Bildsprache selbst ist außergewöhnlich originell. Kühn zeigt in der Wiederholung der Motive, mit welcher Wucht Objekte, Speisen, Lieder und Orte emotional aufgeladen sind. Der Anblick der „Kalten Schnauze“ tut auch dem Leser weh, da der Kuchen in seiner Unschuld daran erinnert, dass sich die Zeit eben nicht zurückdrehen lässt.

Ganz ähnlich funktioniert auch das rekurrierende Motiv des Mobiles, das wiederum auf das übergeordnete, nahezu programmatische Motiv des Bastelns verweist. Ein Beispiel unter vielen ist die kreative Verhandlung der Darstellung des Tanzes. Ausgangspunkt sind mehrere Flashbacks, in denen das eingangs erläuterte Dreiergespann zu sehen ist: Vater, Mutter und Tante drehen sich Hand in Hand im Ringelreigen. Die an Pauls Erinnerung gekoppelte und von Fotos inspirierte Illustration des Tanzes erinnert an das (schlicht „La Danse“ genannte) Sinnbild der Lebensfreude von Henri Matisse.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Reprodukt

Wir können später beobachten, wie Paul aus dem Sammelsurium alter Fotos eine Girlande aus tanzenden Menschen anfertigt. Den entstandenen Scherenschnitt vernichtet er schließlich abermals, formt aus den Figuren Kügelchen und schenkt die daraus entstandene Papierkette seiner Schwester (die diese erst trägt und dann wegwirft).

Der Comic bastelt Erinnerungsketten und fordert die Lesenden auf, es ihm gleichzutun: Wenig wird diktiert, wir müssen die Bausteine selbst zusammensetzen – und werden so ebenfalls zum bricoleur. Die Formspiele, die Interpretationsspielräume, die ungewöhnliche Perspektive und die mutige Herangehensweise (abseits der Graphic Novel-Patentrezepte) hinterlassen Melancholie, Begeisterung und einen bleibenden Eindruck.

 Antonia Kühn: Lichtung, Reprodukt, 256 Seiten, 24 Euro

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