Comic-Reportage über jungen Guantanamo-Häftling : „Mohammed war 2001 zur falschen Zeit am falschen Ort“

Der Journalist Jérôme Tubiana über seine Graphic Novel „Guantanamo Kid“, in der er das Schicksal eines minderjährigen Gefangenen verarbeitet hat.

Kriminelle Verhältnisse. Eine Szene aus „Guantanamo Kid“.
Kriminelle Verhältnisse. Eine Szene aus „Guantanamo Kid“.Foto: Carlsen

In der kürzlich im Carlsen Verlag erschienenen Graphic Novel „Guantanamo Kid“ erzählt der Journalist Jérôme Tubiana zusammen mit Comiczeichner Alexandre Franc die Erlebnisse des 2009 freigesprochenen, entlassenen Guantanamo-Häftlings Mohammed el Gharani (Carlsen, 176 S., 20 €). Ralph Trommer hat Tubiana zu dem Projekt befragt.

Herr Tubiana, „Guantanamo Kid“ basiert auf Ihren Gesprächen mit Mohammed el Gharani, einem ehemaligen Guantanamo-Häftling. Es stellte sich heraus, dass der dunkelhäutige Mohammed zur Zeit der Festnahme Ende 2001 minderjährig war, und er wurde nach acht Jahren Haft als unschuldig entlassen. Wie sind Sie zu dem Stoff gekommen? Und wie kam der erste Kontakt mit el Gharani zustande?
Als Reporter habe ich sehr viel Reisereportagen gemacht, „Environment Reportages“, und mich sehr bald spezialisiert auf die Sahara-Region, das Horn von Afrika und die Sahelzone. Ich begann über verschiedene bewaffnete Konflikte dieser Region zu berichten, insbesondere im Sudan, auch in Verbindung mit Think Tanks, NGOs und so weiter. Früher habe ich auch für Zeitungen gearbeitet, in den letzten Jahren habe ich vor allem Bücher veröffentlicht und längere Reportagen für verschiedene Magazine gemacht. Nachdem Mohammed el Gharani aus Guantanamo entlassen wurde, war er schon ein wenig bekannt durch die Rechtsanwälte, die ihn verteidigten und auch durch Aktivisten, insbesondere amerikanische, die ihn unterstützten. Es gab auch schon ein paar Journalisten, die über ihn geschrieben, ihn aber nicht persönlich getroffen haben. Schon zu Haft-Zeiten gab es Leute, die Informationen herausschmuggelten über seinen Fall, was aber durch die Zensur der Amerikaner nur zum Teil glückte. Mohammed war einer der jüngsten in Guantanamo, zeitweise sogar der jüngste, und deshalb von den Anwälten herausgepickt worden.

Hatten Anwälte also Zugang zu Guantanamo?
Zunächst nicht, es dauerte ein paar Jahre, bis die ersten Anwälte Guantanamo betreten durften. Sie entdeckten damals, dass es unter den Häftlingen ein paar Jugendliche bzw. Minderjährige gab, die aber von den amerikanischen Behörden wie Erwachsene behandelt wurden. Mohammed wurde als Minderjähriger als einer der ersten Justizfälle als „priority case“ herausgepickt, der verteidigt werden müsste, da sein Fall ein Beispiel für eine doppelte Ungerechtigkeit war: sowohl als irregulärer Gefängnisaufenthalt ohne legale Grundlage wie auch als Minderjähriger. Deshalb durfte ein Gerichtsverfahren eingeleitet wurden, nämlich „Mohammed el Gharani gegen George W. Bush“ vor dem US Federal Court, der ein paar Jahre in Anspruch nahm, aber letztlich gewonnen wurde. Als er entlassen wurde, wurde er in sein Herkunftsland, den Tschad geschickt.

Jérôme Tubiana.
Jérôme Tubiana.Foto: Promo

Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht viel über Guantanamo, aber über den Tschad, da ich wegen der dortigen Konflikte und regionalen Bewegungen öfter dorthin gereist bin. Ein amerikanischer Journalist war gerade dabei, einen langen Artikel über Mohammed vorzubereiten. Eher zufällig wählte er mich aus, ihn zu unterstützen, vor allem, die Fakten zu checken. Ich fragte meine Kontakte in N´Djamena, der Hauptstadt des Tschad, und es stellte sich heraus, dass es nicht ganz einfach, aber möglich war, Mohammed zu treffen und es eine lohnende Geschichte für eine Reportage zu sein schien. Kurz darauf teilte mir der Journalist aber mit, dass er an der Geschichte nicht weiterarbeiten wollte, und erlaubte mir, selbst die Story zu übernehmen. Daraufhin konnte ich Mohammed das erste Mal in einem Hotel treffen, obwohl er damals wenig davon überzeugt schien, was ein Medien-Interview mit ihm bringen könnte. Ich überzeugte ihn, dass es ein ausführliches Interview werden sollte, und dass ich mit ihm zusammen seine ganze Geschichte erzählen wollte.

Wie lange war Mohammed zu dieser Zeit in Freiheit?
Erst ein paar Monate. Er war physisch und psychisch schwach und traumatisiert. Es gelang mir aber, ihn zu überzeugen, und so kam er am nächsten Tag wieder. Wir verbrachten letztlich 15 Tage zusammen, jeden Tag nur einige Stunden, in denen er mir seine Geschichte weitererzählte, aber nicht überlastet werden sollte wegen seines Zustandes. So freundeten wir uns auch an. Die Geschichte wurde im Reportagemagazin „21“ und der „London Review of Books“ veröffentlicht.

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Das französischsprachige Magazin „21“ veröffentlicht doch auch Reportagen in Comic-Form?
Genau, in jedem Heft gibt es neben anderen Reportage-Formen jeweils eine Story im Comic-Format. Wenn man etwas als Comic dort publizieren möchte, ist das einfacher durchzusetzen, als anderswo. Aber zunächst wurde diese Story nicht in Comicform veröffentlicht. In „21“ gab es ein paar Illustrationen eher symbolischer Art, eines sehr guten japanischen Künstlers. In der „London Review“ gibt es traditionell nur Text. Beides funktionierte gut, die Reaktionen waren geradezu enthusiastisch. Die Story war einer der ersten Augenzeugenberichte eines Ex-Häftlings aus Guantanamo überhaupt.

Am Anfang konnten Sie noch nicht wissen, ob Mohammeds Geschichte wahr war...

Natürlich nicht. Am Anfang wusste ich noch nicht viel über Guantanamo, was an meiner eigenen Ignoranz lag, aber es gab 2010 auch erst sehr wenige Informationen darüber, was dort passierte. Ich war sehr überrascht über sehr viele Dinge, die Mohammed mir erzählte, und auch er selbst war überrascht, dass ich so wenig wusste. Denn er ging davon aus, dass alles bereits erzählt worden sei. Erst allmählich begannen Ex-Häftlinge wie er, ihre Geschichten zu erzählen, und so konnte ich manche Fakten gegenchecken. Ich konnte auch mit manchen der Anwälte sprechen, die rund 50 Häftlinge vertraten. So fiel auf, dass die Augenzeugen sehr Ähnliches berichteten und Vieles sich wiederholte. Wenn Ihnen jemand etwas sehr Überraschendes erzählt, haben Sie naturgemäß erst mal Zweifel. Aber wenn Ihnen 20 Leute exakt dieselbe Story erzählen, ist es wahrscheinlicher, dass sie real ist. Ich konnte auch mit anderen Ex-Inhaftierten sprechen, etwa über die Wachen in Guantanamo wie auch über die in Pakistan, und da erkennt man viele Charaktere wieder. Mohammeds Berichte erwiesen sich als bemerkenswert präzise und zutreffend. Dazu kamen die anderen Stimmen, die ein Cross-Checking erlaubten, die Aufzeichnungen der Anwälte und die ersten Bücher zum Thema. Es hat sich über die Jahre aufgebaut. Zu Beginn habe ich sehr viel überprüfen müssen, aber mittlerweile liegt vieles bereits in anderen glaubwürdigen, belegten Publikationen vor. Dazu kamen noch eine Menge geleakter Dokumente, die Wikileaks erarbeitet hat. Die Wikileaks-Mtarbeiter haben viel zusammengetragen, aber auch nicht jeden Fakt gecheckt, da sie vor allem das amerikanische System kritisieren wollen und deshalb nicht immer korrekt arbeiten, ihre Arbeiten auch Fehler und Lügen enthalten. Als Rohmaterial ist aber vieles davon für mich brauchbar gewesen. Graphic Novels bestehen ja normalerweise eher aus Fiktionalem, inspiriert durch die Realität, aber irgendwie manipuliert oder verändert, man füllt Löcher oder Vakuums mit erfundenen Teilen, Charakteren und Dialogen.

Alptraum mit seltenen Lichtblicken. Eine Szene aus „Guantanamo Kid“.
Alptraum mit seltenen Lichtblicken. Eine Szene aus „Guantanamo Kid“.Foto: Carlsen

Mohammeds Erzählung war aber so präzise, dass wir gar nicht solche Löcher und Vakuen hatten, wir mussten nichts ausfüllen, denn das Erzählte war immer besser. Selbst die Dialoge sind nicht erfunden. Mohammed ist der Erzähler, der durch die ganze Graphic Novel führt. Er hat sich meist an den genauen Wortlaut der von ihm erlebten Äußerungen und Dialoge erinnert, sodass wir sie nicht erfinden mussten. Jedes Wort, wie es nun im Buch gedruckt ist, wurde so von Mohammed erinnert. Unser „Vertrag mit dem Leser“ richtet sich danach, dass hier mit journalistischer Sorgfalt gearbeitet wurde anstelle herkömmlicher Graphic-Novel-Arbeitsweise, die der Phantasie mehr Raum lässt.

Die Graphic Novel liest sich sehr flüssig. Es wäre vorstellbar, dass sie auch in Schulen sehr gut zur Anwendung kommen kann, da man sieht, wie es in diesem Gefängnis zugeht.
Mohammed wäre sehr froh, wenn seine Geschichte von Lehrern behandelt werden würde, und es wäre sein Traum, selbst in Schulen dazu etwas sagen zu können, gegenüber einem Teenager-Publikum, das etwa im selben Alter wie er damals wäre, als er in Guantanamo einsaß. Das war auch ein Grund für mich, diese Graphic-Novel-Form zu wählen, um ein junges Publikum zu erreichen.

Wie ist der Zeichner dazugekommen?
Der französische Verlag hat den Zeichner Alexandre Franc ausgewählt und uns bekannt gemacht. Als Test sollte er die ersten drei Seiten umsetzen. Ich hatte mein Szenario bereits geschrieben und gab ihm das Skript, aber er sollte auch genug Freiheit bekommen, um einen Rhythmus zu finden. Er musste immer wieder kleinere Änderungen machen, da Mohammed Verbesserungen an visuellen Aspekten forderte, z. B. wie es im Gefängnis aussah - das war einfach nötig, um die Authentizität zu gewährleisten. Das war manchmal anstrengend für den Zeichner, aber notwendig, da es viele Revisionisten gibt, Leugner Guantanamos ähnlich den Leugnern von Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, denen man nur mit genauster Sorgfalt bezüglich. der Fakten begegnen kann. Der kleinste Fehler kann bedeuten, dass Guantanamo-Befürworter behaupten: Hier ist der Beweis, das ist alles Fake! Aber das hier ist eben kein Fake, alles ist wirklich geschehen. Für mich bedeutet diese Graphic Novel auch ein Experiment, ob es möglich ist, einen Comic nach strengen journalistischen Maßstäben zu machen.

Wie kamen Sie darauf, aus dieser sehr harten Story einen Comic zu machen? Wie hat Mohammed die Idee gefunden?
Er kannte überhaupt keine Comics. Ich machte mir Sorgen, wie er darauf reagieren könnte, denn es ist nicht einfach, Graphic Novels zu verstehen, wenn diese in der Erziehung und in der Kindheit nicht vorkamen. Das muss man erst lernen, und ich dachte, Mohammed könnte denken, dass daraus kein seriöses Buch entstünde. Oder auch, dass er sich in dieser Art der Darstellung nicht wiederfinden könnte. Er könnte den Stil nicht realistisch genug oder gar als kindisch empfinden. Hinzu kommt, dass er Muslim ist und es in der islamischen Kunst keine bildliche Darstellung von Menschen gibt.

Eine weitere Szene aus „Guantanamo Kid“.
Eine weitere Szene aus „Guantanamo Kid“.Foto: Carlsen

Als wir etwa die Hälfte des Buches gezeichnet hatten, wollte ich ihn damit konfrontieren. Es war schwierig, die zeichnerische Seite mit ihm zu besprechen - auf „Whats app“ haben wir viel besprechen können, aber nicht die künstlerische Arbeit. Dann hat es sich ergeben, dass wir uns nochmal treffen konnten. Ich wollte erfahren, wie es ihm indessen ergangen ist, nach Guantanamo, und ihm die bisherigen Seiten des Buchs zeigen. Aber ich war erstaunt, dass Mohammed, der nie einen Comic gelesen hatte, sofort verstand, wie ein Comic funktionierte. Er war zufrieden mit dem Stil der Zeichnungen und konnte uns schon beim ersten Blick auf jede Seite jeden kleinsten Fehler zeigen. Wir einigten uns auf einen Code: „grün“ für die perfekten Zeichnungen, orange für „okay“, das heißt, etwa für die symbolischen, surrealistischen Elemente, bei denen wir nicht ganz so realistisch sein mussten, rot für zu ändernde Elemente. Zum Beispiel hatten wir eiserne Gitterstäbe gezeichnet, die durch Wände ersetzt werden mussten, wie Mohammed sie in jener Situation erlebt hatte. Alexandre Franc änderte das ohne Zögern, damit jedes Detail so authentisch wie möglich wurde.

Hat Mohammed das ganz Buch gelesen?
Ich glaube nicht. Die erste Hälfte übersetzte ich ihm, während ich sie ihm zeigte, ins Englische. Das Buch erschien letztes Jahr in Frankreich, und wir sandten ihm mehrere Exemplare zu, aber ich bezweifle, dass er sie bekommen hat, sie könnten auf dem Weg verloren gegangen sein. Er hat ein englisches PDF bekommen, von dem ich mir auch nicht sicher bin, dass er es downloaden konnte. Das war in einer für ihn sehr schwierigen Zeit, in der er den Kopf womöglich leider nicht frei hatte für das Buch. Mittlerweile liegt es auch auf Englisch vor - darüber wird er sich freuen, und es gibt Interesse von mehreren Ländern, auch eine Übersetzung ins Arabische ist wahrscheinlich geworden. Mohammed liegt viel daran, dass es von arabischen, aber auch von amerikanischen Lesern gelesen wird. Während der Haft hat Mohammed ja amerikanischen Slang durch die Wärter gelernt, und das schlägt sich auch in der englischen Übersetzung nieder.

Nach der Freilassung. Eine weitere Szene aus „Guantanamo Kid“.
Nach der Freilassung. Eine weitere Szene aus „Guantanamo Kid“.Foto: Carlsen

Mohammed ist, als er Anfang 2002 nach Guantanamo gelangt, noch ein Kind, ein Jugendlicher. Seine naive Perspektive bestimmt Teile des Comics, trägt auch zur Komik einzelner Szenen bei.
Der Humor, die Kindlichkeit ist natürlich auf sein Alter zurückzuführen, aber auch auf seinen Charakter. Seine Jugend wurde ihm gestohlen, erst dadurch, dass er wie ein Erwachsener in Medina arbeiten musste - mit 12,13 Jahren als Straßenverkäufer -, dann in der Haft. Aber sein Blick auf die Welt entsprach trotzdem dem eines normalen Teenagers. Auch seine Art der Revolte war typisch für Teenager seines Alters. Aber er hatte auch einen ganz ausgeprägten Sinn für Humor, oft tiefschwarzen Humor voller Ironie. Deshalb lachten wir auch viel, während er mir seine Geschichte erzählte, etwa, weil da ein Bild des amerikanischen Systems entstand, das oft kafkaesk und absurd erschien. So passte auch Alexandres karikierende Art zu zeichnen gut zusammen mit Mohammeds Perspektive, die ich als ironisch und lustig bezeichnen würde. Das war auch seine Art zu überleben, indem er sich über das System, dem er ausgeliefert war, lustig machte. Aber wir zeigen auch die Szenen, in denen er tief deprimiert war und keinen Ausweg mehr sah.

Rassismus ist ein Hauptthema der Graphic Novel. Mohammed wurde in Guantanamo damit konfrontiert, aber auch schon in Saudi-Arabien als Angehöriger einer aus Schwarzafrika eingewanderten Minderheit.
Wie jeder Schwarze hat er in Saudi-Arabien Rassismus erfahren. Das ist auch einer der Gründe, weshalb er so jung das Land verließ, da er begriffen hat, dass er dort keine Anerkennung finden und auch nicht die gleichen Rechte oder Bildungschancen wie die Saudis bekommen würde, das passiert höchstens begehrten Fußballspielern. Aber in Guantanamo war er trotzdem überrascht von dieser massiven Art des Rassismus, den er von einigen weißen Wächtern kennenlernte, die zum Teil echte Rednecks waren. Er bekam auch den Rassismus zwischen weißen und schwarzen Wächtern wie auch weißen und Latinos mit. So bekam er einen rechten „Schwarz-Weiß-Blick“ auf die sozialen Ungleichheiten in den USA, der nicht vollends zutrifft, aber doch ein Körnchen Wahrheit enthält. So begann er, die Verhaltensweisen der Wärter zu studieren, mit manchen konnte er sich auch solidarisieren.

Alexandre Franc.
Alexandre Franc.Foto: promo

Der Humor half ihm auch, trotz der erlebten Gewalt, die Haft zu überleben, der Leser wiederum kann die Geschichte so besser goutieren.
Definitiv. Wir wollten dem Leser keinen Horrorfilm bescheren, sondern eine bewegende, gute Geschichte erzählen. Sie war so erlebt worden, und das Leben ist nun mal manchmal hart, manchmal wiederum zum Lachen, auch wenn es nicht wirklich komisch ist. Mohammeds Erzählung war verständlich und wahr - wir mussten uns dabei keine „Witze“ ausdenken, sondern uns einfach an die Wahrheit halten, der Mix aus Tragödie und Komödie war schon da.

Auch Mohammed wird in der Haft zum Störenfried, schlägt, revoltiert und provoziert die Wachen immer wieder.
Man weiß nicht, ob seine Art, selbst gewalttätig zu werden, seine Haftzeit verlängert hat, aber sicherlich hat sie die Haft nicht erleichtert. Er war ein Troublemaker, weil er ein Teenager war, aber auch, weil er sich den anderen Häftlingen solidarisch verbunden fühlte und weil es ihm half, sich besser zu fühlen, kleine Siege damit zu erringen. Doch damit verschlimmerte er sicher seine Situation, und das wurde auch in seiner Akte vermerkt. Er wurde von anderen isoliert, musste öfter umziehen, und – das zeigen die Wikileaks-Dokumente, die veröffentlicht wurden - wurde als gefährlich eingestuft. Und das weniger wegen der Anschuldigung, ein Terrorist zu sein, als aufgrund der Verhaltensweisen im Gefängnis: das Spucken auf die Wächter, das Kämpfen gegen sie. Es scheint so, als sei es weniger schlimm, ein ruhiger Terrorist in Guantanamo zu sein, als ein Unschuldiger, der die Wachen beschimpft.

Am Ende des abschließenden Aufsatzes im Buch wird die unglaublich Odyssee Mohammeds geschildert, der nach der Freisprechung weiterhin als Ex-Häftling behandelt wird und Probleme hat, sich eine Existenz aufzubauen.
Nach Guantanamo hat er immer wieder mit dem Stigma des Ex-Häftlings kämpfen müssen. Vermutlich ist es in Afrika sogar noch schlimmer, als es in Europa oder Nordamerika wäre: die afrikanischen und auch die muslimischen Länder können sich nicht vorstellen, dass die US-Regierung derart schwerwiegende Fehler machen kann und Unschuldige jahrelang einsperrt. Sie hat den Ruf, gute Geheimdienste, Militär etc. zu haben, also muss da „etwas dran“ sein. Deshalb wurde Mohammed stets als Verdächtiger behandelt, auch im Tschad, das nur das Land seiner Großväter war und nie sein eigenes. Er war dort nicht glücklich und so hat er versucht, zu fliehen. Auch aus dem Sudan floh er, dann wurde er zurück in den Tschad gebracht, und floh erneut. Die Behörden im Tschad ließen ihn beobachten, auch durch den US-Geheimdienst, und so hatte er sich selbst aus dem Tschad herausgeschmuggelt, um dem zu entfliehen. Es gelang ihm dann zeitweilig die Flucht nach Ghana, wo er sich eine Existenz aufbaute und eine Familie. In Guantanamo war er ein sehr dynamischer junger Mann, ein Rebell und Freiheitskämpfer, Anführer der Protestierenden dort. Das behielt er bei, indem er sich in Ghana als Unternehmer betätigte, erst im Lebensmitteltransport, dann hat er eine Bäckerei und ein Restaurant eröffnet.

Der 11. September 2001 und die Folgen im Comic
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1 von 7Bild: Simon & Schuster
03.09.2011 17:51Von bin Laden und Bush gleichermaßen bedroht: Art Spiegelmans Selbstporträt in seiner Collage "Im Schatten keine Türme".


Er ist ein Selfmade-Man geworden, bis er den Ghanaischen Behörden auffiel und wieder in den Tschad ausgewiesen wurde, wo wir uns 2017 erneut im selben Hotel trafen und die Graphic Novel vorantrieben. So ist sein Leben ein Auf und Ab, er versuchte in den letzten Jahren immer wieder, sich etwas neues in anderen afrikanischen Ländern aufzubauen, da er im Tschad keine Möglichkeiten hat. Er war oft ziemlich erfolgreich, und verlor dann doch wieder alles.

Wo befindet er sich jetzt?
Er ist inzwischen 30 Jahre alt, bewegt sich zwischen verschiedenen afrikanischen Ländern hin und her. Erst kürzlich, 2018, ist es ihm gelungen, beim United Nations High Comitee for Refugees (UNHCR) Asyl zu beantragen. Er hat damit noch keinen Asylstatus, aber ein Papier in der Hand, das alle sechs Monate erneuert wird. Aber einen Flug nach Europa wird er damit nicht buchen können. Ich sage ihm immer, er solle bloß nicht die Sahara durchqueren und auch nicht von Libyen aus das Mittelmeer im Schlauchboot überqueren. Als ehemaliger Guantanamo-Häftling fällt er auf, und da er aufgrund der Folterungen auch physisch fragil ist, würde ich ihm das nicht zumuten wollen. Er sucht jetzt nach einem Gastland, das ihn als Asylsuchenden aufnimmt und das ihn als nicht verdächtige, sondern unbescholtene Person behandelt, als normalen Bürger oder zumindest Flüchtling. Europa und Nordamerika kämen dafür in Frage. Wir hoffen, dass das Buch ihm dabei helfen kann. Mohammed war 2001 zur falschen Zeit am falschen Ort - nun hoffe ich, dass er endlich mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein könnte.