Comics für die Urlaubslektüre : Die besten Seiten des Sommers

Was empfehlen Comic-Profis als Urlaubslektüre? Neun Autoren und Zeichner verraten ihre persönlichen Favoriten.

Asterix kennt jeder. Welche Comics sich sonst noch lohnen, verraten unsere Experten.
Asterix kennt jeder. Welche Comics sich sonst noch lohnen, verraten unsere Experten.Foto: Lukas Schulze, dpa

Sommerzeit, Comiczeit – aber welche Neuerscheinungen und Klassiker sind besonders zu empfehlen? Wir haben neun Zeichner nach ihren Tipps gefragt.

ADRIAN VOM BAUR („Hipsters versus ...“, Herausgeber der Anthologie „JAZAM!“)

Die spannende Fantasystory „A House Divided“ von Haiko Hörnig und Marius Pawlitza ist nicht nur einfallsreich, originell und fantastisch gezeichnet, sondern auch noch wirklich lustig. Es geht in dem Webcomic, dessen erster Teil jetzt als Buch erschienen ist, um die junge Waise Henrietta Achilles, die nach dem Tod eines Onkels ein gigantisches Haus in Form eines himmelhohen Turms erbt. In dessen Innerem bekriegen sich Soldaten und Banditen und es verbergen sich so manche Geheimnisse.

Meine zweite Empfehlung, die Serie „LastMan“, handelt von dem Jungen Adrian (kein Wunder, dass mir der Comic gefällt), der im abgelegenen Tal der Könige an einem Kampfsportturnier teilnehmen will. Dafür tut er sich mit dem Fremden Richard Aldana zusammen, der aus der Welt außerhalb des Tals kommt. Bastien Vivès, Balak und Michael Sanlaville verschmelzen den Stil frankobelgischer Independentcomics mit der Dynamik japanischer Shonen-Mangas wie „Dragonball“ oder „Naruto“ und kreieren dabei einen spannenden Abenteuercomic, der Mangafans wie Liebhaber europäischer Comics begeistert.

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FLIX („Schöne Töchter“, „Münchhausen“)

Wenn es heiß ist, lese ich gerne im Liegestuhl einen Klassiker. Diesen Sommer habe ich „Spirou und Fantasio“ wiederentdeckt. Und zwar nicht die alten Bände, sondern die neuen. Seit einiger Zeit wird die Serie nämlich von Fabien Vehlmann und dem Zeichner Yoann fortgeführt und was die da machen, ist ganz großes Kino. Modern, originell, schräg und sehr, sehr witzig erzählen sie Geschichten auf eine Art, die jedem HBO-Serien-Junkie gefallen müsste. Von Brüssel über den Mond in den Nahen Osten weiter in den palumbianischen Urwald, wo das Marsupilami einen lang ersehnten Auftritt hinlegt.

Die Storylines der Bände greifen fein abgezirkelt ineinander und verführen so zum Binge-Reading. Trotzdem funktioniert jedes Album unabhängig von den anderen. Mein liebster Running Gag: Spirou, dessen Markenzeichen ja seit 70 Jahren das rote Pagenkostüm ist, startet in jedem Album ohne eben dieses. Weil er keine Lust mehr auf das olle Ding hat. Und jedes Mal erfindet die Geschichte eine zwingende Notwendigkeit, die ihn wieder in seinen bekannten Dress zwingt. Und dann ab ins Abenteuer. Herrlich!!!

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DAVID FÜLEKI („Manga Madness: 78 Tage auf der Straße des Hasses“)

Mein Kreislauf als Comicleser führt immer wieder zum selben Endpunkt: „Dr. Slump“. Egal, ob man mich nach meiner Inspirationsquelle, dem besten Manga, nach meinem Lieblingscomic generell oder eben einem Tipp für die schwül-fläzigen Sommermonate fragt: Die Antwort ist immer „Dr. Slump“ und wird es immer sein. Was für Filmemacher wohl „Citizen Kane“ oder für Musiker „Dark Side of the Moon“ sein mag, ist für mich die 18 Bände umfassende Gag-Manga-Serie über einen sexuell frustrierten, einfältigen, dicken, aber endlos genialen Wissenschaftler, der sich eine Roboter-Tochter sowie so ziemlich alles andere, was man sich nur vorstellen kann, baut.

Autor Akira Toriyama, der im Anschluss an diese Reihe „Dragon Ball“ und damit den wohl wichtigsten Manga aller Zeiten schuf, kondensierte hier bei all der oberflächlichen Blödelei (zu den Running Gags zählen Kacke am Stiel und pubertäre Damenhöschen-Eskapaden) so extrem seine jugendliche Imaginationskraft und Genialität, dass man beim Lesen Muskelkater bekommt – vom Lachen im Bauch und auch in den Armen vom ständigen Hut ziehen.

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KATHARINA GREVE („Hotel Hades“, „Das Hochhaus“)

Eine Insel dümpelt in den vier Grundlagen aus Stängeln, Kringeln, Funkeln und Wimpeln, darunter liegt die Schädelschicht, die Hoi-Polloi-Ringherde und schließlich der Stänkel – das ist die bisher bekannte „Bohnenwelt“. Der Autor und Zeichner Larry Marder hat für seine Bohnen-Wesen einen kompletten Kosmos mit eigenen Naturgesetzen erdacht, irre und logisch zugleich. Zusammen mit den kleinen Bohnen entdeckt der Leser diese Welt, erlebt mit, wie sie die Kunst erfinden, begegnet absurden Kreaturen und Gefahren, zum Beispiel einem Troll mit Maiskolben-Raumschiff, der alles Leben zu Dosenfleisch verarbeiten will. Herrlich verrückt!

Für die Dinge in dieser Welt, die sich von unserer unterscheiden, hat Marder neue Wörter erfunden, die schon beim Lesen einer einzigen Seite das Gehirn kitzeln. Diese Sprachspiele haben die Übersetzer Dirk Schwieger und Daniela Seel kongenial ins Deutsche übertragen. Lesebefehl für jeden, der nicht nur Urlaub machen, sondern eine ganz neue, skurrile Realität kennenlernen möchte!

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ANNA HAIFISCH („Von Spatz“, „The Artist“)

Wer noch nie ungebetenen Besuch hatte, der kann sich wirklich glücklich schätzen. Alle anderen werden beim Lesen von Max Baitingers „Röhner“ von der eigenen Erinnerung erschaudert und können sich hier diebisch am Leid der Hauptfigur erfreuen. P. wohnt ein bisschen zwanghaft, aber schon irgendwie zufrieden in einer sehr gewöhnlichen Mietwohnung.

Mit seiner Nachbarin versteht er sich zweckmäßig ziemlich gut. Beide sind ein bisschen schrullig, führen aber ein ganz schönes Leben. Bis Röhner zu Besuch kommt. Der ist so was wie ein aufdringlicher, nerviger Kumpel von ‚früher‘. Oder anders gesagt: eine penetrante Heimsuchung. Aus Höflichkeit und Verklemmung wird P. ihn auch nicht so einfach wieder los. Röhner quält P. versehentlich mit seiner grobschlächtigen Art und als er auch noch seine Nachbarin anbaggert, reißt P. die Schnur. Röhner ist ein Psycho-Kammerspiel auf engstem Raum. Ganz großes Theater mit einem wundervollen Bühnenbild in Form von Max’ Zeichnungen!

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REINHARD KLEIST („Der Traum von Olympia“, „Der Boxer“)

Ein richtig guter Comic für die Hängematte ist der neue Corto-Maltese-Band „Unter der Mitternachtssonne“, der nicht vom Schöpfer der Reihe, Hugo Pratt, sondern von dem Szenaristen Juan Díaz Canales („Blacksad“) und dem Zeichner Rubén Pellejero („Dieter Lumpen“, einer meiner persönlichen Abenteuer-Klassiker) gestaltet wurde. Der Abenteurer Corto muss eine Nachricht seines Freundes Jack London nach Kanada bringen und findet sich schnell wieder in einer Odyssee durchs Eis, die See, tiefe Wälder und raue Wildnis, trifft auf irische Freiheitskämpfer, um ihre Unabhängigkeit kämpfende Inuit und um sich schießende „leichte Damen“.

Die Handlung ist spannend, gewohnt lakonisch erzählt, mit pointierten Dialogen. Der Stil orientiert sich recht genau an Pratt, die Farben sind schön dezent gesetzt und geben dem Geschehen eine intensive Atmosphäre. Schnell vergisst man beim Lesen, dass man in Berlin in einer Hängematte faulenzt und findet sich wieder in den düsteren Wäldern Kanadas. Ein Buch, das die Fähigkeit hat, einen an andere Orte zu teleportieren. Faszinierend!

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ULLI LUST („Flughunde“, „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“)

Ich habe kürzlich „Rohrkrepierer“ von Isabel Kreitz zu lesen begonnen und konnte nicht mehr aufhören. Bei der Zeichnerin ist es wohl angebracht, von filmischem Erzählen zu sprechen, in diesem Fall ist es ein spannender, psychologisch fein ausbalancierter historischer Film über die Kindheit des Autors Konrad Lorenz im nicht gerade gutbürgerlichen Hamburger Viertel St. Pauli in der Nachkriegszeit. Gut gebaut und voller Leben. Eine weitere Empfehlung aus traurigem Anlass: Geneviève Castrées „Ausgeliefert“.

In diesem ebenfalls autobiografischen Comic über eine Kindheit in Kanada und den Abnabelungsprozess eines jungen Mädchens von ihrer überforderten alleinerziehenden Mutter und einem feindseligen Stiefvater freut man sich am Ende mit ihr, dass sie es geschafft hat. Die Autorin ist vor wenigen Tagen viel zu früh verstorben. Für die Daheimgebliebenen: „In China“ von Sascha Hommer. Er beschreibt lakonisch-komisch seinen viermonatigen Aufenthalt in der westchinesischen Millionenstadt Chengdu. Die Lektüre gibt einem das gute Gefühl, zu Hause bleiben zu wollen.

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MARTINA PETERS (Tempest Curse“, „Ten“)

Meine Sommerempfehlung ist für Stubenhocker. Anders kann man das wohl nicht sagen, wenn man mit einer Comic-Empfehlung anrückt, die mit ganzen vierzehn Bänden diesen Monat ihr Ende feierte. Es geht um den Manga „Tokyo Ghoul“. Kurz gefasst, wird darin der Protagonist ganz ohne sein Wissen und vor allem gegen seinen Willen aus seinem normalen Leben als Mensch in die ziemlich skrupellos erscheinende Welt der Ghoule geworfen. Hierbei sind mit Ghoulen allerdings keine fledderigen Zombies gemeint, sondern eine weitere Lebensform, die sich unter den Menschen versteckt und ob ihres stark begrenzten Speiseplans (Menschenfleisch) von eben jenen gejagt wird.

Das Besondere an „Tokyo Ghoul“ ist, dass man nicht nur eine Seite als gut und die Gegner als böse vorgesetzt bekommt. Die Geschichte zeigt beide „Lager“, sowohl Ghoule als auch das C.C.G. (eine Art Sonderpolizei) als durchaus „menschliche“ Kreaturen, die menschliche Beweggründe haben, welche einfach nur sehr oft miteinander kollidieren.

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TOMPPA („Der Engel“, „The Counselor“)

Mein Lieblingscomic ist „Marvels“ aus dem Jahr 1994, geschrieben von Kurt Busiek und gezeichnet bzw. gemalt von Alex Ross. Abgesehen davon, dass Ross auch mein unangefochtener Favorit in Sachen Comic-Kunst ist (er schafft es, mit seinen Gouache-Gemälden Superhelden real aussehen zu lassen), ist hier die Story ganz besonders: erzählt wird die Entstehung des Marvel-Universums von den 1940ern bis in die 1970er Jahre aus der Sicht des New Yorker Fotojournalisten Phil Sheldon. Dieser erzählerische Kniff lässt die fantastischen Superhelden des Marvel-Universums zusätzlich echt und greifbar wirken.

Meine zweite Empfehlung ist die aktuelle Serie „Lazarus“, geschrieben von Greg Rucka und gezeichnet von Michael Lark. Sie spielt in einer düsteren Zukunft, in der die Welt von einer Handvoll reicher Familien beherrscht wird. Jede Familie hat ein Oberhaupt, sowie einen sogenannten „Lazarus“. Dies ist der oder die genetisch optimierte Beschützer/in der Familie. Solch ein Lazarus, mit Namen Forever Carlyle, spielt die Hauptrolle in dieser faszinierenden Story. Sie wird in die Intrigen und Machenschaften ihrer eigenen sowie anderer Familien verstrickt, so dass ein Krieg in dieser ohnehin schon menschenfeindlichen Welt immer wahrscheinlicher wird.

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